Bernhard von Sachsen-Weimar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jan van Werth
  auf Briefmarke:

Das ist der Mann, von dem du ein Lob mehr hörst, als daß du ihn siehst [Stork12]

Freiburgs Geschichte in Zitaten

Der Dreißigjährige Krieg II  
oder wie das heilig römisch Reich und
die Stadt Freiburg sind endlich ganz zu Grund gericht

 

Was schert mich mein Gebetbuch

 

Schon nach dem Tode Gustav Adolfs (1611-1632) in der Schlacht bei Lützen hatte Kardinal Richelieu (1585-1642) die Einstellungen der Kampfhandlungen auf deutschem Gebiet befürchtet: In der gegenwärtigen Lage muss das erste Ziel des Königs [Louis XIII (1610-1643)] sein, durch Geld, was es auch kosten mag, zu versuchen, den Krieg in Deutschland und Holland fortzusetzen, ohne dass der König genötigt wäre, offen daran teilzunehmen, unter der Bedingung, dass diejenigen, die das Geld erhalten, weder einen Frieden noch einen Waffenstillstand schließen würden, ohne den König mit einzuschließen [Anri40].

 

Jetzt zwingen die Aussichten auf einen deutschen Frieden Richelieu zum Handeln. Nach Ausschaltung der hugenottischen Opposition hatte der Kardinal innenpolitisch in den Jahren 1630 bis 1632 nun auch den Widerstand des französischen Adels gegen den Absolutismus des Königtums gebrochen und somit außenpolitisch die Hände frei. Bisher hatte Richelieu vor allem im Elsass gegen die Habsburger verdeckt operiert, doch nun am 19. Mai 1635 noch vor der Unterzeichnung des Prager Friedens erklärt Frankreich  Spanien den Krieg und schlägt sich so als la fille âinée de l'Eglise offen auf die Seite der deutschen Protestanten. Als guter Katholik stellt Richelieu die französischen Interessen, la raison d'Etat, über die religiösen Bindungen und führt die ecclesia Gallicana, die älteste Tochter der Mutter Kirche, endgültig in eine mündige Selbstständigkeit. Am 18. September wirft Louis XIII auch dem Kaiser den Fehdehandschuh hin in der Absicht, die Habsburger endlich entscheidend zu schwächen.

 

Frankreich greift aktiv mit frischen Truppen in den deutschen Krieg ein, welcher von nun an der französisch-schwedische (1635-1648) genannt wird.  Auf die christlichen Tugenden der Vergebung und Nächstenliebe angesprochen antwortet der Kardinal mit folgendem verblüffenden Argument: Die Interessen eines Staats und der Religion sind vollständig verschieden. Der Staat muss christliche Ziele verfolgen, doch er ist ein politisches Kollektiv ohne unsterbliche Seele und kann deshalb Dinge vertreten, die einem einzelnen Christen nicht erlaubt sind [Wils09]. Das Heil des Menschen verwirklicht sich endgültig im Jenseits, deshalb verwundert es nicht, dass Gott will, dass der einzelne Ihm die Rache überlässt ... Aber die Staaten haben nach dieser Welt keinen Fortbestand, ihr Heil ist jetzt oder gar nicht [Schi89].

 

Der Bruch des Prager Friedens schlägt sich in einem Umschwung des Feindbildes nieder. Nun ist nicht mehr Spanien der Buhmann der Teutschen Nation, sondern Frankreich. Friedrich von Logau (1604-1655) reimt gegen die Übernahme französischer Sitten und Sprache:

 

Diener tragen in gemein ihrer Herren Lieverey:
Solls dann seyn, daß Franckreich Herr, Deutschland aber Diener sey?
Freyes Deutschland, schäm dich doch dieser schnöden Kriechrey! ...
Die Deutschenzohen starck in Franckreich, acht zu geben
Auff dieser Sprache Laut und auff der Leute Leben;
Frantzosen ziehn jetzt starck in unser Deutschland auß,
Zu rauben unser Gut zu nemen unser Haus.
Was hat doch bracht das deutsche Kriegen?
Daß wir nun ruhn, weil wir ja liegen
[Schm99].

 

 

Den burgern aber zuzusprechen, daß sie vorab nit verschrocken seien

 

Das Kriegsglück ist den französischen Truppen zunächst nicht hold und so sucht Richelieu für die Feldzüge gegen die Habsburger dringend einen erprobten, deutsch sprechenden Feldherrn. Da kommt ihm die Kriegserfahrung Bernhards von Sachsen-Weimar (1604-1639) entgegen, der nach dem Verlust seines Herzogtums Franken einen neuen Herrschaftsbereich sucht. Mit einem jährlichen Gehalt von eineinhalb Millionen Livres und vier Millionen zur Unterhaltung einer Armee wirbt der Kardinal den Schweden den zögernden Bernhard mit samt seinen Truppen am 27. Oktober 1635 im Vertrag von St. Germain en Laye ab. Geködert hatte Richelieu den landlosen Fürsten, indem er ihm in einem geheimen Vertragszusatz, die dem Hause Österreich gehörende Landgrafschaft Elsass einschließlich der Landvogtei Hagenau verspricht. Mit dieser Mitgift wird der Herzog von Richelieus Gnaden, wie erwartet, ein besonders entschlossener Verbündeter.  

 

Doch auch Bernhard hat zunächst wenig Kriegsglück, so dass Richelieu, um den Druck auf den Kaiser zu erhöhen, die wenig geliebten Schweden reaktivieren muss. Im Hamburger Vertrag vom 15. März 1638 verlängert der Kardinal die jährliche Unterstützung von 400 000 riksdalers an Schweden für drei Jahre, muss aber akzeptieren, dass Schweden seine Truppen nicht im Krieg Frankreichs gegen Spanien einsetzt. Im gleichen Frühjahr erwacht auch Bernhards Ehrgeiz erneut, sein neues, wie er es bezeichnet, Reichsfürstentum im Elsass zusätzlich durch rechtsrheinisches Gebiet zu vergrößern, zumal, wie der Weimarer durch Spione weiß, die kaiserliche Rheinarmee unter Federigo Savelli (?-1649) wegen Truppenverlagerungen nach Sachsen inzwischen stark geschwächt ist [Wils09]. Mit nur 6000 Mann und 14 Geschützen marschiert Bernhard von seinem Winterquartier in Mömpelgard durch Schweizer Gebiet, überschreitet am 28. Januar den Rhein in Basel, nimmt in rascher Folge die drei Waldstädte Waldshut, Säckingen und Laufenburg und bewegt Ende Februar seinen Heerhaufen in Richtung Rheinfelden.

 

Aufgeschreckt durch die Situation am Hochrhein bitten die Freiburger den kaiserlichen Reitergeneral Johann von Werth (niederdeutsch: Jan van Werth; 1595-1651) um Hilfe. Der drängt Savelli, ihm bei der Suche nach Truppen im Breisgau zu helfen. Am 28. Februar steht von Werth mit 2600 Fußsoldaten und 4500 Reitern am Fährübergang Beuggen. Doch es gelingt Bernhard nicht nur die Kaiserlichen am Überschreiten des Rheins zu hindern, sondern er kann einige seiner Soldaten auf die nördliche Flussseite übersetzen. Bei dem folgenden Gefecht mit Johann von Werths Truppen halten Bernhards Männer bis zum Abend stand, ziehen sich dann aber im Schutz der Dunkelheit auf der Südseite des Flusses stromaufwärts nach Lauffenburg zurück.

 

Am 3. März rückt Bernhardt mit Verstärkungen auf der Nordseite erneut vor und überrascht die Kaiserlichen am frühen Morgen: Bevor wir unsere Leute sammeln konnten, waren die ersten bereits tot geschossen. Savelli und von Werth sind gezwungen, sich zu ergeben. Bernhard feiert seinen Sieg mit einem Bankett für die gefangenen Offiziere und amüsiert sich köstlich, als Savelli und von Werth sich gegenseitig die Schuld für die verlorene Schlacht zuschieben. Savelli gelingt es später mit Hilfe der Frau, die ihm das Essen bringt, zu entkommen, während von Werth erst 1642 gegen den schwedischen General Gustaf Horn (1592-1657) ausgetauscht wird. Rheinfelden trotzt zunächst der folgenden Belagerung Bernhards, doch dann muss sich die Stadt am 24. März 1638 ergeben [Wils09].

 

Jetzt hindert Bernhard nichts mehr, in den Breisgau einzufallen. Da möchte der Freiburger Stadtrat die Bevölkerung beruhigen und befiehlt, die stattporten nach 8 uhren zu beschließen ..., den burgern aber zuzusprechen, daß sie vorab nit verschrocken seien. Gleichzeitig wird bestimmt zur verteilung des bixenpulvers in verschiedenliche gewisse und sichere ort würd herrn Mang*, mit zuziehung eines von herrn obristen Aescher* officieren, in der innenstadt die türme, item die gefengnussen im predigertor, die gewlb im mehreren spittel, sapienz und universitet visitieren und besichtigen und in die dauglichsten derselben transportieren, doch alleweil die gewölb im münster und rathaus zu verschonen [Maye11].

 *Christoph Mang ist der Ratsherr, der 1652 aus eigenen Mitteln die Lorettokapelle bauen lässt. Hans Werner Aescher von Büningen ist der habsburgische Stadtkommandant.  

 

 

Zu Ostern 1638 belagert Bernhard von Weimar die Stadt Freiburg

 

Wie erwartet wendet sich Bernhard gegen den Breisgau und steht am Karfreitag mit seiner Streitmacht vor Freiburg. In der Osternacht nimmt er die Vorstadt Neuenburg im Norden, die Lehener- und Predigervorstadt im Westen und die Schneckenvorstadt im Süden ein.

 

Zwar gibt es unter den Bürgern vül, (die) haben sich zu defendiern erklert, andere haben gefercht (gefürchtet), der succurs mechte zu lange ausbleiben und sie so lang nit aufstehen kint (könnten) [Maye11]. Die Furchtsamen behalten recht, denn vergeblich sucht Stadtkommandant Aescher in Wien um Hilfe nach und kommentiert:  das man, wanns die Not nit erfordere, jeweils mit so großen Beschwerden belegt seye, und zur Zeit der Not so hilfloß gelassen werde [Haum01]. 

 

 

In ein paar Tagen wieder Freiburger Küchle essen …  

 

Der uns bereits bekannte Kanoffski (1592-1645) ist unter den Belagerern und lässt durch einen Bauern in die Stadt melden, er hoffe, in ein paar Tagen wieder Freiburger Küchle* zu essen. Sein Wunsch wird ihm erfüllt, denn am 11. April, dem Weißen Sonntag, ergibt sich Freiburg nach 11-tägiger Beschießung unter Zusicherung eines freien Abzugs für die Besatzung und der Verschonung von Plünderungen. Der Accord und der darin zugesicherte freie Abzug mit Sack und Pack, Gutschen, Wagen und Karren wurde schlecht gehalten [Heil20], viel von den Ausziehenden jämmerlich ermordet. geschunden, ausgezogen, spoliert und gefangen hinweggeführt. Die in der Stadt Gebliebenen wurden in der Wehr, alle Bauern und Studenten niedergehauen, die Wohnungen geplündert, viele Geistliche gemetzelt, Klosterfrauen öffentlich geschändet [Stra43]. Am Ende bekommt Kanoffski nicht nur seine hausgemachten Küchle, sondern auch seinen alten Posten, den des Stadtkommandanten.

*Bis heute rätseln die Wissenschaftler, was Kanoffski mit Freiburger Küchle gemeint haben könnte. Meine Versuche, Bäckermeister in Freiburg zu überzeugen, dass sich die Neuauflage eines solchen Gebäcks umsatzsteigernd auswirken könnte, hatten bisher keinen Erfolg, doch schließlich stieß ich bei meinen Recherchen auf Auszog’ne Küchle auch als Spiegelkrapfen bekannt. Dabei legt die reinliche Hausfrau flache Hefestücke auf ihr bloßes Knie und zieht sie dann hauchdünn aus. Beim anschließenden Backen in Öl bildet sich dann ein heller durchscheinender Bereich, der Spiegel, der von einem braunen, wulstigen Rand umgeben ist. .

 

 

 

Das grausame Ende der Feste Breisach Ende 1638

 

Bernhard von Weimar im Anmarsch auf Breisach (Bild im Stadtmuseum Breisach)

Die maßgebliche Reichsfestung am Oberrhein, das stark befestigte Breisach, in der sich während des Krieges immer eine kaiserliche Besatzung gehalten hatte und wohin die vorderösterreichische Regierung und Kammer aus Ensisheim geflüchtet war, ist Bernhards nächstes Ziel. Er belagert sekundiert durch den jungen französischen General Vicomte de Turenne Henri de la Tour d'Auvergne-Bouillon  (1611-1675) die unter dem Stadtkommandanten Freiherr von Reinach (?-1645) verteidigte Festung. Der erfahrene Reinach hatte in Schlacht bei Lützen die Pappenheimsche Infantrie befehligt und verfügt in Breisach über eine Besatzung von 3000 Mann mit 152 Kanonen. Da wird die Annäherung über Laufgräben an die Festung schwierig. So fordert Bernhard für die zusätzlich anfallenden Schanzarbeiten die Unterstützung der Freiburger an.

 

Das mag der Stadtrat nun gar nicht. Nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung, beschweren sich die Herren ihrerseits bei Bernhard über Plündern, Rauben und Brennen durch die weimarische Besatzung Freiburgs. Die Unterredung endet mit einem Monolog des selbst ernannten Reichsfürsten, von dem der Chronist vermeldet: ... und hat diser Discurs eine geraume Zeit gewerth, auch die  heftig- und spitzigsten Termini: lateinisch, französisch und ander gebraucht, und ob zwar so woll Herr Obristmeister (Hartmann Pyrrh von der Schmiedezunft [Stor12]) alß Herr Stathalter (Kanoffski) replicieren und etwas abbitten wöllen, so hats doch nit allein nichts geholffen, sonder hat sich der Herzog nur hefftiger erzeigt und unser Fürbringen nur Advocaten-bossen und Scharletanwerkh geheissen [Haum01]. Bald schließt Bernhard auch ohne große Freiburger Hilfe den Belagerungsring um Breisach wohl auch wegen der reichlichen Versorgung seiner Soldaten mit Kommisswein, von dem Peter Hagendorf schwärmt: Da hätten sie sich voll und toll gesoffen [Müll04].

 

 

 

 

 

Bernhard von Sachsen-Weimar (DHMB)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hans Geord von Erlach

Jean Louis d'Erlach

Festungskommandant Breisachs

In der Festung gehen nach und nach die Lebensmittel aus. Da versuchen am 7. August 1638 15 000 Mann unter dem kaiserlichen Befehlshaber am Rhein Johann von Götzen (1599-1645) von Offenburg kommend, Breisach zu versorgen. Bernhard erkennt die Gefahr und beschließt, 11 400 seiner Belagerer ab und mit ihnen den Kaiserlichen entgegen zu ziehen. Es kommt zu einem Treffen bei Wittenweiler, welches Bernhard für sich entscheidet, denn während Götzen 2000 Tote, 3000 Verwundete, 1700 Gefangene und den Verlust von 13 Kanonen sowie 3000 Wagen mit Lebensmitteln und Pulver beklagen muss, verliert Bernhard lediglich 1000 Leute, die er, wie damals üblich, mit Überläufern und umgedrehten Gefangenen rasch ersetzen kann [Wils09].

 

Im Heeresbericht, dem Tagzettel für den 20. augusti 1638, Prag, liest sich Götzens misslungenen Entsatz recht schönfärberisch: Die faction [das Aufeinandertreffen bei Wittenweiler] deß Götzen mit dem von Weymär ist nicht so ubell unsererseits alß mans gemacht hatte [als man es dargestellt hat], dan es sein auf baiden theilen in allem nicht ubere 2.000 mann gebliben. War [Wahr] ist das 6 unserer obristen darüber das leben gelaßen, aber entgegeen ist auch deß feindts obrister Dupadl [Georg Christoph von Taupadel] gefangen worden, der Rosa [Reinhold von Rosen] gebliben, und herzog Bernhardt selbsten in ein diech [Schenkel] geschoßen worden, also das man an seinem leben zweiflet, und bleibt der Götz mit dem uberrest seiner armée noch immerfort umb Offenburg ligen und hinderet das der feindt kheine weitere progress thuen khan [Kell10], was aber gar nicht in der Absicht des recht lebendigen Bernard liegt, der sich mit seinen Truppen zur weiteren Belagerung Breisachs zurückzieht. Reinhold von Rosen ist übrigens nicht geblieben, sondern stirbt erst 1667 friedlich in seinem Bett.

 

Im Frühherbst jedoch zählt Bernhards Belagerungsring nur mehr 9000 Mann, so dass Bauern aus der Umgebung in die Festung gelangen können und den Eingeschlossenen ihre Lebensmittel zu Höchstpreisen verkaufen. Zwar hatte Reinach inzwischen die meisten Zivilisten aus Breisach verwiesen, doch selbst bei einer ihm verbliebenen Besatzung von nur 1600 Mann ist deren Versorgung unzureichend.

 

Götzen hatte inzwischen im Württembergischen seine Truppen verstärkt, marschiert durchs Glottertal und steht am 22. Oktober vor Breisach. Am 25. Oktober stürmen 14 000 Kaiserliche gegen die Festung. Im fünften Versuch gelingt es ihnen eine Schanze und eine Rheinbrücke einzunehmen, doch dann schlagen die Belagerer - wie die Belagerten an Hunger leidend und genauso geschwächt - die Angreifer mit dem Mut der Verzweiflung zurück, so dass Peter Hagendorf inzwischen vom Gefreiten zum Hauptmann einer Kompanie aufgestiegen resigniert in sein Tagebuch schreibt: Wir haben wieder davon gemusst mit Schand und Spott [Stre08].

 

In Breisach steigerte sich die Not zum Entsetzlichen, daß von den im Stockhause (Gefängnis) verwahrten weimarischen Gefangenen dreißig vor Hunger und Elend starben, drei andere von den Leichen ihrer Waffenbrüder aßen und gleichfalls schrecklich endeten. Einige hatten mit ihren Fingern Löcher in die Mauern gebohrt, um sich an dem Mörtel zu laben. Kinder wurden geraubt und abgeschlachtet. Die Kirchhöfe mußten mit Wachen besetzt werden, um das Ausgraben der Leichen zu hindern, aber die Wachen halfen oft selbst mit. Lange nachher zeigte man noch die Steile. wo eine Frau mit ihren Kindern um die Leiche des Mannes und Vaters saß und davon zehrte. Ein Sester Korn wurde mit vierzig Gulden bezahlt, ein Sester Weizen gegen Kleinode im Werte von vierzig Dukaten eingetaucht, Ein Pfund Roggenbrot kam auf vier Reichstaler, ein Ei auf einen Gulden. Für einen halben Laib Brot und ein Maß Wein wurde ein goldener Ring mit Diamant gegeben. Mehr als zweitausend Häute von geschlachteten und gefallenen Tieren wurden eßbar gemacht und eine in die andere um fünf Reichstaler verkauft. Hunde, Katzen und Mäuse waren als Leckerbissen für die Reichen verschwunden. Manche nährten sich wochenlang nur von warmem Wasser und Salz, starben dann aber, an Kopf und Schenkel geschwollen, schnell dahin. Jeden Morgen fand man Leichen auf den Straßen und Dunghaufen umherliegen. Über zweitausend Menschen gingen aus Hunger oder unnatürlicher Befriedigung desselben zugrunde [Stra43].

 

 

La conquête de Brisach était un de plus gros faits d’armes de la guerre de Trente ans

 

Am 28. Oktober fällt das letzte Außenwerk von Breisach. Die Explosion eines Pulvermagazins am 3. Dezember öffnet eine Bresche. Jetzt droht Bernard, die Stadträte Breisachs an den Bärten zusammenzuknüpfen und sie im Freien Schildwache stehen zu lassen, wenn sie ihm nicht zu Willen seien [Stra43]. Schließlich kapituliert die kaiserliche Festung nach 8-monatiger Belagerung am 17. Dezember 1638. Nur 150 der etwa 4000 Einwohner Breisachs überleben Hunger und Pest. Triumphierend reitet Bernhard auf dem Pferd Johann von Werths Reinach entgegen, als der mit dem ihm verbliebenen 400 Soldaten ehrenhaft, d. h., mit fliegenden Fahnen und zwei kümmerlichen Kanonen nach Straßburg abziehen darf.

 

Bald zirkulieren Flugblätter, die Bernhard als den deutschen Achill preisen, der die Porta Germaniae für Louis XIII. erobert hat [Wils09]. In der Tat: La conquête de Brisach était un de plus gros faits d’armes de la guerre de Trente ans. Noeud des communications entre le Milanais, les Pays-Bas espagnols et la Franche Compté, point le mieux fortifié du Rhin, cette forteresse donnait a l’Empereur une grande facilité pour attaquer les Français, auxquels elle fournissait maintenant un passage naturel en Allemagne* [Auss08].

*Der Fall Breisachs ist einer der größten Waffenerfolge des 30-jährigen Krieges. Dieser Verbindungsknoten zwischen Norditalien, der Franche Compté und den spanischen Niederlanden, dieser am besten befestigte Ort am Rhein bot dem Kaiser eine gute Möglichkeit, die Franzosen anzugreifen. Nun eröffnete er den Franzosen einen natürlichen Weg nach Deutschland.

 

Bernhard jedoch meidet die Franzosen, die immerhin 1,1 Millionen Taler für die Eroberung Breisachs aufgewendet hatten, und stationiert seine eigenen Männer in der Festung.

 

Die Freiburger müssen nach der Eroberung Breisachs ein Dankfest feiern, wobei mit allen Glocken zusammen gelitten worden, so lang bis der Schwenkel in der größten Glocken mitten voneinander abgebrochen [Heil20].

 

 

Courage, courage Père Joseph, Brisach est à nous 

 

 Beim Eintreffen der Nachricht vom Fall Breisachs in Paris schreibt Louis XIII an Bernhard: Mon Cousin, Je ne vous puis mieux exprimer ma joye de la prise de Brizac qu’en vous asseurant qu’elle est aussy grande que ce succez est glorieux et important …  Ecrit à Versailles, le 5 janvier 1639. Louis*[Auss08].

*Mein Vetter, ich kann Ihnen nicht besser meine Freude über die Einnahme Breisachs ausdrücken, als Ihnen zu versichern, dass sie genau so groß ist, wie dieser Erfolg ruhmvoll und wichtig ist … Geschrieben zu Versailles, den 5. Januar 1639. Louis  

 

Richelieu lässt ein Te Deum laudamus  singen. Als der Kardinal seinen Freund und Beichtvater den Kapuziner Père Joseph (1599-1638), der bei Hofe wegen seiner grauen Tracht Eminence grise genannt wird, am Sterbebett besucht, ist er noch voll der Neuigkeit und versucht, dem Todkranken mit den Worten: Courage, courage Père Joseph, Brisach est à nous  Mut zu machen.  Richelieu möchte umgehend einen französischen Stadtkommandanten einsetzen, doch darauf lässt sich der Herzog von Weimar nicht ein und macht stattdessen Breisach zum Sitz einer Fürstlich Sächsischen Regierung [Scha79] und verlangt verägert, Richelieu möge ihm nun endlich das Elsass, den Breisgau und das Bistum Basel überschreiben.

 

 

Wurde Bernhard von Weimar ermordet?

 

Als der ausgeplünderte Breisgau seine Männer nicht ernähren kann, überschreitet Bernhard im Januar 1839 den Rhein, fällt mordend und raubend in die Freigrafschaft Burgund ein und lässt sich während sechs Monaten in Pontalier nieder. Frustriert mit den Franzosen nimmt Bernhard Bündnisverhandlungen mit den Schweden auf [Wils09]. Es entsprach [Bernhards] kühnem Geist in diesen herrlichen Landen, welche ihm das Glück der Waffen zugetheilt, ein Fürstenthum zu gründen, als deßen Mittelpunkt und Hauptsitz die Stadt Breisach ersehen war. Alle Umstände schienen dem Unternehmen günstig, aber mitten in dem süßen Traum seiner Pläne wurde der Herzog (wie man vermuthet auf Anstiften Frankreichs vergiftet*) vom Tode ergriffen. Frankreich bot nun Alles auf, die Eroberungen des Herzogs an sich zu bringen, was ihm leider auch nur zu gut gelang; im Herbst 1639 leistete die breisacher Besatzung den Eid an Frankreich [Gagg83].

 

Nach offizieller Lesart von einer Seuche dahingerafft stirbt Bernhard am 18. Juli 1939. Vorher ruft er seine Offiziere zusammen und setzt den aus dem Anhaltischen stammenden Johann Ludwig von Erlach (1595-1650) als Stadtkommandanten von Breisach ein. In seinem Testament bestimmt der Herzog, dass was das Elsaß anlangt, unser geliebt erobert land - weil Gott es uns gegönnt und hoch considerable land und plätze es seyn - so wollen wir, dass solche bey dem Reich Teutscher Nation erhalten werden.

*auch Schiller argwöhnt, dass Gift im Spiele war

 

 

Bernhard von Weimar, ein protestantischer Wallenstein?

 

 In dem Bemühen, unseren Nationaldichter mit Freiburg in Verbindung zu bringen, fand man heraus, dass Goethe (1749-1832) die Absicht hatte, über Bernhard, den Ururgroßvater seines Landesherren und Freundes Herzog Karl August von Sachsen-Weimar (1815-1828), eine Lebensbeschreibung zu verfassen. Geradezu begeistert berichtet Goethe über die Anfänge: Ich habe dazu viel Dokumente und Kollektaneen zusammengebracht, kann sie auch schon ziemlich erzählen und will, wenn ich erst den Scheiterhaufen gedruckter und ungedruckter Nachrichten und Urkunden und Anekdoten recht zierlich zusammengelegt, ausgeschmückt und eine Menge schönes Rauchwerks und Wohlgeruchs darauf herumgestreut, ihn einmal bei schöner trockener Nachtzeit anzünden und auch dieses Kunst- und Lustfeuer zum Vergnügen des Publici brennen lassen.

 

Goethe möchte sein  Werk über Bernhard im Stil von Dichtung und Wahrheit verfassen. Doch nach weiterem Quellenstudium verlässt ihn der Mut: Bis 1780 wurde manche Zeit und Mühe auf den Vorsatz, das Leben des Herzogs Bernhard von Weimar zu schreiben, vergebens verschwendet. Nach vielem Sammeln und mehrmaligem Schematisieren wurde zuletzt allzu klar, dass die Ereignisse dieses Helden kein Bild machen. In der jammervollen Iliade des Dreißigjährigen Krieges spielt er eine würdige Rolle, lässt sich aber von jener Gesellschaft nicht absondern. Schließlich tröstet sich Goethe über sein Unvermögen mit der Bemerkung: Für mich war diese Bemühung nicht unfruchtbar. Denn wie das Studium von Berlichingen und Egmont mir tiefere Einsicht in das 15. und 16. Jahrhundert gewährte, so musste mir diesmal die Vergangenheit des 17. Jahrhundert sich mehr als sonst geschehen wäre, entwickeln [Blum20].

 

 

Den Franzosen hab zu Freund und nicht zu Nachbarn

 

Frankreich bot nun Alles auf, die Eroberungen des Herzogs an sich zu bringen, was ihm leider auch nur zu gut gelang; im Herbst 1639 leistete die breisacher Besatzung den Eid an Frankreich [Gagg83]. Doch erst nach anfänglichem Zögern, dann aber von französischer Seite finanziell überzeugt, übergibt Erlach am 9. Oktober die erprobten Truppen Bernhards den Franzosen, die auf die Krone Frankreichs vereidigt und die als Armée d’Allemagne die deutsche Freiheit wiederherstellen und stabilisieren sollen.

 

Einer der fürnehmen Officirer Bernhards sieht das anders und schimpft: Das alte Sprichwort lautet: Den Franzosen hab zu Freund und nicht zu Nachbarn. Wer aber ihn zum Meister nimt, der sonst frey sein kann, der muß ja alle Sinn verloren haben, wie es leider uns gegangen, haben den Keyser nicht leiden wollen und leiden den Franzosen ... So kommt es, daß ausländische Potentaten, Völker und Nationes, nachdem sie uns Teutschen das Mark aus den Beinen gesogen noch dazu uber uns herrschen ..., das römische Reich unter sich teilen, die teutsche Libertet zu nicht machen ... [Schm99].

 

Kanoffski in Freiburg widersetzt sich ebenfalls zunächst erfolgreich einer Kollaboration, weil man dann von einer anderen Nation ins Gelübde genommen werden könnte und wohl bald französisch dörffte werden miessen [Haum01]. So wie er vorhersagt, kommt es. Die Freiburger, nachdem sie unter protestantischer Herrschaft zunächst der schwedischen Königin gehuldigt und dann 1639 den Eid auf die Fürstlich Sächsische Regierung in Breisach ablegt hatten, müssen sich endlich 1642 dem französischen Souverän unterwerfen: Ihr sollen schwören dem Allerdurchlauchtigsten Großmächtigsten Fürsten und Herrn, Herrn Ludwig den Dreizehnten dies Namens, König in Frankreich und Navarra u.s.w. Unseren Allergnädigsten König und Herrn getreu gehorsam zu sein, Ihr Königliche Majestät Nutzen zu fördern, und Schaden zu wenden, getreu und redlich wider männiglich, wer auch sei, zu dienen, nichts zu thun oder vorzunehmen, noch gestatten, was Ihr Majestät Diensten entgegen sein möchte ... [Fisc95].

 

Im gleichen Jahr kurz vor seinem Tode schreibt Richelieu zuversichtlich: Der König wird alle eroberten Plätze behalten in den Niederlanden wie in Luxemburg, der Bourgogne, Roussilone, im Elsass und Deutschland ... Ein sicherer Friede ist nur möglich, wenn Habsburg für seine ungerechten Unternehmungen gestraft und Spanien auf kleinen Fuß zurückgeführt wird [Anri40].

 

 

Endlich Frieden?

 

Bereits am 25. Dezember 1641 hatten Schweden, Frankreich und der Kaiser in Hamburg einen Präliminarvertrag zur Aufnahme von Friedensverhandlungen für den 25. März 1643 in Münster und Osnabrück ratifiziert, daß dies der Christenheit glücklich und günstig gerate, gebe Gott … [Rose04]. Es gerät unglücklich und ungünstig, denn als sich die Kurfürsten und andere Reichstände auf einem Reichsdeputationstag 1643 Frankfurt treffen, kritisieren vor allem die Protestanten unter Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1640-1688) den kaiserlichen Alleingang bei den Hamburger Verhandlungen.

 

Daraufhin bezichtigt auch Schweden den Kaiser, die Stände missachtet zu haben, denn er hätte drei Jahrzehnte keinen Reichstag einberufen: Solches ist der rechte Weg zum absoluten Dominat und der Stände Servitut. Die Kronen* werden solches pro posse hindern. Ihre Sekurität besteht in der deutschen Stände Libertät. Schweden schürt somit die alten Ängste einer monarchia universalis wie zur Zeit Karls V. (1519-1558) [Pres91]. Der Kaiser ist verstimmt und will den Krieg fortsetzen, und auch die anderen Parteien nehmen die Kämpfe verstärkt wieder auf, um vor den geplanten Verhandlungen ihre militärische und damit politische Position zu verbessern.

* Die Kronen Schwedens, Norwegens und Dänemarks

 

Die Rache der Bauern von Hans Ulrich Franck

Auch für Peter Hagendorf ist der Krieg noch nicht zu Ende: Den 12. Juni [1642] nach Dierdorf. Ein gar schlechtes Land, lauter Wald und Wildnis. Hier haben wir Kommiß[brot] bekommen, die Hunde haben es nicht wollen fressen. [Oltm11]. Alhir habe Ich mich den abet (Abend) ein wenieg bezecht, vndt bin des morgens, einen steinwurff, hinder dem Regemedt (Regiment), verblieben, wehgen kobpweh, Also sindt 3 Pauren In die hegken gestegket (Hecken gesteckt), auff mich dor, wagker, zu schlagen mein Mantel, Ranssen, alles genommen, durch godtes schiegung (Fügung), sindt sie auff ein mal, von mir gesprungen, Als wan (ob) man sie gagent (vertrieben) hedte, da doch kein mensche mehr, da hinden Ist gewessen*, Also bin Ich also zuschlagen (zerschlagen), ohne mantel, ohne Ranssen, zum Regemedt kommen, haben micht, nur ausgelacht [Müll05].

*Hagendorf erklärt, dass die Bauern ihn nicht totschlugen, weil sie plötzlich Angst vor der Nachhut hatten und flohen, während er doch der letzte seiner Truppe war.

 

 

Herzog von Bayern
und der Pfalz

 

 

Generalfeldmarschall Baron von Mercy

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mathaeus Merian

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neueingerichteter und vielberbesserter Abentheuerlicher SIMPLICISSIMUS
Das ist:

Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten, genant Melchior Sternfels von Fuchshaim, wie, wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen, was er darin gesehen, gelernet, erfahren und außgestanden, auch warum er solche wieder freywillig quittiret hat.

Unerauß lustig, und männiglich nützlich zulesen. 

Eine Chur-Bayerische-Reichs-Armada unter Mercy 1644 ante portas

 

 So warten ab 1644 Delegationen der kriegführenden Parteien in Münster und Osnabrück vergeblich auf eine Wiener Abordnung zu den Friedensgesprächen.

 

 Stattdessen zieht eine Chur-Bayerische-Reichs-Armada unter ihrem Generalfeldmarschall Franz von Mercy (1597-1645) mit etwa 10 000 Mann Fußvolk und fast ebenso vielen Berittenen, unter dem Befehl Johann von Werths, gen Westen. Zur Erstürmung von festen Plätzen führen die Truppen 26 Kanonen verschiedener Kaliber mit sich.

 

Kurfürst Maximilian mit birdie

 

Der greise Kurfürst Maximilian (1597-1651) möchte mit diesem Vorstoß vor allem weitere Einfälle der protestantischen Union in Bayern verhindern, während die Armee vom Kaiser den Auftrag bekommt, den Feind aus dem Breisgau zu werfen. Der Ruf des Siegers von Tuttlingen eilt Mercy voraus. In dieser Schlacht hatte er 1643 die Erbmasse Bernhards von Weimar, die unter dem Kommando des Generals Turenne stehende französisch-weimarische Armee, aufgerieben. Nur etwa 6000 Mann der 16 000 Mann starken Truppe konnten über den Rhein entkommen, während Mercy lediglich 6! seiner eigenen  Leute verloren hatte.

 

Festungskommandant Obrist Kanoffski ahnt Böses. Die Ankunft der bairischen Truppen erwartend bemüht er sich, Freiburg mit seiner nur 1650 Mann starken Besatzung verteidigungsbereit zu machen. Er befiehlt, daß sich die Bäcker wieder mit vorrätiger Frucht zu versehen, ferner alle Bauern die Stadt zu verlassen und die Wirte keine Nachtzettel mehr auf solche und Fremde überhaupt auszustellen hätten [Scha79]. Für ein freies Schussfeld und damit sich die Belagerer nicht in den Gebäuden vor der Stadt verschanzen können, lässt Kanoffski auf Befehl der Regierung in Breisach die im Vorfeld Freiburgs liegenden Frauenklöster St. Agnes, Clara und Magdalena, das Reuerinnenkloster und das Kloster der Regelschwestern sprengen, ferner alle Schleifmühlen sowie die Lehener und die Prediger-Vorstadt abbrennen. Am 25. Juni 1644 liegt Franz von Mercy mit seiner Reichsarmada vor der Stadt.

 

 

Berühmbt wegen deß herlichen durch die gantze Stadt lauffenden Wässerlein

 

Im gleichen Jahr 1644 schreibt Mathaeus Merian (1593-1650) in seiner Topographia Alsatiae completa über Freiburg: Es ist diese Stadt wegen vier Stück sonderlich berühmt: erstlich wegen der Gottes-Häuser; darunter das herliche Münster oder Haupt-Kirchen ist, so einen prächtigen Thurn hat, welcher mit sonderlicher Kunst, von Grund auff biß an den höchsten Gipffel geführet, mit eitel Quader- und gebildeten Steinen gebauet und gezieret ist, deßgleichen man, nach dem Thurn zu Straßburg, in Teutschland nicht finden solle. ... Zum anderen ist diese Stadt berühmbt, wegen der Hohen-Schul, oder Universität, welche Hertzog Albertus zu Oesterreich Anno 1450 fundiert hat … Der dritte Ruhm dieser Stadt (so der Eingang in den Schwarzwald ist, und allda es auch ein feines Rath- und Kauffhauß hat) ist, wegen deß herlichen durch die gantze Stadt lauffenden Wässerlein, und Bächlein, von frischem Brunnen-Wasser, so über Winter nicht gefrieret. Es fleust auch neben der Stadt hin ein gar Fischreiches Wasser, die Triesen genandt, so nicht fern vom Ursprung der Thonau entstehet. Und zum Vierdten, die sonderliche Polier- Kunst daselbst, mit allerley Steinen, und Polier-Mühlen, von Cristall, Granaten, Jaspis, Corallen, Cacedonier (so in Lothringen gegraben werden) und andern Edlen-Gesteinen. Nun bricht mit der Schlacht um und bei Freiburg über die Stadt, die schon bei den vorherigen Belagerungen und Besetzungen so schwer gelitten hatte, neues Elend herein.

 

 

Die Kaiserlichen entsetzen Freiburg

 

Ende Juni beginnt Mercy die Belagerung. Die Guarnison in der Statt, welche auff tausend geachtet wurde, thäte starcken Widerstand, vnd Tag als Nachts. Continuirlich schiessen, dergestalt, daß es sich zu verwundern … Nach dem am 11 ihujus (Juli), die ChurBäyrischen die Johanniter Vorstatt zu Freyburg bestürmet, vnnd glücklich erobert, dabey ein Hauptmann, vnd vngefehr biß in 50. Knechte vun den stürmenden vmbkommen, vnd beschädiget worden, hatte man alsobald darauff die Stücke in gemelte Vorstatt gebracht, und gegen der Statt plantieret, also, daß sie bereits in dem einen Stattgraben, welcher gantz trucken, losirten, auch einen Mine verfertiget hätten. Dannenhero der Belägerung bald ein glückliches End erwartet würde [Meri51]. In der Tat, die Stücke der Angreifer schlagen immer neue Lücken in die altertümliche Befestigungsmauer. Auch werfen die Belagerer Feuerkugeln in die Stadt, so dass wegen des angezogenen Fewreinwerffens ist des Zapfen hoff (der Hof des Bürgers Zapfen) unnd darinn ein sehr grosse Menge Holtz, Strow, und hew auch lohekhäss verbrunnen und wegen abgehenden Wassers disses Fewreinwerffens halber eben grosee gefahr [Mend72].

 

Bei den Ratssitzungen in der belagerten Stadt streitet man sich mit dem Festungskommandanten um die Verpflegung der Soldaten und die von den Bürgern zu leistenden Schanzarbeiten. In den Ratsprotokollen stößt man immer wieder auf Beschwerden über das Ausbleiben der täglichen Weinration besonders für die Franzosen*.

*Dieses Recht der französischen Soldaten auf ein Quäntchen Wein galt noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Als der radikale Premierminister Pierre Méndes-France 1955 den Soldaten statt ihres täglichen Weins ein Glas Milch verordnete und dabei mit gutem Beispiel voran ging, warfen ihm die rechten Poujadisten seine jüdische Herkunft vor: Si vous aviez une goutte de sang gaulois dans les veines, vous n’auriez jamais osé, vous, représentant de notre France producteur mondial de vin et de champagne, vous faire servir un verre de lait dans une réception internationale! (Wenn Sie einen Tropfen gallisches Blut in ihren Adern hätten, würden Sie es als Repräsentant unseres Frankreichs, dem Weltproduzenten von Wein und Champagner, niemals gewagt haben, sich bei einem internationalen Empfang ein Glas Milch servieren zu lassen !)

 

Freiburgs Bürger beschweren sich: Denn nicht allein werden wir durch die Verpflegung und Verköstigung der Soldaten in die äußerste Armuth gebracht, sondern auch mit dem Degen gezwungen, während des Kampfes sogar Sturmkrüge hinauszuwerfen und die geschossenen Breschen wieder zu vermauern [Bade82]. Doch da hilft kein Jammern. Die Bürger müssen weiter in Stattgraben steygen, Pallisaden tragen, die Löcher vermachen, Strohe herbey thuen, selbiges den Fewerwerffern reichen und dardurch den Leyb bloss geben [Haum01].

 

Johann von Werth treibt mit seiner Kavallerie wiederholt die gelegentlichen Ausfälle der Belagerten, welche diese zur Auffrischung der innerstädtischen Vorräte unternehmen, zurück. Deshalb gehen mit zunehmender Dauer der Belagerung in der Stadt die Lebensmittel, aber auch Pulver und Blei zur Neige. Im Protokoll der Ratssitzung liest man: Der Maior hatt referiert weyhlen mann ahn Bley zimblich ausskhommen auch bei den Khrämeren wenig zue erhallten, hingegen verlaut dass auff dem Münster bleyine Käner (Dachziegel) seyen, dass dieselbigen sollen hergeeben, und underdessen mit hötzinen ersetzt, und fahls solchen nicht wehre, zum Kuglen giessen bey der Burgerschaft Zinn gesamblet, und hergeeben werden. Der Stadtrat hält dieser Forderung entgegen: Was dann unsser Fr: Kürch dass Münster betrifft, wahre disses begehren nit ohne sonderbahres bedawren, unnd empfinden verstanden, wegen dess ohnwiderpringlichen grossen schaadens, der dem Baw dahero bevor stüendt, In dem Es nit allein umb dass Bley zuethuen, sonder auch weegen anderen allss da Ist der Glockhenstuel etc. so durch dass Wetter merckhlich verderbt wurde [Mend72]. Die Bürger fühlen sich von ihrer Obrigkeit verlassen: Wo ahnietz die Vätter des Vatterlanndts seyen? Wanns umb Tribulieren, Vexieren, unnd dergleichen zue thuen, hab mann wohl ein Obrigkheith aber Jetz, der sich Ihren ahnnehmme, sey niehmand vorhanden [Mend72].

 

 

Mit Vnter- vnd Oberwehr, Sack vnd Pack, fliegenden Fahnen, brennenden Lunten, Kugeln im Mund und offenem Spiel

 

Am 20. Julij, hat man starck angefangen den Ort zu beschiessen, vnd den 21. damit eyfferig angehalten, dergestalt, daß zwo Breschen dafür verfertigt worden [Meri51]. So ist der Rat schließlich erleichtert, als der Zunftmeister Mang die Übergabe der Stadt vorschlägt: Herr Obrister Meister proponiert demnach Es sich ahnsehen lass, dass, Es, vermittels der gnadt Gottes zue einem güetigen accord khommen, und die Statt dardurch vor weitterer ruin Conserviert werden möchte. Es hette Herr Obristen (Kanoffski) ... Hrn. General Mercy geschryben derselbe wölle gemeine Statt dess Frantzösischen Aydts, Welchen sie gezwungen schwöhren müessen, nit entgellten lassen, Warüber Er geantwortet, kheineswegs, Weylen ein gezwungener Aydt Gott Laydt [Mend72].

 

Diese Antwort Mercys beruhigt die Bürgerschaft. Diß der Herr Commendant, nach dem er sich als ein Cavallier gehalten, benothträngt worden, in einen Accord zu schreiten, welcher auch, zwischen der Römischen Käyserlichen Mayestät, vnd Churfürstlichen Durchl. in Bäyern, Herrn General-Feldmarschallen, Frantz, Freyherrn von Mercy, etc. an einem, vnd dann (Jhme) der Cron Franckreich Obristen vnd Commendanten zu Freyburg im Brißgow, Herrn Friederich Ludwigen Canoffsky von Langendorff, etc. andern Theils, den 28. Julij, in nachfolgenden Puncten beliebet:  

 

1. Solle Herr Commendant in Freyburg wolgenantem Herrn Feldmarschalln, die Statt Freyburg, sampt dem Schloß, Burghalden genant, Morgen den 29. Julij frühe vmb 10 Vhren Vormittag völlig, mit Hinterlassung Stück vnd Munition, abtretten, vnd auff solche Stund mit seinen Völckern den Außzug nehmen, vnd die zwo Guarnisonen abziehen, mit Vnter- vnd Oberwehr, Sack vnd Pack, fliegenden Fahnen, brennenden Lunten, Kugeln im Mund, offenem (klingendem) Spiel, vnnd wie ein jeder Soldat sich rüsten kann*…

*d. h. ein ehrenvoller Abzug kampfbereiter Männer. Die Landsknechte pflegten, da sie beide Hände zum Laden ihrer Vorderlader benötigten, die Bleikugel, die zuletzt in den Lauf kommt, im Mund zu halten. So war ihnen der Tod durch Blei gewiss, entweder in der Schlacht oder durch Vergiftung.

 

Die folgenden Paragraphen des Accords regeln Einzelheiten der Übergabe Freiburgs. Interessant ist Artikel 8, der das Schicksal Johann Balthasar Stumpps des Schwiegervaters Kanoffskis bestimmt:  

8. Soll Herrn Obristen Canoffsky Herrn Schwäher-Vatter., mit sampt bey sich habender Pagagy (Bagage) gleichfalls mit den Officirern vnnd Soldaten freyer Abzug gestattet werden.

 

Paragraph 11 bestätigt die mündliche Zusage Mercys:  

11. Daß die Statt Freyburg bißherto in Königl. May. Zu Franckreich Gewalt gewesen, begehrt man solche dessen disselts nicht entgelten zulassen, dann es bey jnen geheissen, ein gezwungener Eyd, ist Gott leyd.

 

Es folgt der Schlussartikel:  

15. Vnd solle beyderseits schließlich nichts in hierob gemeldten Puncten disputirt, sondeern alles bey Cavagliers Parola steht, vnd ohnverbrüchig gehalten werden. Zu dessen Bekräfftigung wolgenandter Herr Feld-Marschall, vnnd Herr Obrist Canoffsky, dien Accord gegen einander vnterschrieben, außgefertigt, vnd jeder davon ein Exemplar behalten. So beschehen in der Vorstatt vor Freyburg den 28. Julij 1644.  

 

Solchem nach ist mehrgedachter Herr Commendant den 29. Diß mit 600. Gesunden, 200. Krancken vnd beschädigten Soldaten, wir auch 100. Pferdten, vnd 2. Stücken Geschütz außgezogen, vnd selbigen Abends gegen 9. Vhren mit der Convoy zu Brysach angelangt [Meri51].  

 

Unter den Besatzungstruppen soll auch der als Lutheraner erzogene aber zum Katholizismus konvertierte Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622-1676) gewesen sein, der später seine Kriegserlebnisse im Abenteuerlichen Simplicissimus verarbeiten wird. Die Bayern verloren während der einmonatigen Belagerung 1600 Mann.

 

 

Marschall Turenne

 

 

 

 

 

Der junge Duc d'Enghien später als der große Condé, Le grand Condé, bezeichnet)

 

 

 

 

 

 

Franz von Mercy

 

 

 

 

 

 

 

 

Schlachtendenkmal am Bohl

Schlachtenkreuz:

Zur Erinnerung an die
hier in der Schlacht am Bohl am 3. August 1644 gefallenen Bayern und Franzosen. Gemeinde Ebringen 1908/1980

Es ist anzunehmen, dass der Eintrag für die Franzosen nicht aus dem Jahre 1908 stammt, sondern erst bei der Renovierung 1980 angebracht wurde.

 

Hier die beste Aufnahme des "alten" Schlachtenkreuz'. Die ursprüngliche Gedenktafel ist nicht lesbar.

Wir wollen tun als redliche Leut und sehen was der Feind intentieren will

 

Während der Kämpfe um Freiburg hatte sich ein nach dem Tuttlinger Debakel neu formiertes französisch-weimarisches Heer in Sichtweite der Stadt beim Ort Pfaffenweiler auf dem Batzenberg verschanzt. Es bestand aus zehn tausend Mann, halb Infanterie, halb Kavallerie, fast alles Truppen, die Frankreich von dem Herzog von Weymar gekauft?! hatte [Bend80]. Diese Armée de l'Allemagne steht unter dem Kommando des inzwischen von Kardinal Mazarin zum Maréchal de France beförderten Turenne. Zwar kommt es vereinzelt zu Scharmützeln zwischen den Weimarischen und den die Stadt belagernden Bayern, doch Turenne zieht es vor, mit seiner Mischung aus den durch die Vorjahresniederlage noch immer geschockten und den neuen, gefechtsunerfahrenen Soldaten, die zahlenmäßig größere Armee Mercys erst anzugreifen, wenn der Duc d'Enghien aus dem Hause Condé (1621-1686)* mit der Armée de France zu ihm gestoßen ist. Entschuldigend schreibt Turenne an Mazarin: Il y a encore ici trop de gens qui se souviennent de la journée de Tuttlingen**[Scha79].

*Das Haus Condé ist eine Seitenlinie des französischen Königshauses Bourbon. Der Duc d’Enghien tritt 1646 die Nachfolge seines Vaters als Louis II de Bourbon, vierter Prince de Condé an und wird wegen seiner Verdienste als Feldherr später als der Große Condé bezeichnet.

**Es gibt hier noch zu viele Leute, die sich an den Tag von Tuttlingen (24. November 1643) erinnern

 

Enghien steht mit seiner Streitmacht von 4000 Reitern und 6000 Fußvolk bei Verdun etwa 400 km entfernt. Trotz Eilmärschen, bei der die Soldaten pro Tag mehr als 30 km zurückgelegen, trifft die Vorhut der Armée de France erst nach dem Fall Freiburgs am 2. August ein. Sie vereinigt sich sofort mit der Armée de l'Allemagne Turennes, so dass die Gesamtstreitmacht der Franzosen schließlich etwa 9000 Mann Kavallerie und 11 000 Mann Infanterie mit 37 Kanonen umfasst [Wils09].

 

Derweil beschäftigt Mercy seine inzwischen auf etwa die gleiche Zahl geschrumpften Truppen (8200 Kavallerie, 8600 Infantrie und 20 Kanonen) mit Schanzarbeiten auf dem den Schönberg in Richtung Westen vorgelagerten Bohl. Er beschließt, die Schlacht gegen Turenne und Enghien vor allem aus politischen Gründen anzunehmen. An seinen Kurfürsten Maximilian schreibt er eine Rechtfertigung und betont besonders die Möglichkeit, eines erneuten Einfalls protestantischer Truppen in Bayern: Wann wir zurückgehen sollten, werden nicht allein die Reichsarmada, sondern auch alle Ständt dadurch kleinmütig und discouragirt, hingegen aber dem Feind Courage gemacht werden, man auch den selben in Spring bringen, in Ew. Churfürstlich Landen zu gehen. Wir wollen tun als redliche Leut und sehen was der Feind intentieren will [Scha79].

 

Als Ranghöherer übernimmt der Duc d'Enghien den Oberbefehl über die vereinte französisch-weimarische Streitmacht und möchte in seinem Ungestüm seine ermüdeten und Turennes unerfahrene Truppen sofort gegen Mercy in die Schlacht führen, doch Turenne’s besonnener Rath war, bei ihrer Uebermacht, mit der sie ohnehin das flache Land beherrschten, alle Zugänge des Schwarzwaldes zu besetzen, jede Zufuhr abzuschneiden, und so das feindliche Heer ohne Schwertstreich, durch Hunger zur Uebergabe zu nöthigen. Sie hätten dieses um so leichter gekonnt, da ihr Lager vom Elsaß aus täglich mit allen Bedürfnissen im Uuberflusse versehen wurde, und bereits in der Stadt der größte Mangel herrschte. Aber Enguien war zu sehr von dem Gedanken erfüllt, sich auf den Feldern von Freiburg mit neuen glänzenden Lorbeern zu schmücken, kannte auch seinen Gegner noch zu wenig, als daß er es nicht vorgezogen hätte, durch Blut zu erkaufen, was ihm durch Geduld von selbst geworden wäre. Der Angriff wurde sonach beschlossen [Schr25].

 

 Enghien startet am frühen Morgen des 3. August einen Zangenangriff gegen das zwischen Wendlingen und Uffhausen gelegene Lager der Bayern. Nachdem er zwei Uhren synchronisiert hatte, lässt er die Truppen Turennes zur südlichen Umgehung des Schönbergs durchs Hexental ziehen, während er selbst mit der Armée de France von Ebringen nördlich an der Erhebung vorbei in Richtung des von Mercy befestigten und gehaltenen Bohl vorstößt. Auf Befehl Enghiens sollen die zwei Armeen in der Ebene von St. Georgen um fünf Uhr nachmittags die Zange schließen. Bei dieser Zeitplanung bleiben den Franzosen nur drei Stunden Büchsenlicht für die geplante militärische Operation. Als Mercys Späher auf dem Schönberg Turennes Heerhaufen das Hexental in Richtung Freiburg heraufziehen sehen, schickt der Bayer rasch vier zusätzliche Infanterieregimenter zur Passhöhe, die die Vorhut der Armée de l'Allemagne mit mörderischem Feuer empfangen. In dem engen Tal kann der Franzose seine numerische Überlegenheit nicht ausspielen und den Sperrriegel trotz wiederholter Angriffe nicht aufbrechen. Resigniert zieht Turenne gegen vier Uhr nachmittags seine Truppen zurück, nachdem er mit 1600 Mann viermal so viel Soldaten wie die Bayern verloren hatte [Wils09].

 

Für Enghien läuft zunächst alles wie geplant: Um fünf Uhr abends kamen die Truppen am Fuße des Berges (Bohl) an, und warteten in Schlachtordnung ungeduldig auf das Zeichen zum Treffen, welches der Prinz nicht eher gab, bis er glaubte, daß Turenne seinen angewiesenen Posten erreicht habe ... Dann führte er sie einen rauhen, steilen, mit Weinbergen besäeten Weg hinan [Bend80]. Die gut verschanzten Truppen Mercys leisten heftigen Widerstand und die Angreifer erleiden große Verluste. Bei Einbruch der Dunkelheit liegen sich die Kämpfer auf halber Höhe oft nur wenige Meter entfernt gegenüber.

 

 

Es ist noch nit aller tag abent, und das bletlein sich bald umbkehren kinde!

 

In Freiburg sind die Bürger verängstigt. Wie im Protokoll der Stadtratssitzung zu lesen, verkündet der Profos, das noch nit aller tag abent, und das bletlein sich bald umbkehren kinde! denn Es wahr auch referiert, das die Frantzösische arme gestern starckh auff die Bayrisch avanciert, undt bederseits under dem fuss volkh zu Einem starckhen Charmitzell kommen, also das bederseits Ein grosse ahnzahl so woll Todt alss Verletzte, auch die Bayrische zu weichen gezwungen worden, ob zwar die Frantzösische ahn Todten undt verletzten den grosten schaden erliten haben* [Mend72].

*Die Franzosen 1200, die Bayern 600 Mann [Stor12]

 

Aus französischer Sicht liest sich der Fortgang der Ereignisse wie folgt: Einmal war Condé selbst Willens, über die Berge ins Lager der Feinde zu dringen ... aber durfte er dies auf einem so schrecklichen Wege, in einer finstern, regnichten Nacht wohl wagen? Konnte ihm nicht der kleinste Zufall, ein panisches Schrecken, die Frucht von so viel vergossenem Blute, von so vielen Beschwerden entreissen? Die Gründe nöthigten ihn, seinen kochenden Muth zu unterdrücken, und zu warten, bis der anbrechende Tag neue Unternehmungen erleuchtete ... Aber unterdeß entwischte ihm seine Beute.

 

Mercy, der gegen seine Erwartung, die Kühnheit der Franzosen über die Menge der Hindernisse hatte siegen sehen, die er ihnen entgegen gestellt hatte, der seine Truppen um mehr als die Hälfte geschwächt sah, suchte den Rest derselben durch einen schleunigen Rückzug zu sichern. Dieser Rückzug verkündet den größten Krieger ... [Bend80]. Mercy entkommt der Umklammerung, denn haben wir sämtliche Generalspersonen für ratsam befunden ... uns sämtlich auf einen anderen hohen Berg nächst bei Freiburg, allwo der Obrst Rouyr mit seinem Regimente schon gewesen und Posten gefaßt gehabt, zu setzen [Fisc95]. Im Schutz der Dunkelheit entfernte sich sein Heer ... mit so viel Ordnung und Schnelligkeit ... daß es mit Tagesanbruch den schwarzen Berg [den Slierberg, der damals noch ganz bewaldet war] erreichte, der Freyburg noch näher lag [Bend80]. In der Nacht noch fängt es an zu regnen. Als Enghien am Morgen des 4. August die Kämpfe wiederaufnehmen möchte, findet er die bayrischen Stellungen verlassen. Immerhin hatten die Franzosen beim Sturm auf den Bohl 1200 Mann verloren, während die Gegenseite nur die Hälfte an Opfern zu beklagen hat.

 

 Auf dem Slierberg und der angrenzenden Wonnhalde angekommen lässt Mercy Schanzen werfen. Ein bairischer Kriegskommissar berichtet, dass glücklicherweise der Feind sein Pulver nicht trocken halten konnte, denn Donnerstag den 4. August war ein kalter, beständiger Regen, so den armen Knechten sehr wehe tat, ich vermeine aber durch Gott geschickt, damit der Feind uns nicht angreifen könnte, ehe wir auf dem Berg gebauen hätten ... Ein jeder hat müssen zwei Tage auf seinem Posto stehen und erwarten, bis man ihnen Brod, Wasser, etwan auch ein Trinkel Wein gebracht ... *[Rudl04].

*Auch die Bayern müssen wohl damals den Wein dem Bier vorgezogen haben

 

 

Ne jamais attaquer les troupes qui occupent de bonnes positions dans les montagnes

 

Nachdem das Wetter sich gebessert hatte, entschließt sich Enghien voller Wut und Ehrgeiz, schon früh am Morgen des 5. August den Bayern nachzusetzen, obgleich seine Truppen den Höhenzug des Schlierbergs von der Ebene aus stürmen müssen. Napoleon wird später diese Entscheidung heftig kritisieren: Condé (Enghien) a violé un des principes de guerre de montagnes: ne jamais attaquer les troupes qui occupent de bonnes positions dans les montagnes, mais les débusquer en occupant des camps sur leurs flancs ou leur derrières*.

*Condé hat ein Prinzip des Gebirgskrieges missachtet: niemals darf man Truppen in erhöhten Positionen angreifen, sondern muss sie aus ihren Stellungen locken, indem man ihre Flanken besetzt und ihren Rückzug abschneidet.

 

 

 Die Schicksalsschlacht am Lorettoberg

 

In der Tat, Enghien hätte dem Rat Turennes folgen sollen: Abzuwarten, bis Mercy vor allem aus Futtermangel für seine Pferde gezwungen ist, abzuziehen.  Doch der Prince ist ungeduldig. Ein zweites Mal versucht er, Mercy zu täuschen. Um einen Teil der bairischen Truppen zu binden, lässt er ihre Stellungen auf dem Slierberg angreifen allerdings nur mit einer Vorhut der Armée de France. Gleichzeitig rückt die gesamte Armée de l'Allemagne von Merzhausen her gegen die Wonnhalde vor. In dem vom Regen am Vortag aufgeweichten Boden kommen die Franzosen nur langsam voran und werden von den Bayern mit einem mörderischen Feuer empfangen. Hier zeigt sich nun die von Turenne so gefürchtete geringe Kampfmoral seiner Soldaten. Als sie beim Sturm auf die bairischen Schanzen ihren Feldmarschall Lechelle verlieren, lassen sie sich von den kaiserlichen Truppen beim Gegenstoß zurückwerfen.

 

 

Ganze Kompagnien nahmen mit ihren Offizieren schändlicherweise die Flucht

 

Dies liest sich aus französischer Sicht wie folgt: Ganze Kompagnien nahmen mit ihren Offizieren schändlicherweise die Flucht ... vergebens waren alle Drohungen des Herzogs (Enghien). Entsetzen hatte der bestürzten Menge den Gebrauch der Sinne geraubt ... In der Hoffnung also, daß sein Beyspiel sie wieder ins Treffen zurückführen werde, blieb er noch mit zwanzig anderen, eine lange Zeit, dreyßig Schritte von der Verschanzung, dem heftigsten Feuer ausgesetzt, stehen*. Keiner von allen, die ihn umgaben, blieb unverwundet. Ihm selbst nahm eine Kanonenkugel den Sattelknopf weg, und ein Musketenschuß zerbrach seine Degenscheide ... Das Gefecht währete nun schon von acht Uhr Morgens, bis fünf Uhr abends [Bend80]. Bei diesen Kämpfen verlieren die Franzosen 1100, die Bayern aber nur! 300 Mann an Toten und Verwundeten.

*Die Reichweite der damals verwendeten Musketen betrug nur rund 50 Meter [Schm95]

 

Die durch die schweren Verluste demoralisierten Angreifer an der Wonnhalde taugen nur noch als Flankendeckung, als Enghien an der Westflanke des Slierbergs die Entscheidung sucht: Der Herzog verlohr doch nicht die Hofnung zu siegen, doch anstatt seinen Hauptangriff auf der Linie fortzusetzen, die ihm so viel gekostet hatte, wandte er sich nach der Thalseite ... Zwey Stunden nachher fieng er ein neues schreckliches Gefecht an [Bend80].

 

 

Schlacht bei Freiburg 1644 nach [Scha79]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kardinal Mazarin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kurfürst Maximilian von Bayern

Mit den Brodtmessern die Gurgel abgeschnitten

 

 Wieder und wieder rennen Enghiens Truppen den Westhang des Slierbergs hinauf. Aus ihren strategisch vorteilhaften Positionen haben der Chur-Bäyerischen Stücke, so Creutzweiß auff, vnd vnter die herantringende Frantzosen gespielet, eine solche Menge der Frantzosen niedergelegt, daß schier vngläublich, dann sie fast gleichsamb den Scheeblocken, als sie den Berg herauff steigen wollen, herunter gefallen. Ja es ist so ein grosse Fury der Frantzosen gewesen, dass in deme zu 4. Vhren Nachmittags ein starcker Schlagregen eingefallen, wodurch der Streit in etwas erkühlet, vnd nachgelassen hat, selbige (weil sie jhr Gewehr nicht recht brauchen können) den Chur-Bäyrischen Soldaten, deren sie damaln mächtig werden können, mit den Brodtmessern die Gurgel abgeschnitten [Meri51]. Doch ununterbrochen schießt die bairische Artillerie in die anstürmende Infanterie und in dem mörderischen Feuer brechen alle französischen Angriffe zusammen.

 

 

Encore mille !

 

Vor Wut wirft Enghien seinen Marschallstab unter die Kämpfenden oder wollte er nur seine Hand frei haben, um den Degen zu führen?* Wieder und wieder treibt er mit dem Ruf encore mille neue Soldaten den Berg hinauf. Endlich, beim vierten Anlauf dringen die Franzosen in die bairischen Stellungen ein. Caspar von Mercy, Bruder des Feldmarschalls und Generalwachtmeister der Reiterei, erkennt die Bedrängnis der Fußtruppen. Er heißt seine Kürassiere und Dragoner absitzen und zu Fuß mit blankem Säbel in die Bresche springen.

 *Le prince aura sans doute jeté sa canne, pour mettre l'épée à la main, et le récit de cet épisode, transmis de bouche en bouche, aura pris les proportions d'une légende [Fisc95]

 

 Doch Enghien wirft eine fünfte Angriffswelle in die Schlacht. In dieser höchsten Not gelobt Franz von Mercy, der Heiligen Jungfrau ein Lauretanisches Haißlein nach dem Muster der Santa casa in Loreto auf dem Slierberg zu bauen, wenn es gelingt, den Feind zurückzuwerfen. Und tatsächlich wollen fromme Bürgerinnen von Freiburg im Mündungsfeuer der Kanonen über dem Pulverdampf Maria gesehen haben, wie sie mit ihrem weiten blauen Mantel die französischen Kugeln auffängt [Klei87].

 

Unter diesen zweydeutigen Umständen brach der Abend ein. Man sahe nur noch einen undurchdringlichen Rauch, den das von beyden Seiten gut bediente, grosse und kleine Geschütz verursachte. Die Streitenden konnten sich nur noch beym Kanonen- und Musketenfeuer erkennen: aber der Streit war deshalb nicht minder hitzig; und der Wiederhall, der den Donner der Artillerie aus Thählern, Wäldern und Bergen doppelt, und dem Gebrüll wilder Thiere gleich, zurückgab, vermehrte die Schrecken, der ohnedem schaudervollen Aktion. Endlich überraschte sie die Nacht, da sie eben im Begriff waren, sich beyde aufzureiben [Bend80].  

 

Der kleine Raum, auf welchem der Prinz (Condé) focht, war mit Blut überschwemmt, mit Todten und Sterbenden, mit Kugeln und zerbrochenen Waffen bedeckt; und nun war seine erste Sorge, die Verwundeten, es mochte Freund oder Feind seyn, nach Breysach zu schicken ... Alsdann führte er sein Heer, welches er zu seinem Kummer, um zwey bis drey tausend Mann vermindert fand ... ins Lager zurück. - Es ist ohne Beyspiel, nach einem Gefecht zwischen zwei mittelgroßen Heeren, die nicht einmal handgemein [Nahkampf] wurden, von beyden Seiten so viel Gebliebende zu zählen ... Wir müssen die unüberwindliche Standhaftigkeit des Prinzen an diesem merkwürdigen Tage bewundern; aber wir müssen auch nicht seiner Mäßigung zu gedenken vergessen, von der er vielleicht nie einen herrlichern Beweiß gegeben hat [Bend80].

 

 

Von den Bäyerischen ist damaln tod blieben ...

 

... der Gen. Feldwachtmeister Caspar von Mercy, vnd Obrister Mirre, deren Todt hoch beklagt wird … Bey diesem Treffen hat der Freyherr Johann von Werth (so zwar nicht verletzt, jhme aber das Pferdt vnterm Leib erschossen worden) mit der Cavalleria, sonderlich aber mit den Kürassirern vnd Tragonern das beste gethan, vnd jedesmals die Infanteria secundirt mit solchem Valor vnd Schargen, daß, daferne die Frantzösische Reutterey den Chur-Bäyerischen in der Zahl vnd Menge nicht weit wäre überlegen gewesen, alsdann die Frantzösische Infanteria gäntzlich sollte zu Grund zugerichtet worden seyn [Meri51].

 

Schiller schreibt zur Schlacht am Lorettoberg: Der Herzog von Enghien musste sich zum Rückzug entschließen, nachdem er bei 6000 seiner Leute umsonst hingeschlachtet hatte. Als er die lange Liste der Gefallenen nach Paris schickt, soll Enghien dem Boten gesagt haben: So viel Buchstaben du trägst, soviel Tränen trägst du [Fisc95]. Und tatsächlich: Kardinal Mazarin [der Nachfolger Richelieus] vergoss Tränen über diesen großen Verlust, den aber der herzlose, für den Ruhm allein empfindliche Condé nicht achtete. Eine einzige Nacht in Paris, hörte man ihn sagen, gibt mehr Menschen das Leben, als diese Aktion getötet hat [Schi64]. Die Bayern verlieren etwa 1100 Mann in der Mehrzahl Verwundete.

 

 

Got seye Ewiges lob ...

 

Die Stadt Freiburg erstellt eine Übersicht über die bei den Kampfhandlungen erlittenen Schäden: In Flammen gingen auf Dorf Adelhausen, die Wühre, die äußere Gerberau. Die Hammerschmiede, Kupferschmiede, alle Ziegelhöfe, die Säge zwei Papiermühlen, fünf Mahlmühlen, die Walkmühlen und vier Polierschleifen. Die uralten Klöster St. Klara, Agnes, Magdalena sind ganz zerstört. Die Schneckenvorstadt hat noch vier Mahlmühlen, zwei Schleifmühlen und ein halbes Dutzend bewohnbarer Häuser. In der Innenstadt verhält es sich ebenso mit den Häusern, die zunächst an den Ringmauern gestanden sind. Stadtmauern und Türme sind so beschädigt, daß Einstürze zu befürchten sind. Die Wasserleitung ist zerrissen, Brunnen sind eingestürzt. Der Feind hat alle Obstbäume gefällt, durch die Güter Laufgräben und Schanzen gezogen. Die Ernte ist verloren. so daß sich viele mit Hunden und Katzen behelfen, ja auch Kinder sollen umgebracht worden sein, um den Hunger zu stillen. Ein armes Weib klagte, ihr Mann habe ihr in der Verzweiflung ein Seil um den Hals geworfen, um sie zu erwürgen und zu verzehren. Von den Bürgern ist kaum noch der vierte, von den Untertanen der Stadt kaum noch der fünfte Teil übrig [Stra43].  

 

Im Protokoll der Stadtratssitzung vom 5. August 1644 findet sich der seherische Eintrag: Got seye Ewiges lob, noch nichts aussgericht. Got helf weiter! [Mend72]. Wohl wahr, denn es war kein Sieg für die Kaiserlichen. Zwar hatte Mercy erreicht, dass sich die Franzosen vor dem Abschluss des Westfälischen Friedens nicht im Breisgau festsetzen konnte, doch erlaubte ihm Kurfürst Maximilian nicht, dem Feind über den Rhein nachzusetzen. Somit ließen sich der Verlust der habsburgischen Gebiete links des Rheins und die dauerhafte Trennung der alemannisch sprechenden Bevölkerung zwischen Schwarzwald und Vogesen nicht verhindern [Scha79].

 

Am Ende aber triumphiert Turenne, als er, was Maximilian immer verhindern wollte, 1648 mit seinen Truppen ins kurfürstliche München einmarschiert.

 

 

Ein so blutiges Treffen beyderseits gewechselt ... und Vermahnung

 

In einer Nachlese zur Schlacht bei Freiburg heißt es: … obwoln der vorigen Rencontren Schargen sehr hart abgelauffen, so ist doch selbigen Tags ein so blutiges Treffen beyderseits gewechselt worden, daß auch Joh. von Werth, wie auch fast alle Generales vnd im Krieg von Jügend auff erzogne vnd geübte Soldaten bekennen, hätten dergleiche, (obwoln sie vnterschiedlichen Feld- vnd Hauptschlachten beygewohnet) niemaln gesehen [Meri51].

 

Dem Stadtrat bescheinigt Mercy: dass die Stat das Eisserist (Äußerste) gethan, und das wan die Stat nit gewest, die armee nit gefechten khinden, wöls zu riemen (rühmen) nicht underlassen so woll bey Ihr Kay: Mstt: alss seinem gnädsten Herren der Churfstl. Dchlcht. in Bayern. Auch In ahnsehung der Burger armuth ad interim 50 Fass Mehl für die Soldaten hinderlassen ... Und dass dise Stat nit werde gelassen werden, alss ahn welcher so vüll gelegen.

 

Her Stathalter Tonhoss referiert, das, alss die abgeordnete wider von Adelhausen herein für das thor kommen, Hr. General Veldt Marschalkh (Mercy) auch sich hierbey genaet (genaht), und allerhandt gute discurs geben, deme der Obrist Lieut: (der Zunftmeister) etwas In ein Ohr blasen, ob man sich wehren wöll? und trew zusein? wariber die herren (des Stadtrats) zwar geantwortet: wöölen trew sein abre nit, das man sich wehren wöll, darauf Hr. General vermeldt: Ihr werdt thun wie redliche leith, darmit die handt dargestreckendt, dem selbige die handt auch geben [Mend72].

 

 

Der Feind beginnt courtois und humaner zu reden

 

Am 3. August 1645 treffen die Kontrahenten der Schlacht bei Freiburg im bairischen Alerheim erneut aufeinander. Hier erleidet die kaiserliche Armee eine empfindliche Niederlage. Turenne triumphiert, Mercy fällt. Da stiftet seine Witwe 200 Gulden, damit die mächtige bereits 1258 gegossene Münsterglocke Hosanna jeden Freitag um 11 Uhr zum Gedenken an die Toten in der Schlacht am Lorettoberg geläutet werde. Zum Frieden mahnend ertönt die Glocke auch heute noch, wie einst von der Stifterin bestimmt, und erinnert als Knöpfleglock die Freiburger Hausfrauen daran, ihre Teigwaren rechtzeitig aufs Feuer zu setzen [Kalc06].

 

Als die Kaiserlichen im gleichen Jahr auch noch die Schlacht bei Jankau in der Nähe von Prag verlieren, lenkt Ferdinand im Streit mit den Ständen ein und schickt endlich seinen Bevollmächtigten Oberhofmeister Graf Maximilian von und zu Trauttmannsdorff zu den Friedensverhandlungen nach Münster und Osnabrück, denn der Kaiser sieht durchaus die wachsende feindtliche und entgegen abnemende nur meiner … waffen und khrefte, … daß algemeine seifzen nach dem friden [Gros11]. So kommentiert denn auch  Oxenstierna die erzwungene Kompromissbereitschaft Wiens mit den Worten: Der Feind beginnt courtois und humaner zu reden [Pres91].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kaiser Ferdinand III.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Graf Trauttmannsdorff

Ewige Vergessenheit und Amnestie

 

Nun kann der Verhandlungsmarathon des Friedenskongresses beginnen. Die Schweden, die sich als Behüter des wahren evangelischen Glaubens sehen, tragen ihre Forderungen in Osnabrück vor, da sie, wohl auch geschockt durch die Annäherung ihrer Königin Christina an den Katholizismus, nicht mit dem Vertreter des Vatikans zusammensitzen möchten.

 

Dagegen tagen die anderen Delegationen unter der Führung Frankreichs im katholischen Münster. Der schwedische Reichsrat instruiert die Verhandlungsdelegation, sie soll drei Hauptpunkte besonders vorantreiben und sich besonders angelegen sein lassen:
1. Amnestie für alle Reichsstände, namentlich für diejenigen, die sich der Krone Schwedens angeschlossen hatten,
2. Satisfaktion der Krone Schwedens und
3. Contentement der Soldateska,
denn so große Auslagen wurden gemacht, so mancher stolze schwedische Mann hat sein Blut vergossen und insonderheit der unvergleichliche Held, König Gustav Adolf der Große, daß man mit geringen Summen nicht befriedigt werden kann
[Schi88].

 

Der Kaiser ist an einem Separatfrieden mit den Schweden interessiert, um Frankreich zu isolieren. So verzichtet er auf Pommern. Was die Amnestie betrifft, so lautet Artikel 2 des Friedensvertrages, den Ferdinand III. mit den Schweden schließt: Soll auf beiden Seiten eine ewige Vergessenheit und Amnestie alles dessen sein, was seit Beginn dieser Vorfälle an welchem Ort und auf welche Weise auch immer von der einen und von der anderen Seite hinüber und herüber an feindseligen Akten verübt worden ist, so daß weder deswegen noch aus irgendeinem anderen Grund oder Vorwand einer dem anderen in Zukunft irgendwelche Feindseligkeit, Feindschaft, Unannehmlichkeit oder Behinderung zufügen oder zufügen lassen oder dulden soll, daß es zugefügt werde, weder auf die Personen noch auf den Stand, die Güter oder die Sicherheit bezogen, eigenhändig oder durch andere, offen oder heimlich, direkt oder indirekt, unter dem Scheine des Rechts oder durch Gewalt etc. etc.

 

 

... entlich auch den Preiskhau fahren lassen ...

 

Wenn auch Anweisungen an die französische und die spanische Delegation gleich lauten*, so möchten die Franzosen in Münster vor allem ihr Trauma der habsburgischen Umklammerung loswerden [Wils09]. So wollen die Delegierten Frankreichs mit den Botschaftern der anderen Konferenzteilnehmer zusammenarbeiten, von denen sie merken sollten, daß sie von Argwohn erfüllt sind gegen die Bundesgenossenschaft zwischen der deutschen und spanischen Linie des Hauses Österreich und der großen Macht, die dieses Haus sich dadurch zum Schaden der ganzen Christenheit erwirbt. Das Auseinanderdividieren der Habsburger ist erreicht, wenn wir unser Grenzen in allen Richtungen bis zum Rhein ausgedehnt hätten [Schi88].

*Repos pour la Chrestienté, reposo de la Christiandad, Ruhe für die Christenheit

 

Dieses Ziel steht in krassem Widerspruch zur kaiserlichen Instruktion: Der grav von Trautmanstorf wirdt vor allen dingen zu sehen haben, daß es zu diser separation (der Teitschen und der Spanischen lini) nicht khume, auch ehender (eher) alles uber und und uber gehen ehe er es darzu khumen lasse [Schi88]. Um es dazu nicht kommen zu lassen, ist der Kaiser zu großen territorialen Zugeständnissen an die Franzosen bereit. Eine Geheiminstruktion für Trauttmannsdorff lautet: ... daruff zu beharren haben solang miglich, endtlichen ihnen daß Elsas endtern Reihn (über den Rhein) verwilligen gegen herüberlassung der vestung Preisach. Wann daß nicht zu erhalten, auch Preisach adjungiren, und wann der friden allein an Preiskhau hafften sollte, entlich auch selbiges fahren lassen, doch diese letzte non nisi in desperatissimo casu*, absunderlichen weilen zu hoffen, daß Frankhreich es nicht begehre oder doch wenigist nicht darauf beharren werde, weilen es biß dato nichts alls Elsas (so endtern Reihn liegt) praedendirt. Diser punct wird aber notwendig mit denen erzherzogischen abgeordneten müssen verglichen werden. Wann sie aber nicht darein consentiren wollten, in extremo casu ihnen vorgegriffen werden müsst. [Roec96].

*nur im äußersten Verzweiflungsfall, [um den Frieden zu retten]

 

Nun, letztlich verlangen die Franzosen nicht, dass die Schwanzfeder des Reichsadlers, der Breisgau, auf dem Altar des Friedens geopfert wird. So kommt es auch nicht zu einem (weiteren) Zwist im Hause Habsburg zwischen dem Kaiser und seinem Vetter der tirolischen Linie Erzherzog Ferdinand Karl, dem Landesherrn der Vorlande.

 

 

Während 1648 die Unterzeichnung des Friedensvertrages auf sich warten lässt,
stehen wieder Franzosen vor der Stadt;

 

Derweil hofft Freiburg auf und betet um den langersehnten Frieden, denn die Wirren des Dreißigjährigen Krieges und besonders die letzten Kriegshandlungen hatten die Stadt und ihr Umland schwer in Mitleidenschaft gezogen. Doch die Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück verlaufen schleppend., denn an der Friedenskonferenz, setzten die Mächte auf das Kriegsglück [Schm99]. In der Tat, die Friedensverhandlungen erwärmen sich im Winter und kühlen sich im Frühjahr ab. Die Unruhe hält in der Versammlung etwa bis Ende Februar an. Dann gehen wir wieder zu unserer gewöhnlichen Ruhe über, die Generale rücken ins Feld und nehmen die Sache in die Hand. So haben die Männer des Krieges und des Friedens abwechselnd ihre Beschäftigung. Zudem, alle nehmen hier etwas, entweder von der einen oder von der anderen Partei klagt ein Würzburger Delegationsmitglied, während ein Oldenburger resigniert feststellt: Was helfen rationes, was helfen recommendationes ohne Geld! Das Leder will geschmiert sein [Gros11]. Kurzum, es  wurde sondiert, laviert, traktiert, temporisiert, spioniert und bankettiert. Die barocke Repräsentationssucht trieb die Kosten des Kongresses auf geschätzte 3,2 Millionen Reichstaler [Schm99].

 

Was das Kriegsglück betrifft, so belagert noch im Juni 1648 der Breisacher Festungskommandant Hans Ludwig von Erlach im Auftrag Kardinal Mazarins Freiburg, um Frankreichs Verhandlungsposition kurz vor dem Friedensschluss zu verbessern. Starke Regengüsse erschweren die Belagerung. Wie erleichtert ist die in der Stadt verbliebene Bevölkerung, als nach drei langen Wochen des Bangens die Franzosen unverrichteter Dinge abziehen.

 

 Nach diesem Abzuge, noch am selbigen Tage, versammelten sich die Geistlichkeit, der Magistrat, die Bürger, Soldaten und Studenten in der Pfarrkirche und sangen ein feierliches Te Deum. Der Feind verlor bei der Belagerung etwa 500 Mann, während er keine Kugel mehr gegen die Stadt abgeschossen und keinen Menschen mehr aus derselben verwundet hat [Bad82].

 

Freiburg ist nach insgesamt fünfmaliger Belagerung und fünfmaligem Wechsel der Herrschaft weitgehend zerstört. In 17 Kriegsjahren ist die Zahl der Bewohner von 14 000 auf 2000 Seelen geschrumpft. Vor der Stadt wurden abgebrochen und verbrannt: Dorf Adelhausen, Wiehre, oberes Werd, Gutleuthof mit Kirchlein. In den Frauenklöstern Adelhausen und St. Katharina kamen alle Fenster hinweg und wurden die Zellen ausgebrochen. Beide Kirchen, auch die im Dorf Adelhausen stehen noch [Jung03].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Friedensschlussakte

 

Oh König der Herrlichkeit, komme mit Frieden

 

 Neuer Auß Münster vom 25. deß Weinmonats im Jahr 1648 abgefertigter Freud- vnd Friedensbringender Postreuter. Im Hintergrund erkennt man Wien, Paris und Stockholm mit wehenden Friedensfahnen.

 

Der Vertrag von Osnabrück, das Instrumentum Pacis Caesareo-Suecicum Osnabrugense zwischen Kaiser, Reichsständen und der Königin von Schweden, regelt die Beziehungen zwischen dem Reich und der nordischen Großmacht, während der Vertrag von Münster, das  Instrumentum Pacis Caesareo-Gallicum Monasteriense zwischen Kaiser, Reichsständen und dem Allerchristlichen König von Frankreich nur das Verhältnis zum Haus Österreich normalisiert. Derweil schwelt der französisch-spanische Krieg weiter.

 

Schlussseite des Instrumentum Pacis Caesareo-Gallicum Monasteriense. Für den Kaiser unterzeichnete der Konvertit Graf von Nassau mit Johannes Ludovicus Comes Nassauhe (links) und für den französischen König Abel Servien (rechts)

 

Beide Verträge werden am 24. Oktober 1648 unterzeichnet, doch die erlösende Nachricht vom Friedensschluss trifft bei Peter Hagendorf inzwischen Garnisonsoldat in Memmingen viel später ein: Im Jahr 1648 den 16. November ist das Freudenfest wegen des Friedens gehalten worden von den Bürgern, als wenn es Ostern oder Pfingsten gewesen wäre [Schn11]. In Freiburg wird der Frieden sogar erst am 13. Dezember auf der Cantzel ausgeruofen. Andächtig lauschen die Freiburger dem Geläut der Hosanna im Münsterturm, deren Inschrift lautet: Oh König der Herrlichkeit, komme mit Frieden. Erklingt mein frommes Geläut, hilf deinem Volk, Maria.

 

Friedensschwur im Rathaussaal zu Münster von Gerhard Terborch.
Endlich: Pax optima rerum (Frieden ist das höchste Gut)

 

 

 

 

Der Mars ist nun im Ars

 

Der Krieg hatte … dargetan, daß Gott … weder Katholik noch Protestant oder Calvinist war [Rose04]. Die Erleichterung des geschundenen Volkes über den Friedensschluss artikuliert sich in den teutschen Landen recht verschiedenartig. So in den Versen Paul Gerhardts (1607-1676):  

 

Gott Lob! Nun ist erschollen
das edle Fried- und Freudenwort,
dass nunmehr ruhen sollen
die Spieß und Schwerter und ihr Mord.

 

 Daneben zirkulieren viele Flugschriften mit häufig allegorischen Darstellungen.  Besonders pikant ist ein Flugblatt aus Köln, in welchen dem Kriegsgott Mars beschieden wird, dass er jetzt im Ars sei und dass Lex Ars (Gesetz und Kunst) von nun an wieder schmecken. Vorsorglich ist dem Gedicht die Mahnung vorangestellt: Wohlgemeint, vnd boß (bös) verstanden, Machet manche Schrifft zu schanden:

 

Ja, Lex vnd Ars, Die steigen wieder hoch,
Ihr Leydt ist vmb, der Mars hat nun ein Loch,
Es hatt genug gedaurt, daß der Mars,
Hatt Ars getrillt, Nun ist der Mars im Ars.
Nun halten Lex
vnd Ars den Mars im Zaum
Nun wirdt vnd ist mir auß dem Mars ein traum,
Im Ars ist Lust; im Lex ist Süssigkeit,
Im Mars
gestanck. Von Pulver sturm und streitt
Wo Lex und Ars die Oberhandt beheltt
Da scheußt der Mars nicht mehr so grob ins feldt
Der Mars ist roth Vnd Schwartz, Lex aber Weiß,
Vnd Ars Wie Goldt, Lex Ars
behelt den preyß.
So finster Vnndt so grewlich es im Mars,
So Sonnenklar Vnnd lieblich ist Lex Ars,
Lex Ars sind freundt vnd halten nichts vom Mars
,
Es sey dann Mars ein freundt vom Lex
vnd Ars.
Wolan O Mars
scheuß nun nicht mehr so grob,
Es Zörnen sonst Lex vnnd auch Ars darob,
Wan Ars regiert, vnnd Lex die Zunge braucht,
So Zittert Mars, scheußt er gleich das es raucht
Im Mars ist nichts das unß hertz erfrewt
Lex aber hat viel Lust vnndt Liebligkeitt
desgleichen Ars, Ars ist so wunder fein
Daß Jedermann im Ars will Burger sein.
Lex mich im Mars sehr Wenig schützen kan,
DaDann Wo der Mars regiert, kombt Lex nicht an,

 

 

Nun aber Mars im Ars, Lex mich beschirmt
Vnd hilfft nun nicht daß Mars viel scheußt vnd sturmt.
Küst mir nun Ars vnd Lex vnd flucht dem Mars
Verflucht sey Mars, geküst sey Lex Vndt Ars,
O susses Lex, o dreymahl schöner Ars
Wir küssen euch, kombt an Verflucht sey Mars.
Mars scheußt Vnd stinckt, Ars aber ist sehr mild,
Lex angenehm, der Mars ein greulich bildt,
Ars machet gunst, Lex hat daß lob, was Ars,
Was greulich ist, daß ist fürwar im Mars,
Weg mit dem Mars, heran mit Lex vnd Ars,
Ars liebt die ruh, Lex auch, Krieg aber Mars.
Viel lieber fried als streitt, weil Mars verzehrt,
Was Ars erwirbt, Mars raubt, Mars Ars ernerht.
Schmeckt wol Lex Ars vnd ist guth,
Der wol darein begreiffen thut,
Stecke dein nas tieff in Lex Ars,
Besser als in verstorbenen Mars,
Braucht die Zung Zur Sussigkeit,
Lex Ars ist euch Zum dienst bereit,
Den alle Hochgelehrte Leuth,
Schmecken Lex Ars ahntugendheit
[Schi88].

 

Samuel von Pufendorf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Päpstlicher Nuntius
Fabio Chigi

 

 Neue Drangsal in und Bürde für Freiburg ...

 

Zwar hatte man in den westfälischen Verträgen wegen der schwedischen Forderung des Contentement der Soldateska für den Rückzug der Armeen einen Zeitraum von nur zwei Monaten vereinbart, doch in Freiburg hört mit dem Friedensschluss die Drangsal durch streunende Soldaten nicht auf. Unter dem Vorwande, daß die vereinbarte Kriegsentschädigung noch nicht entrichtet sei, verzögerten die Schweden und Franzosen ihren Abmarsch und saugten die gepeinigten Einwohner noch weiter aus. Sie schanzten und frohnten, thaten die Wachen mit der Garnison, verköstigten diese und lieferten das Geld zur Löhnung derselben. Item, nachdem schon so Vieles dem Friedensschlusse zuwider geschehen, ist zu considerieren, wie sich inkünftig auf denselben zu verlassen sei [Bad82]. Auch die baierische Besatzung ist eine Bürde für die Stadt, deren letzte Truppen unter ihrem Kommandanten Carl von Neveu erst im Juli 1650 Freiburg verlassen, wobei dem Herrn Obristen (dem Zunftmeister) ists wasser dabei in die Augen geschossen [Damm75].

 

Einige der fremden Soldaten jedoch bleiben in Freiburg, die neben dem Weib 4-6 Kinder hatten. Wohl verbot man das Heirathen, allein dann schwängerten sie Bürgerstöchter und ausländische Dienstboten, um die Heirathserlaubniß zu erzwingen. So mußte eben auch für diese übel oder wohl eine Liegerstatt erstellt werden. So war der arme Bürger, der nur ein enges Stüblin und Kuchen und dies häufig nur miethweise für sich und seine Familie hatte, oftmals genöthigt, entweder in dieses Heim noch einen Soldaten mit Kind aufzunehmen, so daß sich zwei Weiber in so engem Raume vertragen mußten, oder für denselben ein besonderes Gelaß zu miethen und sich so eine Ausgabe von mindestens neun Gulden per Jahr aufzuladen. Dabei mußte er zusehen, wie die Soldaten ihm das Brot vor dem Maul abschnitten, indem sie, während der arme Bürger für sie den Wachtdienst besorgte, als Handwerker für die vornehmen Leute arbeiteten, sich als Barbiere, Schreiner, Schuster, Schneider, ja als Boten Geld verdienten, während ihre Weiber schneiderten, oder Wein einlegten und Kosttische hielten [Damm75].

 

 

... bei Armut, Elend und Ohnmacht im Reich

 

Der Pfarrer von Isny im Allgäu notiert: Es ist wohl dieser Reichsfried ein guldener Fried/ dann er viel tausend rohter Goldgulden/ viel Tonnen Goldes/ grosse Summen Goldes/ viel Millionen Reichsthaler kostet ... nach dem gemeinen Sprüchwort/ übernächtigter Friede ist Goldes werth [Gant02]. Das geschwächte Reich zahlt auch sonst die Zeche. Samuel von Pufendorf erster Professor für Völkerrecht in Heidelberg beschreibt 1667 in seinem Werk: De statu imperii germanici den Zustand dieses Reiches wie folgt: Es bleibt also nichts übrig, als Deutschland, wenn man es nach den Regeln der Politik classifizieren will, einen irregulare (unregelmäßigen) und monstro simile (einem Monstrum ähnlichen) Staatskörper zu nennen, der sich im Lauf der Zeit durch die fahrlässige Nachgiebigkeit der Kaiser, durch den Ehrgeiz der Fürsten und die Ruhelosigkeit der Pfaffen aus der einstigen Monarchie zu einer so ungeschickten Staatsform umgestaltet hat, dass es nicht mehr eine beschränkte Monarchie, wenngleich der äußere Schein dafür spricht, aber noch nicht eine Föderation mehrerer Staaten ist, vielmehr ein Mittelding zwischen beiden. Wir können also den Zustand Deutschlands am besten als einen solchen bezeichnen, der einem Bund mehrerer Staaten sehr nahe kommt, in dem ein Fürst als Führer des Bundes die herausragende Stellung hat und mit dem Anschein königlicher Gewalt umgeben ist [Lese89, Ling10, Mart15]. 

 

Wohl wahr: Die Schweiz scheidet de jure aus dem Reich aus. Vorpommern und die ehemaligen Bistümer Bremen und Verden werden schwedisch. Frankreich behält die Bistümer Metz, Toul und Verdun und wird Garant des Friedensvertrages*. Erzherzog Ferdinand Karl (1646-1662) wird der Breisgau und die Ortenau restituiert, doch begibt sich der Kaiser für sich, für das gesamte durchlauchtigste Haus Österreich und für das Reich aller Rechte, allen Eigentums, aller Herrschaften, Besitzungen und Gerichtsbarkeiten, die bisher ihm, dem Reiche und dem Haus Österreich zustanden, und zwar an der Stadt Breisach, der Landgrafschaft Ober- und Unterelsaß und der Landvogtei über die zehn im Elsaß gelegenen Reichsstädte, nämlich Hagenau, Kolmar, Schlettstadt, Weißenburg, Landau, Oberehnheim, Rosheim, Münster im St. Gregoriental, Kaysersberg, Türkheim, sowie an allen Dörfern und sonstigen Rechten, die von der vorerwähnten Vogtei abhängen, und überträgt sie sämtlich auf den allerchristlichsten König und das Königreich Frankreich, so daß die vorerwähnte Stadt Breisach mit den zur Stadtgemeinde gehörenden Weilern Hochstatt, Nieder-Rimsingen, Harten und Acharren einschließlich des gesamten von alters her bestehenden Gebietes und der Bannmeile, jedoch ausgenommen die schon früher vom Haus Österreich erlangten und erhaltenen Privilegien und Freiheiten dieser Stadt so heißt es im Artikel 73 des Instrumenti Pacis Caesareo-Gallicum Monasteriense.

*Noch Napoleon beruft sich auf diese Klausel

 

Andererseits bestimmt Artikel 87 des Dokuments: Der allerchristlichste König soll verpflichtet sein, nicht nur die Bischöfe von Straßburg und Basel einschließlich der Stadt Straßburg, sondern auch andere im Ober- und Niederelsaß befindliche reichsunmittelbare Stände, nämlich die Ämter von Murbach und Lüders, die Äbtissin von Andlau, das Benediktinerkloster im Sankt Gregoriental, die Pfalzgrafen zu Lützelstein, die Grafen und Freiherrn zu Hanau, Fleckenstein, Oberstein und die Ritterschaft des gesamten Unterelsaß, ferner die zuvor erwähnten zehn Reichsstädte, die zur Vogtei Hagenau gehören, in der Freiheit und Reichsunmittelbarkeit zu belassen, in der sie sich bisher befunden haben, und zwar in der Weise, daß er künftig keine Oberhoheit über sie in Anspruch nehmen wird, sondern sich mit jenen Rechten zufriedengibt, die das Haus Österreich innehatte und die durch den gegenwärtigen Friedensvertrag der Krone Frankreich abgetreten worden sind. Dies soll jedoch in der Weise geschehen, daß dem Recht auf Oberherrschaft, das zuvor gewährt worden ist, durch die gegenwärtige Erklärung kein Eintrag geschieht oder es [auf andere Weise] geschmälert wird. Damit sind Breisach als rechtsrheinischer Brückenkopf sowie zehn elsässische Reichsstädte einerseits von nun an auf ewige Zeiten dem Allerchristlichen König und der Krone Frankreichs einverleibt, andererseits sollen diese Stände die Freiheit ihre Reichsunmittelbarkeit behalten, wie das bisher unter Österreich der Fall war [Kopf70, Auss08].

 

Frankreich sieht die im Westen vom Reich abgetrennten Gebiete bereits voll als die seinen an. Insbesondere ist nach welscher Lesart der nunmehr vom französischen König bestellte Grand-Bailli in Haguenau der Vertreter des Herrschers über die Dekakapolis, während der frühere Reichslandvogt in Hagenau nach österreichischer Auslegung nur eine Titelbezeichnung ist. Keine der vertragsschließenden Parteien möchte darüber weiteren Streit.  Der französische Gesandte in Münster und Osnabrück Abel Servien schreibt mit Recht dem jungen Louis XIV, der noch minderjährig bereits 1643 König geworden war: Sire, je crois, qu'il se faudra contenter que chacun explique le traité comme il l'entend* [Sayn71]. Der österreichische Kanzler Volmar dagegen tönt: Le plus fort l’emportera [Vogl09].

 *Sire, ich glaube, man muss sich damit abfinden, dass jeder den Vertrag auslegt, so wie er ihn versteht.

** Der Stärkere wird gewinnen

 

Schweden wird mit seinen deutschen Besitzungen Reichsstand. Schließlich erhält der Sohn des Winterkönigs Pfalzgraf Karl Ludwig (1649-1680) eine achte Kurwürde, die des Reichsschatzmeisters, nachdem die Bayern die ihnen 1623 übertragene nicht wieder hergeben wollen.  Den Niederlanden, die 1556 bei der Teilung des Erbes Karls V. an die spanische Linie der Habsburger gefallen waren, wird ihr 80-jähriger Kampf belohnt, indem die vereinigten dreizehn nördlichen Provinzen unabhängig werden, während der südliche Teil (etwa das heutige Belgien) bei den Habsburgern verbleibt.

 

Das Restitutionsedikt von 1629 wird aufgehoben und als Normaljahr der 1. Januar 1624 eingeführt: Was an diesem Datum katholisch war, bleibe katholisch, was protestantisch oder reformiert war, bleibe es ebenfalls [Rose04]. So erkennt schließlich einzig der Papst den Friedensvertrag nicht an, welcher die Gleichberechtigung der Ketzer völkerrechtlich festschreibt [Stol06]. Der päpstliche Nuntius Fabio Chigi* legt gegen das Vertragswerk ein feierliches Protestbreve ein, was die anderen Vertragsschließenden nicht nur nicht schert, sondern sie - einschließlich der meisten Katholiken - zu einer Anti-Protesturkunde bewegt  [Pres91]. Offiziell lehnt der Papst den Westfälischen Frieden erst im August 1650 in seiner Bulle: Zelo domus Dei ab, welche er auf den 16. November 1648 rückdatiert [Wils09].

*Der spätere Papst Alexander V. (1655-1691)

 

Voltaire

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Johann Michael Moscherosch

 

 

 

Der Teutsche Michel sich mit frendem Tand schmückend

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiter mit

Louis XIV

 

 

Zurück zu den Anfängen des großen Krieges

 

 

 

 

Deutschland nach dem Westfälischen Frieden 1648 [Atla91]

 

 Weder heilig noch römisch noch Reich

 

Städte und Dörfer liegen in Trümmern, ganze Landstriche sind entvölkert. Von geschätzten 18 bis 20 Millionen Menschen im Jahre 1600 leben in den deutschen Gebieten um 1650 nur noch 11 bis 13 Millionen. Erst 100 Jahre später erreicht die Bevölkerung wieder den Stand wie vor dem großen Krieg [Pres91]. Hunger und als Folge Seuchen und andere Krankheiten halten auch nach Kriegsende weiter an, denn aus Mangel an Zugtieren hat man wenig mit sähen können ausrichten. Bettler ziehen übers Land, an einem Tag biß uff die 20 oder 30 einem für das hauß komen [Schi89].

 

Schließlich spaltet der Konfessionsunterschied immer  noch die teutschen Lande.  Voltaire spottet, dass der verbleibende Flickenteppich, der aus fast 1500 reichsunmittelbaren Gebieten darunter 8 Kurfürsten, 27 geistlichen und 30 weltlichen Fürsten, 38 Prälaten, 75 Grafen und Herren, 53 Reichsstädten sowie Reichsdörfern und reichsritterschaftlichen Territorien besteht, weder heilig noch römisch noch Reich ist [Roec02]. Ja, dieses Monstrum ist unregierbar. Der Historiker Heinrich von Sybel klagt 1889: Die Reichsgewalt und die nationale Gesinnung waren auf Null gesunken. Der Partikularismus hatte von dem deutschen Boden und dem deutschen Geiste vollständig Besitz ergriffen [Schu96].

 

Nicht nur für den Historiker Heinrich von Treitschke ist der Dreißigjährige Krieg eine nationale Katastrophe, die sich in einem Schandfrieden bestätigt. In seiner Analyse drischt der protestantische Preuße zudem kräftig auf die katholischen Habsburger ein: In einer Zerstörung ohnegleichen geht das alte Deutschland zugrunde … Rhein und Ems, Elbe und Weser, Oder und Weichsel, alle Zugänge zum Meer sind fremder Nationen Gefangene; dazu am Oberrhein die Vorposten der französischen Übermacht, im Südosten die Herrschaft der Habsburger und der Jesuiten. Zwei Drittel der Nation hat der greuelvolle Krieg dahingerafft … Das Volk, das einst von Kriemhilds Rache sang und sich das Herz erhob an den heldenhaften Klängen lutherischer Lieder, schmückt jetzt seine verarmte Sprache mit fremden Flittern … (siehe weiter unten) Die Umbildung des altgermanischen Wahlkönigtums zur erblichen Monarchie hat den meisten Völkern Westeuropas die Staatseinheit gesichert. Deutschland aber blieb ein Wahlreich, und die dreihundertjährige Verbindung seiner Krone mit dem Hause Österreich erweckte nur neue Kräfte des Zerfalles und des Unfriedens, denn das Kaisertum der Habsburger war unserem Volk eine Fremdherrschaft … Da führte der Glaubenseifer des Kaiserhauses alle Schrecken des Völkermordes über Österreich herauf [Gant02].

 

 

Das interessanteste und charaktervollste Werk
der Menschlichen Weisheit und Leidenschaft

 

Das sehen nicht alle Historiker so. Schiller hielt den Westfälischen Frieden für das interessanteste und charaktervollste Werk der Menschlichen Weisheit und Leidenschaft [Schm95]. Schließlich bindet das Werk Kaiser und Stände in eine Ordnung staatlicher Gewalten ein, in dem das Reichsgericht und das Kaiserliche Hofgericht die Anlaufstelle sind für die kleinen Stände, für Bürger und Bauern im Falle des Übergreifens der Staatsgewalt in ihre Rechte. Das System gegenseitiger Machtkontrolle [bildet] einen wirksamen Schutz vor Willkürherrschaft und einen Garant für Frieden, Recht und gesetzmäßiger Freiheit [Schm95]. Jean-Jaques Rousseau sieht im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation sogar den wichtigsten Garanten des europäischen Gleichgewichts, und dass der Westfälische Friede vielleicht auf immer zwischen uns die Basis des politischen Systems sein wird [Schm95].

 

Das hailig romisch reich mit samptbseinen gelidern. Oben an den Flügeln die Wappen
 der sieben Kurfürsten und des Papstes als Lückenbüßer?

Eine weitere und häufig zu wenig beachtete Folge des Westfälischen Friedens ist die endgültige Integration des nördlichen Deutschlands in das bisher oberdeutsch geprägte Reich [Schm95].

 

 

Die gemeinsame Sprache als der Deutschen Klammer?

 

Bereits 1617 hatte Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen nach italienischem und französischem Vorbild in Weimar eine deutsche Sprachakademie, die Fruchtbringende Gesellschaft mit dem Emblem einer Palme gegründet. Dieser Palmenorden soll unsere edle Muttersprache … hinwieder in ihre angeborne deutsche Reinigkeit, Zierde und Aufnahme einzuführen … [Rose04]. Nun nach dem Kriege erinnert man sich der gemeinsamen Sprache, die der Deutschen Klammer geblieben ist, doch der Durchzug der vielen ausländischen Truppen hatte diese Sprache verdorben:  Einzig die Dichter ... wüssten noch, was deutsch zu nennen sich lohne. Sie hätten mit vielen heißen Seufftzern und Zähren die deutsche Sprache als letztes Band geknüpft. Sie seien das andere wahrhaftige Deutschland [Gras06].

 

Der Elsässer Barockdichter Johann Michael Moscherosch entsetzt sich, dass die Deutschen solche frembde Sprachen der Muttersprach vorziehen, oder also vndermischen, das ein Bidermann nicht errathen kann, was es für ein Gespräch seye? das ist Verrätherisch, vnd muß billig nicht geduldet werden. Von ihm stammt auch, geschrieben 1642, Ein schön new Lied, genannt

 

 

Der Teutsche Michel, etc.

 

Wider alle Sprachverderber, Cortisanen, Concipisten vnd Concellisten, welche die alte teutsche Muttersprach mit allerley frembden, Lateinischen, Welschen, Spannischen vnd Frantzösischen Wörtern so vielfältig vermischen, verkehren vnd zerstehren, daß Sie ihr selber nicht mehr gleich sihet, vnd kaum halber kan erkant werden:

 

Fast jeder Schneider will jetztund leyder
Der Sprach erfahren sein vnd redt Latein:
Wälsch und Frantzösisch halb Japonesisch
Wan er ist doll und voll der grobe Knoll.
Der Knecht Matthies spricht bonä dies,
Wan er gut morgen sagt vnd grüst die Magd:
Die wend den Kragen thut jhm danck sagen,
Spricht Deo gratias Herr Hippocras.
Jhr böse Teutschen man solt euch peütschen,
Das jhr die Mutter-sprach so wenig acht.
Jhr lieb Herren das heist nicht mehren;
Die Sprach verkehren vnd zerstören.
Jhr tut alles mischen mit faulen fischen,
Vnd macht ein misch gemäsch ein wüste wäsch,
Ich muss es sagen mit vnmuth klagen,
Ein faulen Haaffen käß ein seltzams gfräß.
Wir hans verstanden mit spott vnd schanden
Wie man die Sprach verkehrt vnd gantz zerstöhrt.
Jhr böse Teutschen man solt euch peütschen.
In vnserm Vatterland pfuy dich der schand.

 

Das entsprach dem allgemeinen Ärger über die Verhunzung der deutschen Sprache, deren gefühligem Grund die welschen und schwedischen Feldzüge ihre Huf- und Radspuren gekerbt hatten [Gras06]. Besonders der Gebrauch des Französischen stößt bei vielen auf Ablehnung. Während andere Nationen ihre Sprache pflegen,

 

Und du Deutscher allein willst deine Mutter
Aus der Fremde gekehrt, Französisch grüßen?
O spey aus, vor der Hausthür spey der Seine häßlichen Schleim aus.
Rede Deutsch, o du Deutscher.
Sey kein Künstler in Gebehrden und Sitten.
Deine Worte seyn wie Thaten, wie unerschütterliche Felsen der Wahrheit
[Herd15].

 

 

Die Lorettokapelle

 

Am Josephstag 1657 (19. März) lässt der Zunftmeister der Kaufleute Christian Mang auf dem Teil des Slierbergs, der früher auch Josephsbergle genannt wurde, an Stelle der in der Schlacht zerstörten, dem heiligen Joseph geweihten Kapelle, den Grundstein zur versprochenen Lorettokapelle legen zum Andenken der wütenden Schlacht und der beiderseits gebliebenen ritterlichen Helden und Soldaten [Jung03]. Bereits am 20. Oktober erfolgt die Einweihung der drei Kirchlein unter einem Dach, von denen die innere Kapelle der Mutter Gottes, die beiden äußeren dem heiligen Joseph bzw. der heiligen Anna, der Mutter Mariens, geweiht sind [Heil20].

 

 

Lorettokapellen sind nach dem Ort Loreto bei der Stadt Ancona in Italien genannt. Dort soll sich im 13. Jahrhundert ein Wunder ereignet haben. Engel sollen, nachdem sie 1294 das Haus der allerseligsten Jungfrau Maria (Casa Santa) aus Nazareth durch die Luft zuerst nach Terrato (Fiume) getragen hatten, es 1294 nach Loreto gebracht und dort wieder aufgebaut haben. Heute befindet sich um jenes Haus in Loreto eine in der zweiten Hälfte des 15. Jh. erbaute prunkvolle Kirche. Zur Erinnerung an dieses Wunder wurden in Italien, Frankreich und Deutschland zahlreiche Lorettokapellen gebaut [Rick64].

 

This page was last updated on 30 November, 2016