Bismarck 1865.
Skizze von Adolph Menzel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Königin Augusta

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kaiser Napoleon III

Freiburgs Geschichte in Zitaten

Das zweite Reich oder wie
Preußen Österreich als deutsche Führungsmacht ablöst

 

Eine zu Grunde gerichtete Militärmonarchie oder eine Caricatur derselben?

 

Frankreich war seit den Revolutionstagen 1848 nicht zur Ruhe gekommen. Die Bourgeoisie sehnt sich nach einem starken Mann. Bei der Präsidentenwahl kandidieren Cavaignac, Ledru-Rollin und Louis Napoleon. Cavaignac war das Schoßkind der Bourgeoisie als Sieger im Juniaufstand, Ledru-Rollin war der Erkorene aller Demokraten und Sozialisten, Louis Napoleon wurde von den Bonapartisten, allen Reaktionären und von vielen Kommunisten unterstützt. Seine Emissäre waren die rührigsten und geschicktesten, sie versprachen am meisten, den Bauern wurde Steuernachlaß, den Soldaten Krieg, dem Gewerbestand Arbeit genug versprochen. Die große Masse des französischen Volkes, nichts weniger als republikanisch gesinnt, fiel Louis Napoleon zu [Mögl09].

 

Der gewählte Staatspräsident jedoch will mehr. Während der Rundreise durch die Provinzen hatte sich Louis Napoleon vollkommen überzeugt,  daß der Annahme der Kaiserwürde keine Bedenken mehr im Wege stünden, u. am 7. November nahm der Senat einstimmig folgende auf die Wiederherstellung des Kaiserreichs bezügliche Artikel an: Die kaiserliche Würde ist wieder hergestellt; Ludwig Napoleon Bonaparte ist Kaiser unter dem Namen Napoleon III. Am 21. u. 22. Novbr. ergaben sich bei der Abstimmung 7,839,552 bejahende u. 254,501 verneinende Stimmen für die Retablirung des Kaiserreichs in der Person Ludwig Napoleons. Der Gesetzgebungskörper gab ohne Weiteres seine Zustimmung.  So wurde denn am 2. Decbr. 1852 das Kaiserreich unter Napoleon III. proclamirt [Pier57]. Um an den Ruhm seines Onkels anzuknüpfen, führt der Kaiser den Jahrestag des Heiligen Napoleon (15. August) als französischen Nationalfeiertag wieder ein [Bell12].

 

Kaiser Napoleon III, Kaiserin Eugène und der Kronprinz zu Pferde

 In den folgenden Jahren entwickelt sich Louis Napoleon nach der alten Größe Frankreichs strebend, die es unter seinem Onkel einst hatte, zu Europas Unruhestifter. Vorausschauend lesen wir im Herderschen Lexikon von 1857: Von dem Erfolge seiner auswärtigen Politik hängt es ab, ob das 2. franz. Kaiserthum in der Geschichte als die glückliche Wiederherstellung der von Napoleon I. gegründeten und wieder zu Grunde gerichteten Militärmonarchie oder als eine Caricatur derselben aufgezeichnet sein wird, als was die 2.  franz. Republik in ihrer Vergleichung mit der 1. bereits erscheint [Herd57].

 

Karl Marx bescheinigt dem Kaiser eine groteske Mittelmäßigkeit, die Baudelaire noch präzisiert: La grande gloire de Napoléon III aura été de prouver que le premier venu peut, en s'emparent du télégraphe et de l'Imprimerie nationale, gouverner une grande nation* [Robb12].

*Der große Ruhm Napoleon III. wird sein, bewiesen zu haben, dass der Erstbeste eine große Nation beherrschen kann, indem er sich des Telegraphen und der Nationaldruckerei bemächtigt

 

Karikatur aus dem Kladderadatsch von 1869

 

Zeitgenössische Darstellung   

 

Der König lehnt dies ab und erklärt, dass er dem Botschafter nichts mehr zu sagen habe. Bismarcks Mitarbeiter Heinrich Abeken unterrichtet darüber seinen Chef in einem Telegramm, welches als Emser Depesche in die Geschichte eingeht: Seine Majestät der König schreibt mir: Graf Benedetti fing mich auf der Promenade ab, um auf zuletzt sehr zudringliche Art von mir zu verlangen, ich sollte ihn autorisiren, sofort zu telegraphiren, dass ich für alle Zukunft mich verpflichtete, niemals wieder meine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Candidatur zurückkämen ...  

 

Die Depesche erreicht Bismarck in Berlin bei einem Diner mit den preußischen Generalen Albrecht von Roon und Helmuth von Moltke. Sofort macht er sich an die Redaktion des Telegramms und legt den Herren eine von ihm verkürzte und verschärfte Fassung der Depesche vor. Er fragt sie, ob man auf dieser Grundlage einen Krieg beginnen könne. Ja, antworteten sie, das sollte reichen [Till14]. Die Veröffentlichung der Emser Depesche durch Bismarck gaben der französischen Regierung den Vorwand zur Kriegserklärung [Meye06].

 

Neben der Empörung in Preußen über den Ton in der von Bismarck gezielt angeschärften Fassung des Telegramms gewinnt der Kanzler das Wohlwollen des Auslands, indem er am 25. Juli der Times den Entwurf eines Bündnisses, das Frankreich Preußen seit 1867 wiederholt angetragen, dieses aber abgelehnt hatte, [zuspielt]. Danach sollte Frankreich Luxemburg und Belgien, Preußen die Herrschaft über Deutschland erhalten. Die öffentliche Meinung Europas war damit gegen Napoleon gewonnen, denn seine Eroberungslust war jetzt öffentlich enthüllt, er war auch moralisch der Angreifer auf den Frieden Europas [Meye06].

Flugblatt der Berliner Kreuzzeitung: Frankreich hat an Preußen den Krieg erklärt, mit ha, mit handschrift-lichem Zusatz: wird ihn aber verlieren das feige, heimtückische Volk der Franzosen [Kata02]

 

Der gegenseitige Hass der Erbfeinde entlädt sich im deutschen Einigungskrieg von 1870/71 mit einem Ergebnis ganz im Sinne Bismarcks, der schon 1862 festgestellt hatte: Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen – sondern durch Eisen und Blut [Miro02].

 

 

Der Herr hat Großes an uns gethan

 

Nach Scharmützeln und Belagerungen wird Mac Mahon bei Sedan 1. Sept. zur Schlacht gezwungen. Die Franzosen wurden hier völlig umzingelt und mußten 2. Sept. kapitulieren; außer den 21,000 in der Schlacht gefangenen gerieten 83,000 Franzosen, darunter 2866 Offiziere, in deutsche Kriegsgefangenschaft [Mey06].

* Jeu de mots?

 

Am nächsten Tag beim Siegesmahl in Vendresse bringt Preußens Wilhelm folgenden Trinkspruch aus: Wir müssen heut aus Dankbarkeit auf das Wohl meiner braven Armee trinken. Sie, Kriegsminister von Roon, haben unser Schwert geschärft; Sie General von Moltke, haben es geleitet; und Sie Graf von Bismarck, haben seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie uns also auf das Wohl der Armee, der drei von mir Genannten und jedes einzelnen unter den Anwesenden trinken, der nach seinen Kräften zu den bisherigen Erfolgen beigetragen hat [Jahn90].

 

 

Ab nach Kassel

 

Napoléon III a été défait, wie einer seiner Außenminister formuliert, par l’immensité de ses désirs et la limitations de ses capacités. Et si la destinée provoque sa chute, c’est seulement parce qu'il y croyait* [Robb12].

*Napoleon III. wurde durch die Unermesslichkeit seiner Begierden und die Grenzen seiner Fähigkeiten geschlagen. Und wenn die Vorsehung seinen Sturz provoziert, geschieht dies nur deshalb, weil er daran glaubte.

 

Napoleon III., schon seit 1. Sept. König Wilhelms Kriegsgefangener, erhielt Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel als Aufenthaltsort angewiesen [Meye06]. Da mag Emanuel Geibel nur noch jubeln:

 

Nun laßt die Glocken von Turm zu Turm
Durchs Land frohlocken im Jubelsturm,
Des Flammenstoßes Geleucht facht an!
Der Herr hat Großes an uns gethan:
Ehre sei Gott in der Höhe!
[Jahn90]

 

 

Kronprinz
Friedrich Wilhelm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An das Deutsche Volk

 

 

 

Großherzog Friedrich
von Baden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der alte Kaiser Wilhelm von Paul Bülow

 

 

Versailles, deutscher Schicksalsort in Frankreich

 

 

Die auf dem Flugblatt der Berliner Kreuzzeitung prophezeite Niederlage Napoleons III. wird gekrönt durch die den französischen Nationalstolz provozierende Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Versailler Schlosses.  Der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm und spätere 99-Tage-Kaiser Friedrich III. (im Bild oben ganz links hinter seinem Vater) erinnert sich: Ich ließ meine Blicke ... über die Versammlung und an der Decke schleifen, wo Ludwigs XIV. Selbstverherrlichungen, riesige in Allegorien* ...

 

... und erläuternden, prahlenden Inschriften abgebildet waren, namentlich die Spaltung Deutschlands zum Gegenstand habend, und fragte mich mehr als einmal, ob es denn wirklich wahr sei, dass wir uns in Versailles befänden, um hier die Wiederherstellung des deutschen Kaisertums zu erleben - so traumartig wollte mir das Ganze erscheinen ... Nachdem Se. Majestät eine kurze Ansprache an die deutschen Souveräne laut und in der wohlbekannten Weise verlesen hatte, trat Graf Bismarck, der ganz grimmig verstimmt aussah, vor und verlas in tonloser, ja geschäftlicher Art und ohne jegliche Spur von Wärme oder feierlicher Stimmung die Ansprache:

 

An das Deutsche Volk!

Wir Wilhelm,

von Gottes Gnaden König von Preussen,

nachdem die Deutschen Fürsten und Freien Städte den einmüthigen Ruf an Uns gerichtet haben, mit Herstellung des Deutsche Reiches die seit mehr denn 60 Jahren ruhende Deutsche Kaiserwürde zu erneuern und zu übernehmen, und nachdem in der Verfassung des Deutschen Bundes die entsprechenden Bestimmungen vorgesehen sind, bekunden hiermit, daß Wir es als eine Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland betrachtet haben, diesem Rufe der verbündeten Deutschen Fürsten und Städte Folge zu leisten und die Deutsche Kaiserwürde anzunehmen. Demgemäß werden Wir und Unsere Nachfolger an der Krone Preußen fortan den Kaiserlichen Titel in allen Unseren Beziehungen und Angelegenheiten des Deutschen Reiches führen, und hoffen zu Gott, daß es der Deutschen Nation gegeben sein werde, unter dem Wahrzeichen ihrer alten Herrlichkeit das Vaterland einer segensreichen Zukunft entgegenzuführen. Wir übernehmen die Kaiserliche Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in Deutscher Treue die Rechte des Reiches und seiner Glieder zu schützen, den Frieden zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die geeinte Kraft seines Volkes, zu vertheidigen. Wir nehmen sie an in der Hoffnung, daß dem Deutschen Volke vergönnt sein wird, den Lohn seiner heißen und opfermüthigen Kämpfe in dauerndem Frieden und innerhalb der Grenzen zu genießen, welche dem Vaterlande die seit Jahrhunderten entbehrte Sicherung gegen erneute Angriffe Frankreichs gewähren. Uns aber und Unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allzeit Mehrer des Deutschen Reiches zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.

Gegeben Hauptquartier

Versailles, den 17. Januar 1871.

Wilhelm

 

Der Kronprinz fährt in seiner Schilderung fort: Bei den Worten Mehrer des Reiches bemerkte ich eine zuckende Bewegung in der ganzen Versammlung*, die sonst lautlos blieb. Nun trat der Großherzog von Baden mit der ihm so eigenen, natürlichen, ruhigen Würde vor und rief laut mit erhobener Rechten (neben Wilhelm): Es lebe seine Kaiserliche Majestät, der Kaiser Wilhelm! Ein donnerndes, sich mindestens sechsmal wiederholendes Hurra durchbebte den Raum, während Fahnen und Standarten über dem Haupte des neuen Kaisers wehten und Heil dir im Siegerkranz ertönte. [Lese89].

*Die mittelalterliche sich auf kaiserlichen Dokumenten der Epoche findende Formel allzeit Mehrer des Reiches erregte die Versammlung

 

Paul von Hindenburg wohnt der Veranstaltung als junger Leutnant teil und schreibt in seinen Erinnerungen: Die Feier am 18. ist genugsam bekannt. Sie war für mich reich an Eindrücken. Am erhebendsten und zugleich ergreifendsten wirkte selbstredend die Person meines Allergnädigsten Königs und Herrn. Seine ruhige, schlichte, alles beherrschende Würde gab der Feier eine größere Weihe als aller äußere Glanz. Die herzenswarme Begeisterung für den erhabenen Herrscher war aber auch bei allen Teilnehmern, welchem deutschen Volksstamme sie auch angehörten, gleich groß. Die Freude über das „Deutsche Reich“ brachten wohl unsere süddeutschen Brüder am lebhafteren zum Ausdruck. Wir Preußen waren darin zurückhaltender, aus historischen Gründen, die uns unsern eigenen Wert zu einer Zeit schon hatten erkennen lassen, in der Deutschland nur ein geographischer Begriff war. Das sollte fortan anders werden! [Hind20] und lässt mit der letzten Bemerkung ein wenig von der unseligen preußischen Arroganz durchblicken.

 

Der Maler der Kaiserproklamation* Anton von Werner sieht den historischen Akt ein wenig nüchterner als der Kronprinz und Hindenburg:  Und nun ging in prunklosester Weise und außerordentlicher Kürze das große historische Ereignis vor sich, das die Errungenschaft des Krieges bedeutete: die Proklamierung des Deutschen Kaiserreichs! ... Der Vorgang war gewiß historisch würdig, und ich wandte ihm meine gespannteste Aufmerksamkeit zu, zunächst natürlich seiner äußeren malerischen Erscheinung, notierte in aller Eile das Nötigste, sah, daß König Wilhelm etwas sprach und daß Graf Bismarck mit hölzerner Stimme etwas vorlas, hörte aber nicht, was es bedeutete, und erwachte aus meiner Vertiefung erst, als der Großherzog von Baden neben König Wilhelm trat und mit lauter Stimme in den Saal hineinrief: Seine Majestät, Kaiser Wilhelm der Siegreiche, Er lebe hoch! Ein dreimaliges Donnergetöse unter dem Geklirr der Waffen antwortete darauf, ich schrie mit und konnte natürlich dabei nicht zeichnen; von unten her antwortete wie ein Echo sich fortpflanzend das Hurra der aufgestellten Truppen. Der historische Akt war vorbei: es gab wieder ein Deutsches Reich und einen Deutschen Kaiser! [Bart93].

*von von Werners Kaiserproklamation gab es vier Versionen, einzig die Friedrichsruher Kopie oben blieb erhalten

 

 

Heinrich von Treitschke

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Morgen ist der unglücklichste Tag meines Lebens

 

Im Vorfeld dieses historischen Aktes ging es jedoch nicht so harmonisch wie auf obigem Bilde zu. Graf Bismarck hatte alle Mühe, die deutschen Reichsfürsten unter die preußische Pickelhaube zu bringen. Und so sieht es das österreichische Satireblatt Kikeriki Deutschlands Zukunft: Kommt es unter einen Hut? Ich glaube, ’s kommt eher unter eine Pickelhaube.

 

Über die Pickelhaube hatte Heine bereits 1844 gelästert:

 

Ja, ja der Helm gefällt mir, er zeugt
Vom allerhöchsten Witze!
Ein königlicher Einfall war’s
Es fehlt nicht die Pointe, die Spitze!

 

Vor allem soll und muss es rasch gehen, denn die Euphorie des Sieges über den Erzfeind darf nicht verfliegen. Auch gibt es die deutsche Kaiserkrone nicht umsonst. Viel Geld muss fließen vor allem nach Bayern an den baulustigen Kini Ludwig, der daraufhin in einem eigenhändig geschriebenen Brief Wilhelm die Kaiserwürde anträgt. So erhält der nun schon recht betagte preußische König die Kaiserkrone, wie einst von seinem Bruder gewünscht, nicht aus Volkeshand, sondern aus der Hand der versammelten Fürsten. Doch an seine Frau Augusta schreibt er: Den preußischen Namen in den Hintergrund treten zu lassen, ist mein halbes Grab [Andr11] und noch am Vorabend seiner Proklamation jammert Wilhelm und bricht im Beisein des Thronfolgers Friedrich und Bismarcks in Tränen aus  Morgen ist der unglücklichste Tag meines Lebens, da tragen wir das preußische Königtum zu Grabe [Wieg07a].

 

 

Und hör den Kaiserjubel ick …

 

Der Dichter Ferdinand Freiligrath, der für das Scheitern der 48er Revolution noch das Bürgertum verantwortlich gemacht hatte, jubelt nun altersweise und konservativ:

 

Ich kann am Weg nur stehen,
Von Glück, von Stolz durchbebt;
Daß dieses Weltsturms
Wehen Auch ich, auch ich erlebt!
[Loew02]

 

Für die Mehrheit der Deutschen geht mit der Reichsgründung ein Traum in Erfüllung. Die Frau des württembergischen Gesandten in Berlin Baronin von Spitzemberg denkt nicht daran, dass ihr Mann möglicherweise seinen Job verliert, als sie schreibt: Jedes deutsche Herz hatte das erhofft, keines geahnt, daß seine Träume sich in dieser Weise so bald und so herrlich erfüllen würden. Glücklich sind wir, daß wir nicht nur den Stern der deutschen Größe und Herrlichkeit aufgehen sahen, sondern daß wir noch jung genug sind, um uns unter seinen Strahlen zu wärmen, um die ... Früchte zu genießen, die aus dieser unter Blut und Thränen gesäten Saat hervorgehen. Möge Gott den Geist meines Volkes also lenken, daß seine Entwicklung eine friedliche und zivilisatorische bleibe, sein Reich ein Reich des Lichts, der Freiheit, der wahren christlichen Gesittung sei [Fisc06].

 

 

In den unteren Klassen jedoch gibt es auch kritische Äußerungen, wie die des Landwehrmanns Kutschke: Und hör den Kaiserjubel ick von Junker, Pfaff und Zofe, dann denk ick halt janz still bei mich: wat ick mir davor koofe! [Fisc06]. Gerhart Hauptmann findet unter den Webern in Schlesien: Die deutsche Einheit, der Taumel des Erfolgs … hatte hier nur stille Wut und dumpf entschlossenen Haß ausgelöst. Bismarck, Moltke und Kaiser täten für die armen Leute nichts; der Reichstag bestehe aus einem Haufen Betrügern und Nichtstuern [Fisc06].

 

 

Restons pur de la souillure germanique

 

Bei den Friedensverhandlungen widersetzt sich Bismarck anfänglich der Annexion Elsass-Lothringens als Reichsland, da eine Abtretung die Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland nur vertiefen muss. Allerdings kann er sich mit seiner Realpolitik bei den siegestaumelnden Landsleuten nicht durchsetzen und erklärt gegenüber den französischen Bevollmächtigten bei den Friedensverhandlungen Jules Favre und Adolphe Thiers: Verlangen Sie nichts Unmögliches von mir. In Deutschland behauptet man schon, ich verlöre die Schlachten, die Moltke gewonnen hat [Fisc06].

 

Für die Linke hatte das Reich den Krieg nicht gegen Napoleon III., sondern gegen das französische Volk geführt. August Bebel sieht den Keim eines neuen Krieges in der geplanten Annexion Elsass-Lothringens. Im Parlament des Norddeutschen Bundes warnt die Linke in der Person August Bebels vor der Annexion des Elsass, weil es die Klugheit gebiete, daß wir unseren Gegner nicht unnützerweise verletzen und zur Rache anstacheln. Es sei außerdem bekannt, daß die Elsässer zum überwiegenden Teil Franzosen bleiben möchten, und wenn wir heute ihr Selbstbestimmungsrecht mit Füßen treten … dann müssen wir es uns ebenso gut gefallen lassen, wenn andere, wo die Gelegenheit sich bietet, auch Stücke unseres Landes nehmen. Der Parlamentsstenograph notiert: Allgemeine Mißbilligung, Zischen, Ruf: Pfui! Hinaus! Hinaus mit ihm! [Fisc06].

 

Karl Liebknecht beschuldigt das Haus Hohenzollern, eine echte demokratische Einheit Deutschlands zu verhindern. Da das Symbol der neuen Macht die Polizei sei, solle man den Kaiser doch gleich auf dem Berliner Gendarmenmarkt krönen. Wenige Tage später verhaften Gendarmen Bebel und Liebknecht, die anschließend wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu mehreren Jahren Festungshaft verurteilt werden [Trau11].

 

Der Frankfurter Frieden beinhaltet die Abtretung Elass-Lothringens als Reichsland an Deutschland. Da mahnt La Ligue’Alsace: Optez Alsaciens et Lorrains; restons pur de la souillure germanique* und gibt bei insgesamt 1,54 Millionen Elsass-Lothringern eine Zahl von 800 000 Emigranten an. Schließlich aber nehmen nur 50 000 Bürger das ihnen bis zum Oktober 1872 eingeräumte Optionsrecht wahr und entscheiden sich als französische Staatsbürger für die Übersiedlung ins Mutterland [Witt02].

*Elsass-Lothringer optiert; halten wir uns gegenüber der germanischen Besudelung rein

 

 

Pensez-y toujours, n'en parlez jamais!

 

Immer daran denken, nie davon sprechen! diese Parole gibt der französische Politiker Léon Gambetta 1872 in Bezug auf die verlorenen Elsass und Lothringen aus. Doch die Medien halten sich nicht daran, sondern stellen die harte deutsche Besatzung an den Pranger, oder machen sie lächerlich wie Oncle Hansi und begrüßen den einhelligen Patriotismus der besetzten Bevölkerung. Toute autre attitude, dans la France de l'interieur, était taxée de trahison et vouée aux gémonies. Pourtant, de l'autre cote de la nouvelle frontière parvenait peu a peu un écho discordant: ils ne sont pas si mal, ces gouvernants qui parlent notre langue, nous laissent une large autonomie, introduisent des lois sociales très avancées pour l'epoque et favorisent le développement économique* [Thei12].

*Jede andere Haltung wurde in Frankreich als Verrat angesehen und öffentlich angeprangert. Und doch klang von der anderen Seite der neuen Grenze nach und nach ein widersprüchliches Echo zurück: Die sind gar nicht so schlecht die neuen Herren, die unsere Sprache sprechen, uns eine weitgehende Autonomie gewähren, eine Sozialgesetzgebung einführen, die ihrer Zeit weit voraus ist, und die die wirtschaftliche Entwicklung voranbringen.

 

Lothringen und Elsass als personifizierte Opfer der Preußen (Bild aus Epinal)

 

Im Grunde haben die Elsass-Lothringer keine Eigenständigkeit, da Reichsbehörden das Gebiet bis 1911 quasi wie eine Kolonie verwalten, doch le Statut d'autonomie accordé à l'Alsace en 1911 avait été accueilli favorablement dans tout le pays qui, depuis 1870, avait fait un formidable bond en avant à travers les avancées sociales, les progrès de l'industrialisation, la modernisation des réseaux et la valorisation de l'Elsässertum. Pour la première fois depuis l’annexion de l'Alsace à la France, la langue du peuple redevenait à nouveau la langue officielle. D'ailleurs, aux élections du Landtag, en octobre 1911, le « parti français » ne recueillit que 3,2% des suffrages !... la France n'était alors plus qu'un souvenir. Seule une petite fraction des notables et de la haute bourgeoisie francisée, orphelins des préfets et du pouvoir français qui leur avaient assure autrefois une hégémonie sur le peuple, cultivaient avec une certaine hystérie la nostalgie de la France* [Witt02].

*Das 1911 dem Elsass zugestandene Autonomiestatut traf auf breite Zustimmung im ganzen Land, welches seit 1870 durch positive Entwicklungen auf sozialem Gebiet, Fortschritte in der Industrialisierung, Modernisierung der Transportwege und Aufwertung des Elsässertums einen außerordentlichen Sprung nach vorn gemacht hatte. Zum ersten Mal seit der Annexion des Elsass durch Frankreich wurde die Volkssprache wieder zur offiziellen Sprache. Übrigens erzielte im Jahre 1911 bei der Wahl zum Landtag die französische Partei nur 3,2% der Stimmen! Frankreich war also nur noch Erinnerung. Nur eine kleine Minderheit von Honoratioren und der höheren französisierten Bourgeoisie kultivierte als Waisen der Präfekten und der französischen Herrschaft, die ihnen einst die Hegemonie über das Volk gesichert hatten, mit einer gewissen Hysterie das Heimweh nach Frankreich.

 

 Schwarz-weiß-rot oder bleu-blanc-rouge

 

Die friedliche Entwicklung des Elsass im Wirtschaftsaufschwung des Reiches stört besserwisserische, arrogante Preußen wie den Geschichtsschreiber Heinrich von TreitschkeDiese Lande sind unser nach dem Recht des Schwertes, und wir wollen über sie verfügen kraft eines höheren Rechtes der deutschen Nation, die ihrenverlorenen Söhnen nicht gestatten kann, sich für immer dem Reiche zu entfremden. Wir Deutsche, die wir Deutschland und Frankreich kennen, wir wissen besser, was den Elsässern frommt, als jene Unglücklichen selber, die in der Verbildung ihres französischen Lebens von dem neuen Deutschland ohne Kunde blieben. Wir wollen ihnen wider ihren Willen ihr eigenes Selbst zurückgeben … Wir berufen uns wider den mißgeleiteten Willen, derer die da leben, auf den Willen derer, die da waren [Hart02]. Der Widerwille der Elsässer äußert sich etwa so, dass zwischen 1871 und 1895 60 000 junge Männer nach Frankreich auswandern, um dem preußischen Militärdienst zu entgehen [Miro02].

 

In der Schule den Elsässern wider ihren Willen ihr eigenes Selbst zurückgeben:
Groß-Berlin ist die größte Stadt der Welt.

 

 

 

 In den neudeutschen Gebieten darf statt der Trikolore nur noch schwarz-weiß-rot gehisst werden, aber manchmal sieht man auch bleu-blanc-rouge, wie das folgende Gemälde dreier kecker Elsässerinnen zeigt, die unter den Augen der preußischen Obrigkeit stolz in ihren langen Kleidern promenieren.

 

 

Wie von Bismarck erwartet und von Bebel befürchtet heißt es in Frankreich nun nicht mehr Rache für Sadova (Königgrätz), sondern Revanche für Sedan: Eines Tages wird Frankreich sich als unbesiegbar erheben. Es wird Lothringen, das Elsaß, den Rhein – Mainz und Köln wiedernehmen, tönt der greise Victor Hugo [Fisc06].

 

Der Sieger bittet den Besiegten kräftig zur Kasse. Die Kriegskostenentschädigung Frankreichs an das Deutsche Reich betrug 5 Milliarden Frank, die 1870–73 in Teilbeträgen gezahlt wurden [Meye06]. Frankreich ist ein schneller Zahler. So kann nun endlich der Dom zu Köln vollendet werden. Seinen protestantischen Mitbürgern stiftet Wilhelm in einer Mischung aus neuer Renaissance und neuem Barock eine Domkirche in Berlin.

 

Im Jahre 1880 Deutschlands ganze Pracht und Macht im hillije Köln

 

 

Kronprinz Friedrich Wilhelm: Hoffnung auf eine Liberalisierung Preußens?

 

Anton von Werner malte nicht nur die Kaiserproklamation, sondern porträtiert auch das tout Berlin im Zweiten Reich. Links eine Gesprächsrunde beim Hofball im Weißen Saal des Berliner Stadtschlosses. Unbestrittener Star der Berliner Gesellschaft ist der stattliche Kronprinz Friedrich Wilhelm (auf dem Bild in weißer Kürassieruniform), auf dem alle Hoffnungen der Untertanen für die so notwendige Liberalisierung des preußischen Obrigkeitsstaats ruhen. Und der Kronprinz gibt und umgibt sich liberal: Ihm gegenüber stehen zwei Mitbegründer der Fortschrittspartei, Berlins Bürgermeister und Reichstagspräsident Max von Forckenbeck, daneben im roten Talar als Dekan seiner Fakultät der Mediziner Rudolf Virchow, dessen politisches Leitmotiv Freiheit mit ihren Töchtern Bildung und Wohlstand ist. Zwischen dem Kronprinzen und Virchow ist der Physiologe und Physiker Hermann von Helmholtz, Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt zu sehen. Schließlich erweist von Werner seinem  berühmteren ebenfalls liberal gesinnten Kollegen Adolph Menzel, dem Maler bekannter Hofszenen, seine Reverenz und lässt den kleinen Mann durch die Tür in den Weißen Saal treten [Bart93].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nur Nestbeschmutzer?

 

Das Zweite Reich kennt keine Volkssouveränität und viele Deutsche können dem Obrigkeitsstaat nichts abgewinnen. So auch der Historiker, Literaturpreisträger und Repräsentant des intellektuellen Liberalismus Theodor Mommsen als er verbittert schreibt: In meinem innersten Wesen wünschte ich, ein Bürger zu sein, doch das ist nicht möglich in unserer Nation, bei der der Einzelne, der Beste, über den Dienst im Gliede und dem politischen Fetischismus nicht hinauskommt.

 

Die Verfassung des Reiches von Wilhelm und Gottes Gnaden

 

Mommsen greift damit Heines Gedanken in seinem Versepos Deutschland ein Wintermärchen von vor 50 Jahren wieder auf:

 

Noch immer das hölzern pedantische Volk,
noch immer ein rechter Winkel
in jeder Bewegung und im Gesicht der eingefrorene Dünkel.
Sie stelzen noch immer so steif herum
so kerzengerade geschniegelt,
als hätten sie verschluckt den Stock,
womit man sie einst geprügelt.

 

 

In das gleich Horn stößt der holsteinische Theodor Storm: Solange die Deutschen Preußens Kommandoton gehorchen, so lange sind wir doch nur noch ein Volk von Knechten [Eren10]. Auch Theodor Fontane geht 1893 in einem Brief an seinen Freund Georg Friedländer mit Preußen scharf ins Gericht: Jede Gesellschaftsklasse, jeder Hausstand hat ein bestimmtes Idol. Im ganzen darf man sagen: Es gibt in Preußen nur sechs Idole, und das Hauptidol, der Vitziputzli des preußischen Kultus, ist der Leutnant, der Reserveoffizier. Da haben sie den Salat, und nimmt die Figur des Diederich Heßling in Heinrich Manns Roman Der Untertan vorweg. Am 2. November 1896 setzt er seinen kritschen Brief fort: Alles, was jetzt bei uns obenauf ist, entweder heute schon oder es doch vom Morgen erwartet, ist mir grenzenlos zuwider: dieser beschränkte, selbstsüchtige, rappschige Adel, diese verlogene oder bornierte Kirchlichkeit, dieser ewige Reserveoffizier, dieser greuliche Byzantinismus. Ein bestimmtes Maß von Genugtuung verschafft einem nur Bismarck und die Sozialdemokratie, die beide auch nichts taugen, aber wenigstens nicht kriechen. Und das allein schon ist ein Verdienst.

 

 

Germania, mir graut vor dir

 

Georg Herwegh, eine der Persönlichkeiten der deutschen Revolution von 1848, war erst 1866 im Rahmen einer allgemeinen Amnestie für politische Flüchtlinge mit seiner Frau Emma aus der Schweiz nach Deutschland zurückgekehrt. Er nimmt Wohnsitz in Baden-Baden und schließt sich 1869 der von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten marxistisch-revolutionären Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) an. Nach dem Sieg über den Erzfeind schreibt er im Februar 1871 seinen Epilog zum Kriege:

 

Germania, der Sieg ist dein!
Die Fahnen wehn, die Glocken klingen,
Elsaß ist dein und Lotharingen;
Du sprichst: „Jetzt muß der Bau gelingen
Bald holen wir den letzten Stein.“
 
Gestützt auf deines Schwertes Knauf
Lobst du in frommen Telegrammen
Den Herrn, von dem die Herren stammen,
Und aus Zerstörung, Tod und Flammen
Steigt heiß dein Dank zum Himmel auf.
 
Nach vierundzwanzig Schlachten liegt
Der Feind am Boden, überwunden;
Bis in die Stadt voll Blut und Wunden,
Die keinen Retterarm gefunden,
Brichst du dir Bahn - du hast gesiegt!
 
Schwarz, weiß und rot! um ein Panier
Vereinigt stehen Süd und Norden;
Du bist im ruhmgekrönten Morden
Das erste Land der Welt geworden:
Germania, mir graut vor dir! 

 

Mir graut vor dir, ich glaube fast,
Daß du, in argen Wahn versunken,
Mit falscher Größe suchst zu prunken
Und daß du, gottesgnadentrunken,
Das Menschenrecht vergessen hast.
 
Schon lenkt ein Kaiser dich am Zaum,
Ein strammer, strenger Zepterhalter.
Hofbarden singen ihre Psalter
Dem auferstandnen Mittelalter,
Und 89 wird ein Traum.
 
Ein Traum? Du sahst, wie Frankreich fiel
Durch einen Cäsar, sahst die Sühne
Vollzogen auf der Schreckensbühne -
Deutschland, gedeihe, wachse, grüne,
Geläutert durch dies Trauerspiel!

Im nächsten Januar 1872 reicht Herwegh das Gedicht Den Siegestrunkenen nach:

 

Vorüber ist der harte Strauß,
Der welsche Drache liegt bezwungen,
Und Bismarck-Siegfried kehrt nach Haus
Mit seinem Schatz der Nibelungen;
Stolz blickt auf ihrer Kinder Schar
Germania, die Heldenmutter;
Stolz blickt das Denkervolk sogar
Auf Döllinger, den Afterluther.
 
Ihr habt ein neues deutsches Reich,
Von Junkerhänden aufgerichtet.
Redwitz besingt den Schwabenstreich
Und hat ein dickes Buch gedichtet;
Ihr habt ein neues Oberhaupt,
Ihr Elsaß-Lothringen-Verspeiser;
Den Papst, an den ihr nicht mehr glaubt,
Ersetzt ein infallibler Kaiser.
 
Ihr wähnt euch einig, weil die Pest
Der Knechtschaft sich verallgemeinert,
Weil täglich noch der kleine Rest
Lebend'ger Seelen sich verkleinert;
ihr wähnt euch einig, weil ein Mann
Darf über Krieg und Frieden schalten
Und euch zur Schlachtbank führen kann
Mit der Parol: das Maul gehalten!

Ach, Einheit ist ein leerer Schall,
Wenn sie nicht Einheit ist im Guten,
Wenn ihr korinthisches Metall
Uns mahnt an Mord und Städtegluten;
Ach, Einheit ist ein tönend Erz,
Wenn sie nur pochend auf Kanonen
Zu reden weiß an unser Herz –
Und klingt es anders von den Thronen?
 
Einheit des Rechtes ist kein Schild,
Der uns bewahrt vor Unterdrückung;
Nur wo als Recht das  Rechte  gilt,
Wird sie zum Segen, zur Beglückung.
Nur diese war's, die wir erstrebt,
Die Einheit, die man auf den Namen
Der Freiheit aus der Taufe hebt;
Doch eure stammt vom Teufel: Amen!

 

Nach diesen Versen wird Herwegh prompt aus der Schillerstiftung ausgeschlossen: Wer im Stande ist, dergleichen Schmähungen auf Kaiser und Reich zu publicieren, dessen Name verdient für immer aus den Analen deutscher Literatur gestrichen zu werden [Sieb04]. Heinrich von Treitscke schimpft Herwegh einen Trunkenbold der Phrase, der im Gegenzug Treitschkes rassische Beschimpfung der Juden mit dem Satz: Die Rassenfrage gehört in die Gestüte, nicht in die Geschichte kommentiert [Krau14a].

 

Dagegen verteidigt der Dichter Emanuel Geibel das Bismarckreich und hält den Kritikern der oktroyierten deutschen Einheit ihre Unfähigkeit vor:

 

Was habt ihr denn, ihr neunmal Weisen,
mit eurem Witz gebracht zustand,
Eh' euch der Held mit Blut und Eisen
Gewaltig schuf ein Vaterland?
Und jetzt, nachdem er ohne Wanken
Zum Hafen euer Schiff gelenkt,
Nun wollt ihr kritteln, schmäh'n und zanken,
Statt Gott auf euren Knie'n zu danken,
Dass er euch solchen Mann geschenkt?
[Trau07]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Badener Siegesdenkmal
 in Freiburg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Otto Winterer

(Relief im Kapellenkranz des Freiburger Münsters)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Badische Pickelhaube:
Mit Gott f. Fuerst u. Vaterland
(©BZ)

Baden, zwar ohne eigene Briefmarken, aber reichstreu

 

Freiburg um 1870 [Stad84]

Baden erweist sich von Anfang an als treuer Teil des Zweiten Deutschen Reiches, denn das Herrscherhaus ist auch verwandtschaftlich mit dem Kaiserhaus verbunden: Großherzog Friedrich als Ehemann Prinzessin Luises ist der Schwiegersohn Wilhelms I. Die badische Regierung hatte bereits nach der Schlacht bei Sedan für einen Anschluss des Großherzogtums an den Norddeutschen Bund plädiert, doch dieses Vorpreschen wird nicht honoriert [Enge05], Jetzt nach erfolgter Einigung wird bitter vermerkt, dass Baden im Gegensatz zu Bayern und den Schwaben (Württemberg), die bei der Reichsgründung Sonderrechte verlangt hatten, keine eigenen Briefmarken drucken darf.

 

Nach 1871 begeht man zwar in Baden wie überall im Reich den Sedantag, doch pflegt man im Südwesten zusätzlich den Belfort-Mythos. Das gemeinsame Kriegserlebnis soll die Deutschen einen und muss gestreckt werden. So wird im Jahre 1876 in Freiburg im Beisein Wilhelms I., des Großherzogs und Bismarcks das offizielle Siegesdenkmal Badens eingeweiht.

 

 

1888

 

Das Jahr 1888 geht als Dreikaiserjahr in die Geschichte ein. Kaiser Wilhelm I. stirbt am 9. März in Berlin  und ihm folgt sein Sohn Friedrich Wilhelm als Friedrich III. nach. Viele Menschen im Reich erhoffen sich von seiner Regentschaft Fortschritt und Freiheit. Darunter sind viele Arbeiter, die unter Bismarcks Gesetz vom 22. Oktober 1876 gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie leiden. Doch Friedrich unter einem fortgeschrittenen Kehlkopfkrebs leidend kann sich nur noch schriftlich verständigen. Zu spät! Der furchtbare Gedanke verfolgt mich Tag und Nacht. Wie viel Gutes hätte er tun können! Möge die Zeit ihm gegeben und es ihm gegönnt sein, seinem Volk und Europa zum Segen zu gereichen, schreibt Friedrichs Frau Kaiserin Victoria verzweifelt. Als sie, die älteste Tochter Queen Victorias, das Ende absieht, klagt sie: Wir werden im Allgemeinen nur als vorüberhuschende Schatten angesehen, die bald von der Wirklichkeit in der Form von Wilhelm ersetzt werden. Nach 99 Tagen am 15. Juni stirbt Friedrich in Potsdam. Noch am gleich Tag folgt ihm sein ältester Sohn Wilhelm, der als Wilhelm II. großmäulig verkündet: Zu Großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Tagen führe ich Euch entgegen. Mein Kurs ist der richtige und er wird weiter gesteuert [WDR13].

 

Anfang des 20. Jahrhunderts: Salutierende und grüßende Untertanen im verschneiten Tiergarten
bei der Vorbeifahrt Kronprinz' Wilhelm Victor August Ernst von Preußen mit seiner Frau Cecilie

 

Erfahrbar verbesserte Lebens- und Partizipationschancen

 

Auch ohne Wilhelms markige Worte ist die Entwicklung des 2. Reiches gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts atemberaubend. Hans-Ulrich Wehler bestätigt in seinem Werk Deutsche Gesellschaftsgeschichte dem Kaiserreich ein hohes Maß an Rechtssicherheit, politische Teilhaberechte wie nur wenige westliche Staaten, sozialpolitische Leistungen wie sonst nur Österreich und die Schweiz, Freiräume für entschiedene Kritik, Erfolgserlebnisse für die Opposition, Meinungsfreiheit mit seltenen Zensureingriffen, Bildungschancen, Aufstiegsmobilität, Wohlstandsanstieg» und «erfahrbar verbesserte Lebens- und Partizipationschancen [Herb16].

 

  Ein wachsender und wohl notwendiger Nationalismus hält die heterogenen "Länder" im 2. Reich zusammen. Bei den vielen Minderheiten im Reichsgebiet und starken Zuwanderungen zumal aus Polen erhebt sich erneut die Frage, wer denn nun Deutscher sei. Der definiert sich nach außen durch die Frontstellung gegen die Polen im Osten und die Franzosen im Westen – nach innen durch die Abgrenzung von den Gegnern des neuen Nationalstaats. Dazu zählten die internationalistischen» Sozialdemokraten, die Katholiken mit ihrer ultramontanen Verbindung zur Papstkirche in Rom sowie die einzige nichtchristliche Minderheit in Deutschland, die Juden [Herb16]. Der klassisch christliche Antisemitismus wandelt sich nach und nach zu einem rassischen Antisemitismus. So betont der Reichstag, dass die Abstammung, das Blut das Entscheidende für den Erwerb der Staatsangehörigkeit ist. Diese Bestimmung dient hervorragend dazu, den völkischen Charakter und die deutsche Eigenart zu erhalten und zu bewahren [Herb16], was auf in Deutschland geborene Ausländer nicht zutrifft und die deshalb im Gegensatz zu Frankreich und den USA, bei denen das jus soli gilt, nicht Deutsche sind.

 

 

Wenn ich Kaiser wär'

 

In diesem Sinne publiziert der Mainzer Rechtsanwalt Heinrich Claß, jahrelanger Führer des radikalnationalistischen Alldeutschen Verbands, 1912 unter Pseudonym ein Buch mit dem Titel Wenn ich der Kaiser wär’, in dem er die verbreiteten Angstparolen der politischen Rechten zusammenfasst. Der gewaltige wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahrzehnte habe zum Verlust von Heimat und Gebundenheit, zum Aufstieg der Sozialdemokratie und zur Zerstörung des Mittelstands geführt; Dekadenz und Amerikanisierung beherrschten die Kultur*. Zugleich sei mit der Hochindustrialisierung die hohe Zeit der Juden gekommen, weil deren Instinkt und Geistesrichtung auf den Erwerb gehe. Die neue Zeit mit ihrer Hast, Rücksichtslosigkeit und moralischen Gefühllosigkeit sei von den Juden geprägt, die mit ihrer Skrupellosigkeit, ihrer Habgier das Wirtschaftsleben beherrschen [Herb16].

*Georges Clemenceau meint: Amerika - die Entwicklung von der Barbarei zur Dekadenz ohne Umweg über die Kultur.

 

Den späteren Nationalsozialisten war Claß nach Mein Kampf die liebste Lektüre. Immer feste druff: Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten, Nieder mit dem Dollarimperialismus und die Juden sind an Allem schuld.  

 

 

Alldeutsches Pensionopolis

 

Freiburg erlebt den wirtschaftlichen Aufschwung der Gründerzeit nicht zuletzt wegen des annektierten Elsass', denn Kolmar!! im links-rheinischen Reichsland wird durch eine Eisenbahn mit der Stadt verbunden*, die einen bis dato unbekannten Bauboom unter seinem Bürgermeister Otto Winterer, verzeichnet. Über dem Eingang zu Winterers Arbeitszimmer im Rathaus liest man auch heute noch den Wahlspruch: Tibi semper gloria (Dir, der Stadt, immer Ehre). Bei seiner Pensionierung 1913 nach 25‑jähriger Regierung nennt man ihn den zweiten Gründer Freiburgs. In der Winterer-Zeit entstehen das Stadttheater, das neue Rathaus, das Kollegiengebäude der Universität und neue Wohngebiete wie die Wiehre und der Stühlinger.

*Diese Linie ist seit 1918 unterbrochen, doch noch heute fährt die Bahn im Elsass in alter preußischer Tradition rechts, während im übrigen Frankreich bei der Bahn Linksverkehr herrscht.

 

Für Freiburg als Touristenstadt wird bei den Norddeutschen neben dem milden Klima, dem Münster, dem Schauinsland, den vorzüglichen Gasthöfen auch mit der evangelischen Kirche geworben.

 

Die Zahl der Gebäude und der Einwohner Freiburgs verdoppelt sich. Das liegt auch am Zuzug vor allem älterer Menschen aus dem kalten Norden, so dass die Stadt bald den Namen Alldeutsches Pensionopolis  erhält. Diese im Volksmund genannten Rennars machen bald 20% der Haushalte aus [Chic07]. Das von Winterer mit viel Historismus verschönte und mittelalterlich anmutende Stadtbild trifft den Zeitgeist. Die Nähe von Schwarzwald, Kaiserstuhl und das warme Klima ziehen die Menschen an.

 

Besuch in Freiburg im Sommer 1909. Großherzog Friedrichs II. links mit Pickelhaube auf dem Balkon des Neuen Rathauses. Neben ihm Gattin Hilda und Oberbürgermeister Otto Winterer. Im Hintergrund Statuen der im letzten Krieg eingeschmolzenen, für Freiburg wichtigen, Herrschergestalten:
Herzog Konrad I von Zähringen als Stadtgründer,
Egino V. von Urach als erster Graf von Freiburg
Herzog Leopold III. von Österreich und
Großherzog Friedrich von Baden (©Stadtarchiv Freiburg).

 

Die Freiburger Idylle übertüncht stärker werdende soziale Spannungen. Während in der Wiehre (Goethe- oder Reichsgrafenstraße) und in Herdern (Wölflin- und Tivolistraße) meist zugezogene Millionäre als Couponschneider auf der Sonnenseite wohnen, lebt etwa im Stühlinger ein wachsendes Proletariat von der Hand in den Mund.

 

Ein historisches Gemälde von 1913 aus Freiburgs amerikanischer Partnerstadt Madison, Wisconsin. Es hängt im Senatssaal im Capitol. In einer allegorischen Darstellung reicht die Friedensgöttin der Marianne den Friedenslorbeer, während Germania und Britannia den Flottenvertrag diskutieren? Wir wissen, die drei Damen haben versagt. Ein Jahr später bricht der Erste Weltkrieg aus und stürzt Europa in eine Hölle aus Blut, Hunger und Ruinen.

 

Es ist eine ungeheuerliche Provokation im gut bürgerlichen Freiburg, als die körperlich kleine aber stimmgewaltige Rosa Luxemburg auf einer SPD-Veranstaltung am 7. März 1914 am Vorabend des großen Krieges vor 2000 Zuhörern in der überfüllten Stadthalle die Klassenunterschiede und den deutschen Militarismus anprangert. Als radikale Kriegsgegnerin ruft sie den Männern und Frauen der Arbeit zu: Ihr schickt eure Söhne ins Feuer, ihr habt’s an eurem Buckel auszukosten [Sieb13a]. Obgleich bereits wegen Aufrufs zum Ungehorsam gegen die Obrigkeit - allerdings wegen der eingereichten Revision noch nicht rechtskräftig – verurteilt, ruft die rote Rosa die Arbeiter zum Generalstreik auf. Dazu kommt es nicht, doch treten unter dem Einfluss der Rede der in bürgerlichen Augen Vaterlandsverräterin 280 Freiburger in die Sozialdemokratische Partei ein.

 

 

 

 

Urkunde

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Inferno des 1.Weltkrieges oder das Ende der guten alten Zeit

 

Im August 1914 endet nach 43 Jahren die bis data drittlängste Friedensperiode in Deutschland. Für den Fundamentalisten und Scharf-macher Heinrich von Treitschke stellt das Attentat in Sarajewo vom 28. Juni 1914 eine Ehrverletzung dar, denn er hatte seine Studenten gelehrt: Wer die Ehre eines Staates auch nur äußerlich antastet, zweifelt damit das Wesen des Staates an ... Ein Staat muß ein sehr hoch entwickeltes Ehrgefühl besitzen, wenn er seinem Wesen nicht untreu werden will. Er ist kein Veilchen, das im Verborgenen blüht; seine Macht soll stolz und leuchtend dastehen, auch symbolisch darf er sie nicht bestreiten lassen. Ist seine Flagge verletzt, so ist es seine Pflicht, Genugtuung zu fordern und, wenn sie nicht erfolgt, den Krieg zu erklären, mag der Anlaß noch so kleinlich erscheinen; denn er muß unbedingt darauf halten, die Achtung, die er in der Staatengesellschaft besitzt, sich auch zu bewahren [Frev10].

 

 

Als er am 25 Juli 1914 vom Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien erfährt, schreibt der Freiburger Max Meinzer in sein Tagebuch: Der Königsmord wird gesühnt werden. Serbien hat das Ultimatum Österreichs nicht bedingungslos angenommen, der Krieg ist hiermit erklärt. Und später am 31. Juli: Die drohenden schwülen Gewitterwolken am Horizonte Europas werden sich wohl entladen müssen, die Luft muss wieder klar werden, wer herrschen soll über die Welt ... Das war wohl auch der Gedanke, der heute abend die Gemüter aller beseelte, als die Kriegserklärung bekannt wurde. Das Leben auf der Kaiserstraße, die Begeisterung der Volksmassen war einfach großartig [LBH14].

 

Bei der Mehrzahl der Freiburger Professoren will kein Jubel aufkommen. Ebenfalls am 25. Juli feiern der Historiker Friedrich Meinecke, der Altphilologe Richard Reitzenstein und der Anatom Franz Keibel mit vielen Kollegen ihren Abschied von Freiburg und ihre Rufe nach Berlin, Göttingen bzw. Straßburg, als die Nachricht vom Abbruch der diplomatischen Beziehungen eintrifft: Mit einem Schlage war das Festmahl zu Ende und in tief ernster, ich muß wohl sagen bedrückter Stimmung gingen wir durch die Kaiserstraße nach Hause, vorbei an dem Siegesdenkmal von 1870, um das sich eine Studentenschar gesammelt hatte und jubelnd die Wacht am Rhein sang. Uns Alten war hier nicht zum Jubeln. Das was jetzt vor uns lag, war viel dunkler und unberechenbarer als das was einst im Juli 1870 aufgeflammt war. Von dem Willen aber, stark und entschlossen zu bleiben, waren wir alle erfüllt [Schr15].    

 

 

Kopf an Kopf standen die Menschen und sangen Deutschland, Deutschland über alles

 

Der Kriegszustand wird am 31. Juli in Extrablättern verkündet, führt besonders bei den immer noch den Habsburgern anhängenden Freiburgern zu chauvinistischen Ausbrüchen und löst ungeheuren Jubel aus. In der Kriegschronik der Stadt Freiburg lesen wir: Im Museum* und in den anderen Kaffees müssen die Musikkapellen immer wieder vaterländische Weisen spielen. Irgendeiner schwingt sich auf einen Straßenstein, in den Wirtschaften auf einen Stuhl oder einen Tisch und hält eine begeisterte Rede von deutscher Ehre, deutschem Stolz und deutscher Brudertreue[Kalc04]. Es ertönen tausendstimmige Hochrufe auf unsere Verbündeten, fahnenschwingende Studenten ziehen durch die Stadt, patriotische Lieder und Ansprachen bestimmen das Straßenbild [Hauß94].

*Beliebtes Café im Gebäude der Freiburger Museumsgesellschaft

 

Auch der Professor für Kunstgeschichte Carl Sutter beschreibt die abgehobene Stimmung auf den Straßen Freiburgs kurz vor Kriegsausbruch: Imposant und überraschend war der patriotische Aufschwung der Bevölkerung. Ich habe hier am Abend, als die österreichische Entscheidung gegen Serbien bekannt wurde, Szenen gesehen und ein Straßenbild, wie es wohl seit 1870 nie mehr gewesen ist. Vom Martinstor vor der Freiburger Zeitung [das ursprüngliche Gebäude am Martinstor] bis zur Salzstraße war die Menge gedrängt. Kopf an Kopf standen die Menschen und sangen Deutschland, Deutschland über alles, dann ein großer Zug zum Siegesdenkmal ... Die österreichischen Studenten wurden in einem patriotischen Triumphzug zum Bahnhof begleitet dagegen werden einige Franzosenjünglinge und Russen, die Schmährufe gegen Österreich und Deutschland ausstießen und Vive la France riefen, auf der Kaiserstraße [heute Kaiser-Josef-Straße] umgehend verprügelt und mussten von der Polizei geschützt werden ...

 

Zu den patriotischen Ausbrüchen meint Sutter: Die begeisterten Sänger haben ja freilich keine Verantwortung für das, was geschieht, aber über ihre Stimmung kann man sich doch nur freuen und sie als ein gutes Omen begrüßen. Über eine Friedensvermittlung kann man sich eigentlich nur dann freuen, wenn sie auf eine Reihe von Jahren anhält. Es kommt einem die Besorgnis, dass die Triple Entente [Frankreich, Großbritannien und Russland] unseren Kaiser jetzt einseifen will, um sich für eine bessere Gelegenheit bereit zu machen und dann mit günstigen Chancen über uns herzufallen [Zimm14a]. In der Tat hatte sich das militärische Kräfteverhältnis seit der Jahrhundertwende zu Ungunsten der Mittelmächte Deutschland, Österreich und Italien verschoben.

 

 

Das tapferste Volk sind die Deutschen

 

Schon Heine hatte erkannt: Das tapferste Volk sind die Deutschen. Auch andere Völker schlagen sich gut, aber ihre Schlaglust wird immer unterstützt durch allerlei Nebengründe ... Die Deutschen sind tapfer ohne Nebengedanken, sie schlagen sich, um sich zu schlagen, wie sie trinken, um zu trinken. Der deutsche Soldat wird weder durch Eitelkeit noch durch Ruhmsucht noch durch Unkenntnis der Gefahr in die Schlacht getrieben, er stellt sich ruhig in Reih und Glied und tut seine Pflicht; kalt, unerschrocken, und seherisch fügt er hinzu: Wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: der deutsche Donner hat sein Ziel erreicht [Loew02].

 

 

Der metaphysische Krieg

 

Doch es geht auch philosophischer. In einem Artikel Der metaphysische Krieg in der Frankfurter Zeitung vom 1. November 1914 beschwört der Philosoph Leopold Ziegler zunächst den deutschen Menschen: Wir nahmen eine einzige, durch alle Einzelwesen flutende Erleuchtung wahr, die uns wie die Male der hochheiligen Stigmatisation auf Stirn und Herzen brannte: wir deutscher Mensch sollen ausgetilgt, zerschmettert und in Nichts gestoßen werden. Wir deutscher Mensch in Staub getreten und im Dampf des eigenen Blutes erstickt…  

 

... um dann daraus die Konsequenz zu ziehen, dass am deutschen Wesen die Welt genesen wird: Wie wir in diesem Kampf um unsere deutsche Menschlichkeit Kräfte entfesseln werden, deren wir uns nie vorher bewußt waren und nicht bewußt sein durften, - so wird aus den Wolkendünsten fiebernder Schlachten das reine Gestirn eines noch ungedachten Weltgedankens glanzreich emporsteigen. Und wie es auch kommen mag: wir werden nach diesem Krieg anders sein und mit uns wird die Welt ein neu Gesicht empfangen haben [Zieg14]. Es kam so, aber dann doch ganz anders ...

 

 

Eine Welle des Wahnsinns hat den Geist der Christenheit überspült

 

Einige wenige, weiter denkende Menschen teilen die Kriegsbegeisterung nicht. So schreibt der damals 39-jährige Marineminister seiner Majestät Winston Churchill, nachdem er zuvor die britische Flotte in Alarmbereitschaft versetzt hatte, an seine Frau Clementine am 28 July (1914) Midnight: My darling One & beautiful – Alles treibt auf Katastrophe und Zusammenbruch zu. Ich bin interessiert, in vollem Gang und glücklich. Ist es nicht schrecklich, so gebaut zu sein? Die Vorbereitungen üben auf mich eine widerliche Faszination aus. Ich bete zu Gott, dass er mir solche furchtbaren Anwandlungen der Leichtigkeit verzeiht. – Und doch würde ich mein Bestes geben für den Frieden & nichts könnte mich dazu verleiten, unberechtigterweise den ersten Schlag zu führen. Niemand kann die Folgen absehen. Ich habe mich gefragt, ob diese dummen Könige und Kaiser nicht zusammenkommen und wahres Königtum wieder beleben könnten dadurch, dass sie die Nationen vor der Hölle bewahren. Wir alle driften in dumpfer, starrer Trance dahin. Als ob es die Operation von jemand anders wäre [Star14].

 

 

Jeder Schuss ein Russ', jeder Tritt ein Britt', jeder Stoß ein Franzos'

 

Von überall her strömen Reservisten und Freiwillige nach Freiburg. Stolz präsentiert der Unteroffizier der 12. Kompanie des in der Stadt stationierten Badischen Infanterie-Regiments 113 den größten und kleinsten Kriegsfreiwilligen, die mit ihren Kameraden bereits am 6. August aus der Karlskaserne in Richtung Westen abrücken.

 

 

Der größte und kleinste Kriegsfreiwillige
 der 12. Comp I.R. 113

 

Am 7. August sind in Freiburg bereits über 3000 Kriegsfreiwillige registriert. Der Truppenaufmarsch findet im Oberelsass statt, aber dafür wird die Stadt Standort für Truppenteile aus Kolmar und Mühlhausen.

 

Nach Kämpfen mit französischen Truppen bei Mülhausen treffen die ersten Verwundeten am 8. August in Freiburg ein. In den eilig in Schulen und Turnhallen eingerichteten Lazaretten liegen Ende des Monats bereits mehr als 2000 verwundete Soldaten [Kalc04]. Bald strömen auch Flüchtlinge aus dem Elsass in die Stadt.

 

 In ihrer Kriegsbegeisterung sehen die Menschen nicht, dass sich innerhalb von 40 Jahren die Kriegskunst grundlegend verändert hat. Äußerlich muss der bunte Rock dem Feldgrau und die lächerliche Pickelhaube dem Stahlhelm weichen. Viel gravierender ist jedoch die Weiterentwicklung der Waffentechnik, um hier nur das Maschinengewehr zu nennen. Plötzlich entscheidet sich ein Krieg nicht mehr in einigen wenigen Schlachten. Der Bewegungskrieg mutiert zum Stellungskrieg. Die Männer sterben in den Schützengräben an der Front, statt Weihnachten 1914, wie die meisten gehofft hatten, zu Hause mit ihren Familien zu feiern. Da versuchen sich die Frontsoldaten in Galgenhumor:

 

Das Haar wächst uns zur Mähne
Die Seife wird uns fremd
Wir putzen keine Zähne
Und wechseln auch kein Hemd.

 

Durchnässt sind alle Kleider
Oft bleibt der Magen leer
Von Bier und Wein gibt's leider
Auch keinen Tropfen mehr ...  

 

Doch dieser Heroismus
Hatt auch kein großen Reiz.
Uns zieht der Rheumatismus
Fürs Vaterland durchs Kreuz [LBH14].

 

Die Schicksalsorte heißen nicht mehr Mars-la-Tour und Sedan wie 1870/71, sondern Ypern und Verdun. Bald übertönen das Heulen der schweren Granaten und das Trommelfeuer der Maschinenwaffen das anfängliche Hurragebrüll oder es erstickt im Giftgas.

 

Freiburger warten auf dem Münsterplatz auf Nachrichten von der Front. Man beachte im Gegensatz zu heute die Kopfbedeckungen von der Schülermütze bis zur Kreissäge.

Nur Ernst Jünger kann anfänglich dem Stellungskrieg noch Positives abgewinnen, wenn er am 27. Januar 1915 in sein Kriegstagebuch schreibt: Heute an Kaisers Geburtstag waren wir im Graben. Um 12 Uhr wurde geblasen und wir schrieen den Franzosen 3 Hurrahs entgegen. Dann sangen wir die erste Strophe von: Heil Dir im Siegerkranz [Jüng10].

 

Caspar René Gregory gebürtiger Amerikaner und seit 1891 ordentlicher Professor für Theologie in Leipzig meldete sich 1914 als 68-Jähriger und damit ältester Freiwilliger an die Westfront, weil nach seiner Ansicht, der Englische Imperialismus, Franzosen und der russische Zarismus Deutschland in den Krieg getrieben hätten: Als England, das mächtige England, das Land, dass Burenfrauen und -kinder ermordet, Indien ausgebeutet und es verhungernd zurückgelassen hat, als dieses England den Krieg erklärte, hatte ich keinen andere Wahl, als gegen es zu kämpfen [Gott13].

 

Auch der Dichter Richard Dehmel meldet sich bei Ausbruch des Krieges freiwillig zum Heer. Seine Liebe gehört jedoch der Flotte, welche die Teufelshunde bekämpft, wenn auch dabei einige Matrosen den nassen Heldentod sterben müssen, wie er in seinem Gedicht von 1914 Jetzt Mützen ab beschreibt:  

 

Der Kaiser, der die Flotte schuf
 der steht mit Gott im Bunde
 denn das ist Deutschlands Weltberuf
 es duckt die Teufelshunde
 Unsre blauen Jungen
 haben rote Zungen
 die zischen durchs Kanonenrohr
 dann fliegt der Feind ins Höllentor
 unter deutschem Himmel

 

 Manch Braven wohl verschlang die Schlacht
 ins Wasser mußt er fallen
 das aber hat den Sieg gebracht
 den deutschen Brüdern allen
 Schwarzweißrote Zeichen
 schmücken unsere Leichen
 fahr hin, Kam´rad, das Meer ist groß
 einst ruhn auch wir in Gottes Schoß
 unter deutschem Himmel

 

Der Maler August Macke zieht begeistert für sein Vaterland in den Krieg, doch nach seiner Feuertaufe an der Westfront schreibt er: Der Krieg ist von einer namenlosen Traurigkeit. Die Leute, die in Deutschland im Siegestaumel leben, ahnen nicht das Schreckliche des Krieges. Bereits am 26. September 1914 fällt Macke bei Perthes-lès-Hurlus in der Champagne. In seinem Nachruf auf Macke klagt Franz Marc: Im Krieg sind wir alle gleich. Aber unter tausend Braven trifft eine Kugel einen Unersetzlichen. Mit seinem Tode wird der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht … Mit seinem Tode knickt eine der schönsten und kühnsten Kurven unserer deutschen künstlerischen Entwicklung jäh ab, keiner von uns ist imstande, sie fortzuführen [Muse10]. Franz Marc fällt am 4. März 1916 vor Verdun.

 

Mit dem Kaiser (zweiter von rechts) im Feld

 

Ein Bruderzwist im Hause Mann

 

 Thomas Mann ist kriegsbegeistert: Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte! Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden. [Harp14].

 

Den gleichen Ton trifft der Freiburger Privatdozent für Theologie, Engelbert Krebs, wenn er am 5. August 1914 schreibt: Ist es nicht eine Gnade Gottes, die unser deutsches Volk vor dem Versumpfen bewahrt? Hat man nicht immer gesagt, wir brauchen einmal Krieg, der uns moralisch aus der Niederung und politisch aus dem Parteihader herausreißt? [Schr15]

 

Dagegen beschimpft Heinrich Mann die Tiefschwätzer, die die gedankliche Stützen für den Ungeist liefern und dann direkt an seinen Bruder Thomas gerichtet: Durch Streberei werden Nationaldichter für ein halbes Menschenalter, mitrennend, immer anfeuernd, vor Hochgefühl von Sinnen, verantwortungslos für die heranwachsende Katastrophe [Harp14].

 

Albert Einstein schreibt ganz pazifistisch im Vaterländischen Gedenkbuch, in dem Berlins Goethebund im Jahre 1916 Kriegsbeiträge von Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern veröffentlicht, am Ende seines Artikels allerdings ein wenig hilflos: Doch wozu viele Worte, wenn ich alles in einem Satze sagen kann, und noch dazu in einem Satze, der mir als einem Juden wohl ansteht: Ehret Euren Meister Jesus Christus nicht nur mit Worten und Gesängen, sondern vor allem durch Eure Taten [Berl16].

 

 

Lazarettstadt Freiburg

 

In nur 80 km von Freiburg schwere Kämpfe in den Vogesen: Sterben am Rossmannskopf

*der spätere Reichskanzler in der Weimarer Republik

 

 

 

 

 

 

 

 

*wenn es nur deutsche Opfer gibt

 

 

 

Im Gegenzug: Deutsche Flugzeuge über Dover (Zeitgenössische Postkarte)

 

Jetzt weiß man nicht mehr, wo man hinflüchten soll

 

In einem Brief an eines ihrer Kinder schildert Babette Wetter, eine Einwohnerin Freiburgs, die Schäden des Bombenangriffs vom 14. April 1917: Dass Flieger uns am Samstag heimgesucht haben, habt ihr ja schon gehört, aber welch großer Schaden durch sie entstanden ist, könnt ihr euch keinen Begriff machen. Überall in der Stadt sind Bomben eingeschlagen. In der Sternwaldstraße fiel eine Bombe in ein Haus, welche nicht platzte (...). Besonders hat es Löwenthals Haus arg mitgenommen. Die Bertoldstraße sieht schrecklich aus, das Haus Himmelsbach (...) ist ganz zertrümmert, und es gab mehrere Tote.

 

Gebäude der Holzhandlung Gebrüder Himmelsbach, Rempartstraße 16, am 14. April 1917
(©Stadtmuseum Freiburg)

Das Theater ist von einer Seite vom Dach bis unten arg beschädigt. Ein dreistöckiges Haus in der Belfortstraße sieht auch furchtbar aus. Die Straße dort wurde weithin aufgerissen. In der Bismarckstraße sieht die Wirtschaft Krokodil ebenso aus. Das Antoniushaus [in der Kirchstraße in der Wiehre] ist ganz ausgebrannt, auch die Frauenklinik hat teilweise gelitten. Ein dreistöckiges Haus in der Kartäuserstraße ist auch vernichtet. Beim oberen und unteren Mez-Haus sind bis unten alle Scheiben wie ein Sieb. In der Runzstraße ist auch ein Haus arg beschädigt. In der Zähringerstraße soll es furchtbar sein. Dorthin bin ich aber noch nicht gekommen. (...) Jetzt weiß man nicht mehr, wo man hinflüchten soll. Bisher glaubte man immer, dass die Halunken es nur auf die innere Stadt absehen würden, allein sie haben uns anderes belehrt.

 

Es ist mir immer ein betrüblicher Anblick, wenn ich jetzt an unserem lieben Münster vorbei- und hineinkomme und sehen muss, dass man die kunstvollen Fenster eins nach dem anderen herausnimmt und sie durch gewöhnliche Fenster ersetzt. Da wird es einem ganz unheimlich – was wird man noch alles erleben?

 

Nachträglich fällt mir noch etwas ein, was mir zeitlebens im Gedächtnis bleiben wird: Unter dem Donner der Abwehrkanonen und unter Fliegergefahr sind die armen Erstkommunionkinder zur Kirche und aus der Kirche gerannt [Zimm14].

 

 

Verbreitung falscher Gerüchte in Freiburg

 

Spätestens zu Weihnachten 1914 wird auch den Freiburgern klar, dass der Krieg kein schnelles Ende finden wird. Statt Siegesmeldungen muss die Freiburger Zeitung melden: Von amtlicher Stelle wird uns geschrieben: Das in der Stadt verbreitete Gerücht von einem Durchbruch der Franzosen entbehrt jeder Begründung. Es wird vor der Verbreitung solch unsinniger Gerüchte ernstlich gewarnt. Doch immer wenn der Geschützdonner von der nahen Front in den Vogesen in Freiburg lauter zu werden scheint, machen neue Gerüchte über eine Invasion der Franzosen die Runde.

 

Zum Jahreswechsel 1914/15 berichtet die Freiburger Zeitung in ihrer Ausgabe vom 28. Dezember: Das Christfest feierten wir Freiburger unter dem Donner der Geschütze, der aus den Kämpfen im Oberelsaß dumpf herüberdröhnte zu unserer im Weihnachtsfrieden liegenden Stadt, den Ernst der Zeit, die Heiligkeit der Stunde eindringlicher denn je verkündend und wie ein mächtiger Schatten den strahlenden Lichterglanz des Christbaumes dämpfend.

 

Die Weihnachtsfeiertage sind hier dem Ernst der Zeit entsprechend sehr ruhig verlaufen. Die üblichen Weihnachtsfeiern der Vereine fielen in diesem Jahr fast ganz aus. Dagegen gedachte man in den Lazaretten in besonderer Weise des Christfestes. Von den Lazarettvorständen wurden Ansprachen gehalten, gesangliche Vorträge erfreuten die Kranken, die mit nützlichen Dingen (warmer Wäsche, Gebrauchsgegenstände, Erinnerungen usw.) beschenkt wurden. Die Bevölkerung benutzte das ziemlich gute Wetter zu Spaziergängen auf den Schloßberg und in die nähere Umgebung der Stadt [Serg14].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die 7-K des Nationalen Frauendienstes

Aushalten - Haushalten - Maulhalten

 

 

 

 

 

*Wilhelm zwo hatte den Frauenrechtlerinnen verkündet: Die Hauptaufgabe der Frau liegt nicht im Erreichen der vermeintlichen Rechte, in denen sie es dem Manne gleichtun könnte, sondern in der stillen Arbeit zuhause und in der Familie.

 

Miniration 1917 [Chic07]

 

 

Als auch diese zur Ernährung nicht ausreichen, greift man auf Runkelrüben zurück und nimmt somit den wenigen noch verbliebenen Nutztieren das Futter. Der Geschmack beider Arten ist für die Freiburger stark gewöhnungsbedürftig. Aus dem Steckrübenwinter 1916/17 ist folgendes Gedichtchen überliefert:  

Die Rüben, ach, die Rüben
Die haben mich vertrieben.
Hätt' meine Mutter Fleisch gekocht
Wäre ich zu Haus' geblieben
[Chic07].

 

 

 

Die Republik von Weimar

 

 

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deutschen Revolution

 

 

 

 

Barfuß gehn wird jetzt Gebot

 

Ein bestehender Mangel reißt einen weiteren an anderer Stelle auf. Als im Sommer 1916 alle Fahrradbereifungen abgeliefert werden müssen, fallen in Freiburg 10 000 Fahrräder für den Transport plötzlich aus. Nun ist Straßenbahn fahren (mit 10 Pfennig vielen zu teuer) und zu Fuß gehen angesagt. Obgleich die Elektrizität für die Tram durch Wasserkraft erzeugt wird und die Stromversorgung nicht auf die knappe Kohle angewiesen ist, können die Städtischen Verkehrsbetriebe dem vermehrten Fahrgastaufkommen kaum nachkommen. Zwar hatte man, um die eingezogenen Männer zu ersetzen, rechtzeitig Frauen zu Fahrern und Schaffnern ausgebildet, doch das rollende Material wird langsam rar. Straßenbahnen dienen in Ermangelung von Pferden und Kraftwagen auch zum Transport von Verwundeten zu den Lazaretten und von Grundnahrungsmitteln in die städtischen Lager. Mit den wenigen verbliebenen Mechanikern und wegen fehlender Ersatzteile können die Triebwagen nicht  ausreichend gewartet werden und so dünnt der verbleibende Fahrzeugpark langsam aus. Längst hatte man auch die Bronzestandbilder an der Kaiserbrücke eingeschmolzen und die Studentenverbindungen opfern mit rund 800 kg Zinn ihre Bierkrugdeckel [Chic07].

 

Ganz Baden bläst ums Geld

 

Auch die Fortbewegung auf Schusters Rappen statt Straßenbahn wird zunehmend beschwerlich, denn Leder gehört zu den Rohstoffen, die schon bei Kriegsbeginn für zivile Zwecke nicht mehr zur Verfügung stehen. Als Obermaterial findet Segeltuch Verwendung und im April 1918 trägt die Mehrheit der Freiburger Einheitsschuhe aus Stoff mit Holzsohlen. Im folgenden Sommer tönt dann das Marschlied der Barfüßler:

 

Barfuß gehn wird jetzt Gebot
Für die deutschen Jungen,
Weil des Reiches Ledernot
Sie dazu gezwungen ...

Und sogar für die Erwachsenen gilt:

Jeder gehe stolz von heut'
Barfuß durch die Lande
Prüderie in großer Zeit
Ist 'ne Affenschande
[Chic07].

 

 

 

 

Gott mit uns

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schon Kaiser Konstantin wusste: In hoc signo vinces
(©Hanauer Museum in Kehl)

 

 

 

 

 Besonders die evangelische Kirche gibt sich patriotisch, wenn der Pfarrer der Christuskirche predigt: Sollte unter uns ein Mann sein, der nicht bereit ist, seinen letzten Blutstropfen für das Vaterland zu vergießen, so rufe ich ihm im Namen Gottes zu: du bist kein Deutscher, du bist kein Christ. Verlass diese Kirche! [Chic07].

 

 

Luther als Frontkämpfer

 

 

 

 

 Verstehen wird das große Leiden vielleicht ein kommendes Geschlecht

 

Der Freiburger Althistoriker Ernst Fabricius gewinnt dem Krieg positive Seiten ab: Er beseitigt alle politischen, konfessionellen und sozialen Schranken und macht die Menschen loyal und frei. Dagegen fragt die sozialistische Zeitung Volkswacht: Wer leidet am meisten? Der verarmte Arbeiter! Wo soll er seine Arbeitskraft herholen? Die besseren Kreise reservieren alle teuren Nahrungsmittel für sich. Als ein Angestellter des Bezugsamts einer hungrigen Frau die Lebensmittelkarte verweigert, gibt er ihr den zynischen Rat: Machen Sie einfach die Augen zu und ihr Magen wird denken, es ist Nacht [Chic07].

 

Braunes Plakat mit einem Spruch fast wie Deutschland erwache!

 

In dieser verzweifelten Situation gründet sich 1917 die rechtsradikale DVLP, verkündet unter ihren 1. Vorsitzenden Admiral von Tirpitz den Siegfrieden, will den Reichstag, die Arbeiterbewegung und die Linksparteien ausschalten, während ihr 2. Vorsitzender Wolfgang Kapp sogar erwägt, mit einem Putsch den zu laschen Wilhelm II. durch den schneidigeren Kronprinzen Wilhelm von Preußen zu ersetzen. Seinen Putsch hat Kapp dann später nachgeholt.

 

Wenn auch die Menschen hinter der Front hungern und frieren, so ist dies nicht vergleichbar mit dem Verrecken der Soldaten im Schlamm der Schützengräben an der Westfront und dem Leiden der täglich am Bahnhof eintreffenden und häufig für ihr zukünftiges Leben schwer gezeichneten Verwundeten. Da viele von ihnen unter den sich verschlechternden hygienischen Verhältnissen in den Lazaretten nicht überleben, kommt es in Freiburg zu all dem Mangel bald auch zu einer Verknappung von Grabstätten.

 

Bei fast der Hälfte der Gefallenen gibt das Oberkommando an Todesursache unbekannt, euphemistisch für die Tatsache, dass viele Leichen bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind [Chic07]. Dass Körper und abgetrennte Gliedmaßen sich nicht mehr identifizieren lassen, begründet den Mythos vom unbekannten Soldaten, für den später an vielen Orten Denkmäler errichtet werden, nährt aber auch die Listen der Vermissten, letzte Hoffnung für so manche Eltern, Frauen und Kinder. Auf der anderen Seite nimmt eine abgestumpfte Bevölkerung die immer wiederkehrenden Worte vom Heldentod für das Vaterland in den Todesanzeigen der Zeitungen bald nicht mehr wahr.  In der sozialdemokratischen Zeitung Volkswacht erscheint folgendes Gedicht:

 

Kein Menschensinn mag unterscheiden
Was schlecht, was recht!
Verstehen wird das große Leiden
Vielleicht ein kommendes Geschlecht.
Als wertlos sinken hohe Werte
Ins Grau der Nacht.
Es beugt sich die Vernunft dem Schwerte
Und ernste Weisheit roher Macht
[Chic07].

 

 

Durchhalten!

 

Wie schon früher in Freiburgs Geschichte kündigt ein Komet im April 1917 weiteres Unheil an: Amerika tritt in den Krieg ein. Jetzt zirkulieren Flugblätter mit Titeln wie:  Auf zum Endkampf und Deutsches Volk wach auf aber nur so lange, bis die Freiburger Glockenspende im Juli den Zusammenbruch einläutet.

 

 

Glockenabschied

Wie würd's is no menggmol (häufig) schmerze
Tagsüber bym Stundeschlag,
Und wemmer in d'Chilchen (Kirche) erst gönge
Und ke Glöckli lütte meh mag
[Chi07].

 

Die Frühjahrsoffensive 1918 weckt noch einmal neue Hoffnung auf einen Siegfrieden. Die Frau des Freiburger Philosophen Edmund Husserl vertraut ihrem Tagebuch an: Papa ist außer sich. Er ist überzeugt, daß der Endsieg nun zu Greifen nahe ist. Doch in August schreibt Husserl an Heidegger: Die letzen Ereignisse an der Front lasten schwer auf unserer Seele. Ich muss es Ihnen nicht erzählen. Im Oktober sucht dann die Spanische Grippe die unterernährte Bevölkerung und die Verwundeten in den Lazaretten heim. An der Epidemie sterben in Freiburg 444 Menschen [Chic07].

 

 

Wann müssen wir zu einem Ende kommen?

 

Die oberste Heeresleitung: Hindenburg, Kaiser Wilhelm II. und Ludendorff

Auch Paul von Hindenburg beschreibt in seinen Erinnerungen die Agonie des Zweiten Reiches. Mit seiner Durchhalteparole gibt er nicht nur die deutsche Marschrichtung für das Ende des Ersten Weltkriegs vor, sondern seine Aufforderung wird siebenundzwanzig Jahre später auch den Nazi-Machthabern ebenfalls unter Berufung auf Friederich den Großen zum grausamen Vorbild: Offiziere wie Mannschaften begannen wohl zu ermatten, aber sie rissen sich immer wieder empor, wenn es galt, den feindlichen Anstürmen Halt zu gebieten. Offiziere aller Dienstgrade bis zu den höheren Stäben hinauf wurden Mitkämpfer in den vordersten Linien, teilweise mit dem Gewehr in der Hand. Zu befehlen gab es ja vielfach nichts anderes mehr als: „Aushalten bis zum Äußersten.“

 

Auch im Ersten Weltkrieg muss der Alte Fritz herhalten, um den Durchhaltewillen der Menschen zu stärken.

 

Ja: „Aushalten!“ Welch eine Entsagung nach so vielen ruhmreichen Tagen glänzender Erfolge ... Wir haben keine neue Kraft mehr einzusetzen wie der Feind. Statt eines frischen Amerikas haben wir nur ermattete Bundesgenossen, und auch diese stehen hart vor dem Zusammenbruch.

 

 

Wie lange wird unsere Front diese ungeheure Belastung noch zu tragen vermögen? Ich stehe vor der Frage, vor der schwersten aller Fragen: „Wann müssen wir zu einem Ende kommen?“ Wendet man sich in solchen Fällen an die große Lehrmeisterin der Menschheit, an die Geschichte, so ermahnt sie nicht zur Vorsicht, sondern zur Kühnheit. Richte ich meine Blicke auf die Gestalt unseres größten Königs, so erhalte ich die Antwort: „Durchhalten!

 

Gewiß, die Zeiten sind anders geworden, als sie es fast 160 Jahre früher waren. Nicht ein geworbenes Heer, sondern das ganze Volk führt den Krieg, ist in ihn hineingerissen, blutet und leidet. Aber die Menschheit ist im Grunde genommen die gleiche geblieben mit ihren Stärken und Schwächen. Und wehe dem, der vorzeitig schwach wird. Alles vermag ich zu verantworten, dieses niemals! [Hind20]
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Als am 29. September 1918 Hindenburg und Ludendorff einen sofortigen Waffenstillstand fordern, hat der Kaiser die Schuldigen schon ausgemacht: Der Krieg ist zu Ende, freilich ganz anders, als wir uns das gedacht … Unsere Politiker haben erbärmlich versagt [Sont11].

 

 

Die Antwort mit Maschinengewehren auf das Pflaster schreiben

 

 

 

 

This page was last updated on 05 Februar, 2017