Inflation: Briefmarkenwert
 10 Milliarden Mark

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Karl Liebknecht mit einem roten Bettlaken auf dem Balkon des Stadtschlosses ruft die freie sozialistische Republik aus: Nie wieder wird ein Hohenzoller diesen Platz betreten! [Sont11].

 

Freiburgs Geschichte in Zitaten

Die Republik von Weimar  
oder die verlorene Demokratie

 

Die Niederlage

 

Nach vier jammervollen Jahren endet der Erste Weltkrieg am 9. November 1918 mit der Niederlage Deutschlands. In seinen Erinnerungen kommentiert Hindenburg die Ereignisse aus seiner, der Sicht des pflichtbewussten Soldaten: Das Drama schließt an diesem Tage nicht, erhält aber eine neue Farbe. Der Umsturz siegt. Verweilen wir nicht bei seinen Gründen. Er trifft zunächst vernichtend die Stütze des Heeres, den deutschen Offizier. Er reißt ihm, wie ein Fremdländer sagt, den verdienten Lorbeer vom Haupte und drückt ihm die Dornenkrone des Martyriums auf die blutende Stirne. Der Vergleich ist ergreifend in seiner Wahrheit. Möge er jedem Deutschen zum Herzen sprechen!

 

Die erst am 28. November 1918 aus den Niederlanden nachge-lieferte Abdankungsurkunde Wilhelms II.

 

Das äußere Zeichen des Sieges der neuen Gewalt ist der Sturz der Throne. Auch das deutsche Kaisertum fällt. Man verkündet im Vaterlande die Thronentsagung seines Kaisers und Königs, ehe der Entschluß dazu von diesem gefaßt ist. Auf dunklem Wege vollzieht sich so manches in diesen Tagen und Stunden, was dem Lichte der Geschichte hoffentlich dereinst nicht entgehen wird [Hind20].

 

Dieser „Man" – der kaisertreue Heereschef verschweigt hier taktvoll den Namen des Verkünders - ist der frisch-gebackene Reichskanzler  Max von Baden.

 

Es lebe die Republik!

 

In Berlin gilt es die Massen zu beruhigen. Der Sozial-demokrat Philipp Scheidemann spricht am Vormittag des 9. November von einem Fenster der Reichskanzlei zu den versammelten Menschen.

 

Philipp Scheidemann an einem Fenster der Reichskanzlei

 

Zum Mittagessen begibt er sich in den Reichstag und erfährt dort, dass Karl Liebknecht beabsichtigt, eine Räterepublik auszurufen. Darauf eilt Scheidemann, um dem USPD-Mann zuvorzukommen, kurzerhand zum zweiten Fenster nördlich des Reichstags-Portikus, steigt auf der Brüstung des Balkons und ruft von dort gegen 14 Uhr, wie das Foto zeigt, mit erhobener rechter Hand die Republik aus: Der Kaiser hat abgedankt, er und seine Freunde sind verschwunden. Über sie alle hat das Volk auf der ganzen Linie gesiegt... Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die Deutsche Republik!  [[Roec02].

 

Links: Philipp Scheidemann ruft am frühen Nachmittag des 9. November die Republik vom Fenster des Reichstags aus.

 

 

Unten: Die Ausrufung der Republik zur Illustration von Schulbüchern für Geschichte zehn Jahre später nachgestellt Es zeigt eindeutig keinen Balkon, sondern ein Fenster der Reichskanzlei und einen sichtlich gealterten Scheidemann. (©dpa)

 

 

So kommt er dem Führer des Spartakusbundes* zuvor, der kurz danach von einem Balkon des Berliner Stadtschlosses, welches Arbeiter- und Soldatenräte zuvor geplündert und zum Volkseigentum erklärt hatten,  eine sozialistische Republik ausruft.

 *Vorläufer der KPD

 

Anfänglich ist der gemäßigte Sozialdemokrat Friedrich Ebert sauer auf seinen vorschnellen Parteikollegen Scheidemann, war er doch mit seinem Vorgänger im Amt Max von Baden übereingekommen, dass erst eine verfassungsgebende Versammlung über die zukünftige Staatsform der Reiches entscheide. Immerhin hatte Scheidemanns Ausrufung einer Deutschen Republik eine sozialistische Volksrepublik nach dem Vorbild der Sowjetunion verhindert.

 

 

Am 9. November 1918 in Freiburg

 

Heimkehrende Soldaten geben ihre Waffen vor den Toren Freiburgs ab [Nati16]

Freiburger Soldatenrat im Hotel Roseneck ©Stadtarchiv Freiburg

Doch sind Stadtrat und Oberbürgermeister besorgt und richten einen Aktionsausschuss ein. Auch der Sozialdemokratische Verein möchte den Radikalen nicht die Stadt überlassen und bildet am Abend des 9. November einen gemäßigten Arbeiterrat.

 

Am folgenden Morgen erkennen sich Soldatenrat, Arbeiterrat und Aktionsausschuss als gleichberechtigt an und bilden eine Freiburger Allianz, um Recht und Ordnung in der Stadt aufrechtzuerhalten. Dabei wenden sich die Sozialdemokraten vehement gegen einen Rätestadtrat, so dass sogar Erzbischof Thomas Nörber an die neue Zeit und die Demokratie die Hoffnung knüpft, seiner katholischen Kirche werde es fortan bessergehen als zu Zeiten des Kulturkampfes und des badischen Staatskirchentums [Nach18a],

 

 

Der Klumpp-Putsch in Karlsruhe

 

Als am Abend des 9. November die Zeitungen in Karlsruhe die Abdankung des Kaisers melden, bilden in der Hauptstadt Soldaten- und Bürgerräte eine provisorische Volksregierung. Großherzog Friedrich II. erkennt den Ernst der Stunde und empfiehlt am 10. November dem Volk die Unterstützung der neuen Exekutive. Im Gegenzug versuchen gemäßigte Mitglieder der Regierung, den Schutz der großherzoglichen Familie, die im Karlsruher Schloss interniert ist, sicherzustellen.

 

Man ist sich in der provisorischen Regierung zunächst einig, dass eine badische Volksversammlung über die zukünftige Regierungsform entscheiden soll, doch dann fordern einige Soldatenräte plötzlich: Eine Republik jetzt!

 

So versucht am 11. November 1918 der ehemalige Obermatrose und angetrunkene Wilhelm Heinrich Klumpp, nachdem er mit seinem Gewehrkolben gegen die Türen des Karlsruher Schlosses geschlagen hatte, mit einer Gruppe Soldaten dort einzudringen, um den Großherzog zu sprechen, was ihnen jedoch verwehrt wird. Daraufhin kommt es zu Schüssen auf die Schlossfassade, die durch Fenster und Holzwerk in einzelne Räume dringen und Bilder, Vasen und Hausrat beschädigen. Derweil flieht die großherzogliche Familie durch den Hinterausgang zu bereitgestellten Fahrzeugen, die sie nach Schloss Zwingenberg bringen.

 

Am 16. November bestätigt die provisorische Badische Volksregierung den von der Vogesenfront heimkehrenden Soldaten, dass sie im Felde unbesiegt seien [Enge05].

 

Schließlich unterschreibt Friedrich am 22. November 1918 weit von Karlsruhe entfernt auf Schloss Langenstein im Hegau eine Abdankungsurkunde, mit der er auf den badischen Thron verzichtet. Nach der Abdankung des Großherzogs wird Baden Republik. [Brau18]. Insgesamt vollzieht sich die badische Revolution mit dem stillen Einverständnis der Bürgerlichen nach dem Motto: Ordnung, Friede, Freiheit und Brot [Schn18].

 

Stolperstein für Heinrich Klumpp vor seinem letzten Wohnsitz in Karlsruhe
 (©Carolus requiescat/Wikimedia)

 

Klumpp übersteht seine “Revolution” unbeschadet, doch 1933 rechnen ihn die Nazis zu den Novemberverbrechern. Als die Gestapo vor seiner Tür steht, kann sich Klumpp mit einer „Flucht über die Dächer“ aus Karlsruhe zunächst ins Elsass retten. Nach dem Blitzkrieg flüchtet er ins unbesetzte Vichy-Frankreich, wird jedoch von der SS in Bordeaux aufgespürt. Seiner Festnahme entzieht er sich durch Selbstmord.

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Wald von Compiègne

 

Am 11. November 1918 um 5 Uhr unterzeichnen der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger, von Max von Baden als Bevollmächtigter des Deutsche Reichs entsandt,  und Marechal Ferdinand Foch in einem im Wald von Compiègne abgestellten Eisenbahnwaggon ein Waffenstillstandsabkommen. Danach enden die Feindseligkeiten um 11 Uhr. Die Bedingungen des Armistice tragen die Handschrift Fochs: Alle deutschen Truppen ziehen sich hinter die deutsche Grenze zurück. Beim Rückzug werden französische Einrichtungen nicht zerstört. Gefangene werden ausgetauscht. Deutschland verspricht Reparationen. Deutsche Kriegsschiffe und Unterseeboote werden übergeben.

 

Erzberger wird für den kurzen Rest seines Lebens als Erfüllungspolitiker gebranntmarkt. Rechtsradikale ermorden ihn am 26. August 1921 bei Bad Griesbach im Schwarzwald. .

 

Erzberger und Marechal Foch im Salonwagen im Wald von Compiègne.
Ein in Frankreich weit verbreitetes Bild.

 

Im Felde unbesiegt?

 

 

 

Auch die badischen Soldaten sind unbesiegt

 

 

Philipp Scheidemann schwingt den Dolch, während Matthias Erzberger interessiert zuschaut. Hinter ihnen sitzen Juden auf Goldsäcken und zählen ihr Papiergeld. Im Hintergrund sieht man revolutionierende Sozialisten an der Heimatfront rote Fah-nen schwenkend. Die Hetze gegen Juden und Linke wird im 3. Reich im Begriff jüdischer Bolschewismus sublimiert.

 

 

Schmissa di Schwowa zum Ländel nuss

 

Bereits am Tag des Waffenstillstands am 11. November 1918 ziehen Jugendliche durch Straßburg und rufen: Vive la France, merde la Prusse, schmissa di Schwowa zum Ländel nuss  [Graf18]. Damals wohnen in der elsässischen Metropole 60.000 sogenannte Altdeutsche; insgesamt sind es 220.000, die seit 1871 aus dem Reich nach Elsass-Lothringen gekommen sind.

 

Am 22. November 1918 marschieren französische Soldaten in das Reichsland ein, in ein Elsass-Lothringen, das sich mit dem Reich abgefunden hat, seit 1911 ein eigenes Parlament besitzt und die sozialen Errungenschaften des Kaiserreichs zu schätzen gelernt hat. Wir Deutschen…“, schreibt damals der im Oberelsass geborene Albert Schweitzer in sein Tagebuch, er verfasst aber sein erstes Buch über Johann Sebastian Bach auf Französisch und unterrichtet Nietzsche an der Sorbonne [Graf18].

 

Das Elsass kehrt heim

 

Der Schriftsteller und Arzt Alfred Döblin, im Sommer 1918 als Kriegs-Assistenzarzt in Hagenau tätig, beschreibt die Stimmung in Straßburg nach dem Wechsel: Es hatten viele geglaubt, sich verstecken oder auf die Milde der Sieger rechnen zu können. Aber wenn der Sieger milde war, der eigene Nachbar war es nicht. Da wanderten sie nun Tag um Tag, seit dem Einzug der Truppen und mit jedem Tag mehr. Denn die Rachsucht spürte immer mehr auf. Der Neid, die Bosheit bekamen Luft, die Seuche der Denunzierungen grassierte. Man konnte sich an dem Freund von gestern auslassen. Man konnte ihn mühelos beerben. Es wurde ein Volksgericht und eine Erniedrigung des Volkes. An den Laternen, an den kahlen Bäumen klammerten sich Leute fest und schrien den Abwandern Hohnworte zu [Graf18].

 

Unter den aufmerksamen Blicken französischer Poilus und dem feixenden Grinsen des Baskenmützenträgers ganz rechts ziehen die "deutschen" Elsässer über den Rhein bei Breisach
auf dem Photo oben [Mark12] und in der Karikatur Hansis unten:

 

 

 

Nicht ausreichend tricolor

 

 

 

 

 

Die Bevölkerung spricht Elsässisch oder Deutsch, aber nicht Französisch, während die aus Paris ins Elsass entsandten die Beamten nur Französisch sprechen. Wegen der ungeliebten Arbeit im Reichsland muss die Regierung ihnen eine Zulage zahlen.

 

Lehrer müssen plötzlich auf Französisch unterrichten, doch bei der Trennung von Staat und Kirche im Unterricht gibt es erhebliche Widerstände. Noch heute wird in Elsass-Lothringen an öffentlichen Schulen katholischer und protestantischer Religionsunterricht erteilt, werden katholische Priester, protestantische Pfarrer und Rabbiner vom Staat bezahlt.

 

Die Einteilung in Bevölkerungskategorieen aber schützt selbst Alt-Elsässer nicht vor der Ausweisung. Dabei handelt es sich um Politiker, Lehrer, lutherische Pastoren, Beamte und Kaufleute, die sich der deutschen Sprache und Kultur verbunden fühlen und einer Autonomie des Elsass zugeneigt nicht ausreichend tricolor gesinnt sind. Bei dieser ethnischen Säuberung sollen unter dem Motto ce que nous voulons, c’est étouffer le germanisme* 30 000 Alt-Elsässer vertrieben worden oder freiwillig ins Exil gegangen sein [Witt02].

*Wir wollen das Deutschtum ersticken

 

 

Hansi bemüht mit seinen Bildern Vorher und Nachher alle Klischees über die bösen Deutschen in einem Elsässer Dorf während der fast 50jährigen Besatzungszeit: Franzosenfreundliche Bürger und Kinder werden abgeführt, der deutsche Schupo verlangt die Entfernung des gallischen Hahns, in der Schule wird geprügelt, ein Konzertflügel, wohl um Beethoven zu spielen, wird vergeblich in eine enge Elsässer Stube gehievt, während nach der Befreiung die Menschen freudig erregt sind, der Schuster den preußischen Stiefel in den Farben der Tricolore anstreicht und die vom outre Rhin dahin zurückgeschickt werden. Selbst der Storch schaut dem nun frohen Treiben interessiert zu.

 

 

 

 

 

 

 

Die Wiedervereinigung des Elsass mit Frankreich nach dem verlorenen Krieg bedeutet für Freiburg zunächst den Verlust eines Teils seines Hinterlandes. Mit der Einrichtung einer rechts-rheinischen entmilitarisierten Zone von 50 km Breite, in der auch industrielle Ansiedlungen verboten sind, verliert die Stadt darüberhinaus ihre Garnison. Beides trägt zum wirtschaftlichen Niedergang der Region bei. Jetzt ist nicht Breisach, sondern Kehl französischer Brückenkopf.

 

 

 

Linke und rechte Wirrungen in der Hauptstadt

 

Der schnelle Übergang von der Monarchie zur Republik, vom Obrigkeitsstaat zur Demokratie ist dem biederen Deutschen unheimlich. Zum Jahresübergang 1918/19 bringt der Simplicissimus es auf den Punkt.

 

 

Ein nackter, abgemagerter Michel in einer kalten Winterlandschaft bekleidet statt mit der obligatorischen Zipfelmütze mit einem roten Revolutions-Höschen und einem phrygischen Mützchen drückt seine Orientierungslosigkeit in folgendem Gedicht aus:

 

Nun bin ich frei.
Von Kleidern und Stoffen
Und Glauben und Hoffen,
Von Handel und Kauffahrtei,
Von Möbeln und Betten
Und Strafen und Ketten,
Religion und Klerisei,
Von Schinken und Würsten,
Von Gold und von Fürsten
Und bitterer Tyrannei
Bin ich jetzt frei.

Nun bin ich frei.
Von Arbeit und Streben
Und ruhigem Leben,
Von Zucker und Fett und Ei,
Von Eisenbahnwagen
Und Glück und Behagen
Und Vaterlandspartei,
Von Freuden und Stützen
Und Ruhm und Geschützen,
Von Mittel-Europageschrei
Bin ich jetzt frei.

 

Es ist eine Zeit der politischen Unruhen und Morde in der Hauptstadt Berlin. Linke Kräfte versuchen, die Revolution vom November 1918 ins neue Jahr hinüberzutragen. Die Spartakisten unter Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg betreiben im Januar 1919 den Sturz der provisorischen Reichsregierung unter Friedrich Ebert, wollen die Revolution nach sowjetischem Vorbild vollenden. Regierungstreue Truppen unter Reichswehrminister Gustav Noske und reaktionäre Freichors schlagen den Aufstand nieder und machen kurzen Prozess, doch arten die standrechtlichen Erschießungen in Massenhinrichtungen linker Opponenten aus.

 

Am 15. Januar 1919 ermorden Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, die auf Spartakisten Jagd machen, Rosa Luxemburg mit einem aufgesetzten Schuss in die Schläfe und werfen die Leiche anschließend in den Landwehrkanal. Karl Liebknecht wird von hinten angeblich auf der Flucht erschossen. Man findet ihn mit einer Kugel im Rücken.

 

 

Eine demokratische Verfassung für das Deutsche Reich

 

 

Naturgemäß ist der ehemalige Kaiser im holländischen Doorn über die Wahl Eberts not amused: Herr Gott! A harness maker! (Ebert war von Beruf Sattler)

 

 

Erste Sitzung der Nationalversammlung im Weimarer Nationaltheater.
Am Rednerpult Friedrich Ebert (Diorama im Weimarer Stadtmuseum)

 

 

 

 

Versailles, deutscher Schicksalsort in Frankreich:
Zweiter Akt

 

 

 

Old Clemenceau Bronzestandbild in Paris

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Konstatin Fehrenbach

 

 

 

Dr. Joseph Wirth

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Friedensverhandlungen im Grand Trianon. Rechts die großen drei: Wilson, Clemenceau und Lloyd George. Links ihnen gegenüber sitzt die deutsche Delegation.

Während die Friedensverträge mit Österreich und Ungarn im Trianon unterzeichnet werden, findet, um Deutschland zu demütigen, die Unterzeichnung des Friedensvertrages mit den Vertretern des Deutschen Reiches am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal von Versailles statt, in dem vor einem halben Jahrhundert das Zweite Deutsche Reich gegründet worden war.

 

William Orpen:The Signing of Peace in the Hall of Mirrors

Außenminister Hermann Müller (SPD) und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) am Tisch im Vordergrund müssen einen Vertrag unterschreiben, bei dem Britain's Prime Minister, Lloyd George, thought the Allies should be less lenient on the Germans. He wanted to punish them while keeping their country healthy enough to act as a barrier against the new Communist state of Russia in the east. The French, though, were obsessed with bringing Germany to its knees. Remembering the Franco-Prussian War, France's Prime Minister, the 77-year-old Georges Clemenceau, was determined that the Germans should never be strong enough to invade France again - which makes it hard to understand why he insisted on a peace treaty so harsh that they would come back looking for vengeance only twenty years later* [Clar10].

*Der britische Premierminister Lloyd George meinte, die Alliierten sollten gegenüber den Deutschen wenig Nachsicht üben. Er wollte sie bestrafen, dabei aber das Land ausreichend gesund erhalten, damit es als Damm gegenüber dem neuen kommunistisch-russischen Staat im Osten dienen könne. Die Franzosen dagegen waren besessen davon, Deutschland in die Knie zu zwingen. Sich des französisch-preußischen Kriegs erinnernd war Frankreichs Premier, der 77-jährige Georges Clemenceau, entschlossen, Deutschland nie wieder stark genug werden zu lassen, um in Frankreich einzufallen, was es schwer verständlich macht, warum er auf einem so harten Friedensvertrag bestand, dass die Deutschen bereits zwanzig Jahre später Vergeltung übend zurückkamen.

 

 

The Economic Consequences of Peace

 

Über die Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages mögen sich die deutschen Militärs aufregen, doch sie sind nur ein Nebenkriegsschauplatz. Zu den wichtigeren Bestimmungen, die an den Lebensnerv Deutschlands rühren, sollen zwei neutrale Briten gehört werden. In 1919 ... many among the Allies saw it as an amazing opportunity that so formidable a competitor had been knocked out, apparently forever. This was reflected in the Treaty of Versailles, which among many other things, saddled Germany with dizzying 'reparations', a hugely inflated version of what the Germans had done to France in 1871. The justification was based around German 'war guilt' — a disastrous piece of victor's justice which both absolved the Allies for all responsibility for 1914 and which rang completely untrue within Germany, thereby fermenting further a sense of almost overwhelming grievance across an alarming cross-section of society schreibt Simon Winder in seinem Buch Germania [Wind10].

 

Ein Friedensvertrag oder ein Diktat?

 

  The Treaty includes no provision for the economic rehabilitation of Europe - nothing to make the defeated Central Powers into good neighbours, nothing to stabilise the new States of Europe, nothing to reclaim Russia; nor does it promote in any way a compact of economic solidarity amongst the Allies themselves; no arrangement was reached at Paris for restoring the disordered finances of France and Italy, or to adjust the systems of the Old World and the New.* Zusammen mit Keynes zeigen die Briten ein gewisses Verständnis für die Deutschen, doch Frankreich besteht auf der vollen Erfüllung der Versailler Vertragsbedingungen.

*Der Vertrag enthält keine Vorkehrungen zur ökonomischen Wiederherstellung Europas - nichts, um die besiegten europäischen Mittelmächte zu guten Nachbarn zu machen, nichts, um die neuen Staaten Europas zu stabilisieren, nichts, um Russland zurückzugewinnen. Auch fördert der Vertrag in keiner Weise die ökonomische Solidarität zwischen den Alliierten; in Paris wurden keine Vereinbarungen getroffen, um die zerrütteten Finanzen Frankreichs wiederherzustellen oder die [Wirtschafts]-Systeme der Alten und der Neuen Welt einander anzugleichen.

 

 

Weitere Unruhen im Reich und der Provinz

 

Auch nach dem Vorliegen einer Reichsverfassung dauern die Unruhen im Reich an. Große Teile der Reichswehr sind rechtsgerichtet und lehnen naturgemäß die Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages - Verringerung der Truppenstärke von 500 000 auf 100 000 Mann - ab. Als sie am 13. März 1920 einen Militärputsch gegen die junge Republik auslösen, lehnt es der Chef des Truppenamtes, Hans von Seeckt, mit der Bemerkung Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr ab, den Aufstand niederzuschlagen.

 

So flieht die Regierung Bauer aus Berlin ins loyale Stuttgart. Der von den meuternden Truppen unter Freiherr Walther von Lüttwitz zum Reichskanzler ausgerufene Deutsch-Nationale Wolfgang Kapp kann sich jedoch nur wenige Tage im Amt halten, da für einmal Gewerkschaften und linke Kräfte zusammenstehen und mit einem Generalstreik das Land lahmlegen. Durch den Erfolg ermutigt kommt es anschließend zu einem kommunistischen Aufstand im Ruhrgebiet und einem Aufstand der Bevölkerung in Freiburg gegen eine Verknappung und Verteuerung der Milch.

 

 

Zwei Freiburger Reichskanzler

 

1920: Erste Sitzung des Reichstags

*Beim Herbsttermin sollten die Ergebnisse der im Versailler Vertrag in den Grenzgebieten vorgesehenen Abstimmungen über die Zugehörigkeit der Bevölkerung zum Reichsgebiet vorliegen.

 

Auf die politischen Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht folgt der an dem Verzichtspolitiker Matthias Erzberger, so dass auch Wirth um sein Leben fürchten muss, denn rechtsradikale Freischärler singen folgendes Hetzlied:

 

Laßt uns froh und munter sein,
Schlagt dem Wirth den Schädel ein.
Lustig, lustig trallerallala,
Bald ist Wilhelm wieder da!

Wenn einst der Kaiser kommen wird,
Schlagen wir zum Krüppel Dr. Wirth,
Knallen die Gewehre tack, tack, tack
Aufs schwarze und das rote Pack.

Haut immer feste auf den Wirth!
Haut seinen Schädel, daß er klirrt!
Knallt ab den Walter Rathenau,
Die gottverfluchte Judensau!

 

Als die Alliierten die Bemühungen Deutschlands zu Reparationszahlungen im Rahmen der begrenzten finanziellen Möglichkeiten nicht anerkennen, tritt Wirth in letzter Konsequenz mit seinem ersten Kabinett zurück. Zwar zeigen wohl angeregt durch Keynes die Briten ein gewisses Verständnis für die Deutschen, doch Frankreich besteht auf der vollen Erfüllung der Versailler Vertrags-bedingungen.

 

Die SPD stößt den Lotsen Wirth von Bord

 

Wirth steckt nicht auf und bildet sein zweites Kabinett. Er sucht, die Ketten des Versailler Vertrags zu sprengen. Dabei schwankt er zwischen einer deutschen Teilnahme an einem von Großbritannien vorgeschlagenem Plan für den Wiederaufbau Europas, der allerdings von Russland als Versuch einer kapitalistischen Ausbeutung abgelehnt wird, und einer Annäherung an den östlichen Nachbarn, der sich mit seinem kommunistischen Regime gegenüber dem übrigen Europa völlig isoliert hat. Schon macht das Wort von einer Schicksalsgemeinschaft zwischen Deutschland und Russland die Runde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Außenminister
 Walther Rathenau

Freiburg druckt Notgeld

 

Im Reich grassiert derweil eine sich beschleunigende Inflation. Weil Deutschland seine Schulden nicht mehr bedienen kann, hilft sich der Staat mit dem Drucken von Papiergeld immer größer werdender Nominalwerte. Die Drucker der Reichsbank können die Mengen an Papier nicht schnell genug bedrucken, so dass zur Abdeckung des Bedarfs an Banknoten Städte und Gemeinden mit der Ausgabe von Notgeld einspringen müssen.

 

 

Den oben abgebildeten Schein über 500 Mark vom 1. Oktober 1922 erstand mein Sohn im Sommer 2013 auf einem Flohmarkt in Brooklyn (USA). Am 7. Februar 1923 lag der Nominalwert der gängigen Freiburger Banknote bereits bei 5000 Mark.

 

 

 

Rapallo, ein Befreiungsschlag?

 

Da schaltet der französische Premierminister Aristide Briand überraschend auf Versöhnung und schließt mit der Reichsregierung das Wiesbadener Abkommen über eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern ab.

 

Briands Nachfolger Raymond Poincaré dagegen nimmt zu dieser Erleichterung der Versailler Bestimmungen erneut eine unbeugsame Haltung ein. Die harte französische Position zeigt sich besonders 1922 bei der Wirtschaftskonferenz in Genua, an der sich Deutschland und das kommunistische Russland völlig isoliert sehen. So kommt es zwischen den beiden Staaten zur schnellen Unterzeichnung des Vertrages von Rapallo, dessen Vorentwurf in langen Verhandlungen bereits erarbeitet worden war. Damit hatten Wirth und sein Außenminister Dr. Walther Rathenau eine, wenn auch beschränkte, Handlungsfreiheit des gebeutelten Deutschlands vor aller Welt demonstriert. Als Reaktion darauf besetzt Frankreich das Ruhrgebiet, denn nun muss es fürchten, dass Deutschland seinen Verpflichtungen zu Reparationszahlungen nicht mehr nachkommt: Deutschland versteht nur die Sprache der Gewalt, schnaubt die französische Rechte, während die Kommunisten toben: Poincaré - la guerre. [Bour76]

 

In Deutschland dagegen tobt die Rechte; denn dass ein Jude, der promovierte Naturwissenschaftler Rathenau, als Außenminister nun die Erfüllingspolitik der Reichsregierung gegenüber den Alliierten vertritt, ist ihnen eine nicht mehr zu überbietende Provokation. So machen rechte Freikorpskämpfer ernst mit ihrer Drohung: Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau [Crai91].

 

Als Rathenau am 24. Juni 1922 in seinem Auto auf offener Straße mit einer Maschinenpistole "hingerichtet" wird, ruft Wirth in einer Rede vor den Abgeordneten des Reichstags nach rechts gewandt verzweifelt aus: Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. - Da steht der Feind - und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts.

 

Die gewaltsame Ruhrbesetzung Frankreichs provoziert Gegengewalt, die sich in Sabotageakten durch Freichorkämpfer im Rheinland artikuliert. Dabei wird Albert Leo Schlageter aus Schönau im Wiesental gefasst und 1923 von der Besatzungsmacht wegen terroristischer Anschläge hingerichtet. Für die Nazis wird er zum Martyrer und Martin Heidegger bejubelt 1933 vor der Universität Freiburg Schlageter am 10. Jahrestag der Hinrichtung als jungen deutschen Helden, der den schwersten und größten Tod gestorben ist, und legt den Studenten dieses Urgestein sowie dessen Härte des Willens und Klarheit des Herzens nahe [Zing06].

 

Schließlich kommt es 1924 dank Stresemanns und Briands zu einer Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich, die mit dem Vertrag von Locarno besiegelt wird.

 

Aristide Briand, Austen Chamberlain und Gustav Stresemann in Locarno

 

Moskau gibt Brot – Deutschland Tod

 

Und dennoch: Die nachhaltigen Folgen des Friedensvertrags von Versailles sind weiterhin im Grenzland besonders zu spüren. Not und Arbeitslosigkeit beherrschen die Schlagzeilen der Zeitungen.

 

Die drei besiegeln den Vertrag

 

In der Ausgabe vom 26. November 1931 berichtet die Freiburger Zeitung: An der Festhalle prangt seit einiger Zeit die Inschrift: Moskau gibt Brot – Deutschland Tod. In einer der letzten Nächte wurde dieser Vers durch angefügte Buchstaben wie folgt umgewandelt: Moskau gibt Brotkarten – Deutschlands Tod kann warten. Wie lange noch?

 

Die Bestimmungen des Diktat- und Schandfriedens sind die Wurzeln unserer großen Not. Millionen arbeitslose Proleten, hunderttausende von Haus und Scholle vertriebener Bauern, ein zerbrochener Mittelstand, weinende Kriegerwitwen und ein Heer von hungernden Kindern, sie alle erheben fürchterliche Anklage gegen die Männer, die das System vierzehn Jahre lang aufrechterhielten, so die Propaganda der Nazis 1932 gegen das Versailler Diktat [Bräu83].

 

 

Student Goebbels in Freiburg ein grüner Heinrich?

 

Joseph Goebbels, wegen seiner körperlichen Behinderung im Ersten Weltkrieg nicht eingezogen, studiert im Frühjahr 1918 an der Universität Freiburg Philologie, Geschichte und Germanistik. Er schreibt schon damals eifrig Tagebuch: Die Stadt ist schön und angenehm. Die Leute hier zu Lande haben Zeit. Man sieht kaum einen Menschen hasten. Wir sind schon tief im Süden. Am Karlsplatz stehen Bänke. Die sind immer besetzt, morgens, mittags und abends. Ich sah überhaupt noch keine Bank, die nicht besetzt war.

 

Die Kastanien am Schlossberg stecken ihre weißen Kerzen an. Wenn ich Zeit habe - und wann hätte ich keine Zeit - schlendere ich zur Höhe hinauf. Unten liegt die Stadt. Wie die Kücken um die Glucke, so gruppieren sich die alten Häuser um das verwitterte Münster. Die Sonne spielt glitzernd in den roten Dächern der Neustadt. Ganz weit leuchtet das Land. In der Ferne tauchen schwimmend die Vogesen auf …

 

Er hat Zeit und interessiert sich damals auch eher für die badischen Mädchen denn für Politik. Er berichtet schamhaft, dass er mit einer Hertha Holk in  Gottfried Kellers Roman Der grüne Heinrich gelesen habe. Zum Abschied schreibt die Dame ihm: Es ist ein Genuss, für das, was man liebt, Opfer zu bringen. Diesen Satz muss Joseph, wie die Geschichte uns lehrt, gründlich missverstanden haben [Stad44].

 

 

 

 

Abends gehe ich durch enge, menschenleere Gässchen am Münster vorbei nach Hause. Manchmal höre ich dann nur meinen eigenen Schritt. Kosend spielt die Abendluft um mein Gesicht. Wenn ich stille stehe, dann höre ich, wie irgendwo ein Brunnen murmelt und plätschert.

 

Und dann gab es noch den stillen, alten Friedhof, auf dem Goebbels offenbar gern weilte. Vor mir sprüht ein Brunnen seinen feinen Regen in die heiße Luft. Kastanien wölben breit ein Dach über meinen Platz. Über die grünbesponnenen Grabsteine rankt sich bescheiden der Efeu. Und den Markt! Da stehen herrlich gewachsene Schwarzwälderfrauen und verkaufen Blumen. - Wie farbenprächtig dieses Bild: im Hintergrunde ragt das Münster, ernst und feierlich, rotbraun, davor die Blumenstände und die Frauen in den schwarzen Kleidern mit den roten Umschlagetüchern [Wern01].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Dritte Reich

 

 

Zurück zum 2. Reich

 

 

 

 

Die letzten freien Wahlen

 

Es hat übrigens nichts mit dem Aufenthalt Goebbels in Freiburg zu tun, dass die NSDAP im Breisgau bereits vor 1933 recht aktiv ist. Doch in der Stadt verhindern eine bodenständige Zentrumspartei und eine starke Sozialdemokratie eine vorzeitige Machtübernahme der Nazis, so wie sie ausgerechnet in der Goethestadt Weimar schon 1932 erfolgt.

 

Das Jahr 1932 sieht zwei Wahlen zum Reichstag. Zwei Tage vor der Wahl vom 31. Juli kommt Hitler mit dem Flugzeug nach Freiburg und hält eine Kundgebung in dem von Juden finanzierten Mösle-Stadion des Freiburger Fußballclubs. Auch wenn der Eintrittspreis eine Reichsmark beträgt, wollen 30.000, nach Angaben des FFC, 50.000, nach Berichten der Presse oder 90.000, so die NSDAP, Teilnehmer aus Baden, der Schweiz und dem Elsass den Vorsitzenden hören. Ohrenzeugen berichten, dass Hitlers Rede vergleichsweise schlecht gewesen sei.

 

Schlug ihm die geballte Ablehnung von Zentrum und SPD aufs Gemüt oder war er nervös so kurz vor dem Wahltermin? Er war wohl nur müde, fliegt er doch anschließend noch nach Radolfzell zu einer vierten Wahlveranstaltung an nur einem Tag. Hitlers Anstrengung zahlt sich aus, denn die Zahl seiner Mandate steigt von 107 auf 230 an, fast 100 mehr als die SPD. Die NSDAP wird mit 37,3% stärkste Kraft im Reichstag.

 

Doch jetzt überspannt Hitler den Bogen mit seiner Forderung nach bedingungsloser Regierungsverantwortung. Außerdem sind viele seiner gemäßigten Anhänger unzufrieden mit radikalen Entwicklungen in der Partei. So bleibt der Rückschlag nicht aus. Nach der Wahl am 6. November bleibt die NSDAP zwar stärkste Kraft, büßt jedoch Stimmen ein, und kommt nur noch auf 33,1%. Hatten die Nazis den Zenit überschritten?

 

 

Ein irdisches Reich in der Pracht und Herrlichkeit

 

Rechte Kreise feiern an Stelle des Verfassungstags der Republik am 11. August von je her den Jahrestag der Gründung des Bismarckreiches am 18. Januar. So beschwört der deutsch-nationale, badische Landtags-abgeordnete Dr. Schmitthenner in Freiburg an eben dieser Reichsgründungsfeier im Jahre 1933 die Stärkung des deutschen Wehrgedankens im Glauben an ein kommendes großes Deutsches Reich, das die deutschen Kräfte nützt und die Schwächen ausmerzt, Kapital und Arbeit versöhnt, ein irdisches Reich in der Pracht und der Herrlichkeit [Bräu83]. Knapp zwei Wochen später darf Schmitthenner annehmen, dass sich mit der Machtergreifung Hitlers sein gespenstischer Wunsch erfüllt hat. Daran ändern auch Plakate prophetischen Inhalts der SPD zur Reichstagswahl 1932 aus dem Bezirk Schopfheim nichts.

 

 

Collective nervous breakdowns

 

Viele kluge Monographien sind über die Ursachen, die zum Untergang der Weimarer Republik geführt haben, geschrieben worden. Simon Winder dagegen gelingt es, in seinem Buch Germania die Gründe in einem einzigen Satz zu vereinfachen: This layer upon layer of catastrophe - the war, the Versailles Treaty, hyper-inflation, the Depression - provided so many individual German families with reasons to have collective nervous breakdowns that there is no point in hunting for deeper roots [Wind10].

*Diese aufeinanderfolgenden Katastrophen — der Krieg, der Versailler Vertrag, Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise — lieferten so vielen deutschen Einzelfamilien Gründe für kollektive Nervenzusammenbrüche, dass es müßig ist, nach tieferen Wurzeln zu forschen.

 

This page was last updated on 17 November, 2018