Joseph Thaddäus von Sumerau

Regierungspräsident Joseph Thaddäus von Sumerau

Freiburgs Geschichte in Zitaten

1789

 

Allons enfants de la patrie ...

 

Erstürmung der Bastille am 14. Juli 1789. Gemälde von Hippolyte Lalaisse

Die Urgewalt der Französischen Revolution macht alle Bemühungen Österreichs um eine Verständigung mit Frankreich zunichte. Als die Kunde vom Aufstand in Paris nach Weimar dringt, schreibt Karl Ludwig von Knebel an seine Herzogin Anna Amalia: Uns alle reizt jetzt das grosse Schicksal von Frankreich. In der Tat setzt dieses der Aufklärung und den Fortschritten dieses Jahr-hunderts gleichsam die Krone [?] auf ... Frankreich wird dadurch die Erste Nation der Welt.

 

 

 

Die Nationalversammlung beseitigt das Feudalregime vollständig, als der dritte Stand im Dekret vom 11. August 1789 die Abschaffung der Vorrechte von Adel und Kirche verkündet. Klopstock, mögliche Folgen dieses unerhörten Vorgangs nicht bedenkend, jubelt in leidenschaftlicher Begeisterung: Frankreich schuf sich frei. Des Jahrhunderts edelste Tat hub da sich zu dem Olympus empor! [Sall09]. Auch Hegel nennt in seinen Berliner Vorlesungen die Revolution einen herrlichen Sonnenaufgang und stellt dann fest: Ein Enthusiasmus des Geistes hat die Welt durchschauert, als sei es zur wirklichen Versöhnung des Göttlichen mit der Welt erst jetzt gekommen [Leic10].

 

Hegel, Hölderlin und Schelling pflanzen in Tübingen einen Freiheitsbaum und umtanzen ihn, revolutionäre Lieder singend [Crai93]. Goethe dagegen pflanzt nicht, sondern malt auf dem Rückzug von der misslungenen Campagne in Frankreich im 1. Koalitionskrieg den Freiheitsbaum, der als Beutegut im Innenhof der Trierer kurfürstlichen Residenz lagert, und setzt ihn in eine idyllische Landschaft.

 

 

 

* Vorbeigehende, dieses Land ist frei

 

Heine mag daran gedacht haben, wenn er rund 50 Jahre später über den Einfluss der Texte des Meisters auf die revolutionäre Gesinnung der Deutschen schreibt: Die Goetheschen Meisterwerke zieren unser teures Vaterland, wie schöne Statuen einen Garten zieren. Man kann sich darin verlieben, aber sie sind unfruchtbar. Die Tat ist das Kind des Wortes, und die Goetheschen Worte sind kinderlos.

 

 Viele Deutsche, die sich bisher mit ihrer teutschen Freyheit gegenüber dem angeblich so versklavten Frankreich über die machtpolitische Ohnmacht des Reiches hinweggetröstet hatten, sind angesichts des Freiheitsrausches im Nachbarland verunsichert, verstehen die Welt nicht mehr. Bewunderung macht sich breit. Plötzlich erinnert man sich gemeinsamer germanischer Wurzeln:

 

Die Edlen, die nicht mehr an alter Seuche Kranken,
Nennt nicht Franzosen mehr! Sie heißen edle Franken!
Begriff und Wort Franzos ist nur für das geprägt,
Was noch im Mund und Schoß die alte Seuche hegt!
[Schm99].

 

Wie steht es denn wirklich um die vielbeschworene teutsche Freyheit? Friedrich Karl von Moser hatte 1785 erkannt: Jede Nation hat ihre große Triebfeder. In Deutschland ist's Gehorsam, in England Freiheit, in Frankreich die Ehre des Königs [Crai82]. Nun ist es im Nachbarland mit der Ehre des Königs nicht mehr weit her.

 

 

Gewalt statt Recht

 

Im März 1791 tritt der neue österreichische Regierungspräsident Joseph Thaddäus von Sumerau, Neffe des ersten Statthalters in den Vorlanden Anton Thaddäus von Sumerau, in Freiburg sein Amt an. Er fürchtet ein Überschwappen der Ideen zur Befreiung von Absolutismus und Feudalismus über den Rhein, kann jedoch bald nach Wien melden, dass die Untertanen im Ganzen vollkommen ruhig seien und keine Lust zur französischen anarchischen Freiheit hätten [Quar02]. Vorsichtshalber lässt Sumerau von der Kanzel des Münsters eine öffentliche Warnung verkünden: dass aus getreuen ruhigen Unterthanen und Hausvätern, wie im Elsaß und in einigen anderen daran stoßenden französischen Ländern wirklich geschehen ist, Rebellen, Diebe und Mörder geworden sind, die den Gehorsam gegen ihre rechtmäßigen Obrigkeiten abwerfen und Gewalt anstatt Recht gebrauchen.

 

 

Man schätzt, dass damals bis zu 150 000 Bürger aller Bevölkerungsschichten vor der Revolution über den Rhein flohen. Alle Personen, die aus Frankreich nach Freiburg kommen, sind den Behörden verdächtig  Einem Monsieur Dandrée wird vorgeworfen, die Unterthanen diesseits des Rheins zum Aufstand zu bewegen. Zu dessen Erzielung wolle er Elsässer und Lothringer gebrauchen, welche Deutsch sprechen und sich als arbeitssuchende Handwerksburschen ausgeben oder zu den Truppen anwerben lassen.

 

Sumerau führt in den Vorlanden die Zensur wieder ein, kann aber das Einschleusen revolutionärer Schriften nicht unterbinden. Deshalb schreibt er an den Außenminister Johann Ludwig Graf von Cobenzl nach Wien: Ein Reichsgesetz muß der leidigen Preßfreiheit und dem unseligen Illuminatentum die schärfsten Schranken setzen, sonst helfen alle einzelnen Anordnungen und Bücherverbote etc. nichts [Quar02].

 

 

Johann Georg Jacobi

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kurfürst und
Erzbischof von Köln

 

 

Ein pur Poet und Belletriste und ein dummes Organ

 

Schließlich verdächtigt man sogar hochangesehene Bürger als angebliche Sympathisanten der Revolution, wie den Professor der schönen Künste Johann Georg Jacobi (1740-1814). Der hatte 1792 als Rektor der Universität an den französischen Nationalkonvent geschrieben und um die Erhaltung der Universitätsbesitzungen im Elsass gebeten. Regierungspräsident Sumerau verbietet die Absendung der Denkschrift, enthält sie doch zuviel Kriechendes und für die gegen alle vernünftigen Maximen handelnde französische herrschende Volksparthey zu viel Lob und gleichsam Beyfall ihrer Abscheu erregenden Handlungen [Quar02]. Er schreibt über Jacobi nach Wien: Er ist ein pur Poet und Belletriste und ein dummes Organ des bekannten markgräflich badenschen Hofrats Schlosser, der Schwager Goethes), welcher sich unter andrem vorzüglich durch seine demokratischen Gesinnungen bey seinem Hof verhaßt machte ... Ich wünschte auch, Jacobi wäre mit seiner Ästhetik in Halberstadt verblieben: das Land und die hiesige Universität hätten wenig dabey verloren, ausgenommen, daß letztere über einen Toleranzakt weniger sich hätte rühmen können.* Noch scheint mir, könnte man ihn entbehren: diese Erspahrniß für die hiesige Universität dörfte ganz am rechten und unschädlichen Platze seyn. Es würde auch jemand unter den hiesigen Professoren sich vorfinden, welcher über das Schöne den Studenten etwas aus einem Buche vorlese und sie Lateinisch lehrte ... Weit entfernt aber bin ich zu wünschen, daß Jacobi soldungslos werden möchte. Er könnte an einer anderen Universität ... angestellt werden. Wo er aber hinkäme, wäre er zu beobachten, damit er seinen Schülern kein Freiheitsgift beibrächte [Quar02].

*Die Aufnahme des Protestanten Jacobi im Lehrkollegium

 

 

Am meisten zu Revolutionen des Geistes aufgelegt

 

Über den Einfluss der Französischen Revolution schreibt der Professor für Naturgeschichte in Halle Johann Reinhold Forster: Unsere deutschen Fürsten wollen von den Anstrengungen der französischen Nation, die Freiheit zu gewinnen, nichts hören, und sie fürchten, dass diese Denkungsart sich auch in Deutschland ausbreiten könnte [Sall09]. Da klingt sein Sohn Georg Forster wohl mit den Erfahrungen als Mitbegründer der Mainzer Republik anders, wenn er meint: In Deutschland muss die Revolution von oben kommen, denn unser rohes, armes, ungebildetes Volk ist nicht reif für die Selbstbestimmung [Piep10].

 

Auch der Jenaer Philosoph Carl Leonard Reinhold beruhigt die Obrigkeiten mit dem schlagenden Argument: Teutschland ist unter allen übrigen europäischen Staaten am meisten zu Revolutionen des Geistes, am wenigsten zu politischen aufgelegt. Goethe meint, dass man in Deutschland künstlicherweise ähnliche Szenen herbeizuführen trachte, die in Frankreich Folge einer großen Notwendigkeit waren [Crai93]. So sieht auch Kaiser Leopold II. (1790-1792) im fernen Wien keine Gefahr, da unsere Nation ...  weder so verdorben, noch so gedrückt, noch so enthusiastisch ist [Haum01].

 

Der bekannte Adolph Freiherr Knigge verzichtet vor lauter Begeisterung für die Französische Revolution auf sein „von“ muss aber eingestehen, dass die Zersplitterung Deutschlands einer revolutionären Bewegung hinderlich ist: Wir haben nicht, wie Frankreich nur Einen Mittelpunct, sondern einen Menge Höfe [Eren10].

 

Napoleon urteilt militärisch knapp: Die Deutschen machen keine Revolution. Sie sind nicht Mörder genug [Fisc06].

  

 Schließlich hat Lenin uns Deutschen die Fähigkeit zur Revolution ganz abgesprochen: Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas. Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte.

 

 Wo sie Recht haben, da haben sie Recht. Zwar gibt es in deutschen Landen wie in Frankreich die über Jahrhunderte gewachsenen Dreiständegesellschaft, doch die bekannten Reformen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch aufgeklärte Fürsten wie etwa in Preußen und Österreich hatten eine Menge sozialen Zündstoffs beiseite geräumt. Den Handwerkern und Kaufleuten ist wenig an revolutionären Neuerungen gelegen. Bleiben die Bauern, die zwar immer noch in der Abhängigkeit der kirchlichen und weltlichen Grundbesitzer leben, denen aber mit der Aufhebung der Leibeigenschaft ein Hauptargument ihrer Erhebungen in der Reformationszeit abhanden gekommen ist.

 

Trotzdem macht sich der Reichstag von 1791 große Sorgen wegen der Verbreitung aufrührerischer Schriften. Kurköln empfiehlt den Ständen, daß gegen alle Franzosen und Deutsche, welche die demokratischen Grundsätze öffentlich oder heimlich ausbreiten würden, nach Beschaffenheit der Umstände mit Leibs- und Lebensstraf verfahren werden soll, zu welchem Ende alle dergleichen Grundsätze enthaltenden Bücher zu verbieten und von den Ortsobrigkeiten zu confizieren seyn [Schm99].

 

 

 

 

 

 

 

Karikatur auf den Freiheitsbaum:

Nau wie soll mir's gefallen, s'is außer a Baeumche ohne Wurtzel, un a Kaepla ohne Kopf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Mainz:

Einheit
Unzertrenlichkeit
der Republick

sowie
 Freyheit, Gleichheit,
Brüderliebe oder Todt

Besorgt um ihre eigene Herrschaft
intervenieren die absoluten Herrscher Mitteleuropas

 

In der Pillnitzer Deklaration vom August 1791 stellen Österreichs Leopold II. und Preußens Friedrich Wilhelm II. (1786-1797) eine Intervention in Frankreich zugunsten einer den Rechten des Souveräns und den Interessen der Nation gleichmäßig angemessenen monarchischen Regierung in Aussicht. Nach dieser müden Erklärung tritt Louis XVI die Flucht nach vorn an, indem er der Nationalversammlung im April 1792 vorschlägt, Österreich den Krieg zu erklären, was die Abgeordneten mit begeisterten Vive le Roi Rufen quittieren. Louis‘ Kalkül: Bei einem Sieg Österreichs wird er wieder in seine vollen Rechte eingesetzt, gewinnen die Revolutionäre, kann er sich als der Retter Frankreichs feiern lassen. Da kommt den begeisterten Massen das Kriegslied* für die Rheinarmee des Claude Joseph Rouget de Lisle vom 25. April 1792 gerade recht. Doch erst im Juli erklärt Frankreich Österreich den Krieg, nachdem der Kommandeur der österreichisch-preußischen Interventionstruppen Feldmarschall Karl Wilhelm Ferdinand Herzog zu Braunschweig-Lüneburg (1735-1806) am 25. Juli in Mainz ein Manifest hatte drucken lassen, in dem er bei der geringsten Beleidigung des Königs oder seiner Familie eine ewig unvergessliche Rache ankündigt: Paris werde gebrandschatzt und dem Erdboden gleichgemacht [Sont10]. Darauf stürmt das Volk in blinder Wut am 10. August den Tuilerien-Palast und verschleppt die königliche Familie in eine Festung [Piep10].

*La Marseillaise

 

Mit der Kriegserklärung sind die habsburgischen Besitzungen am Oberrhein direkt bedroht, denn der Forderung des französischen Journalisten und Führers der Girondisten Jacques Pierre Brissot (1754-1793) nach einem Kreuzzug für die Freiheit der Welt folgt der Nationalkonvent mit dem Beschluss vom 15. Dezember 1792: Die Fränkische Nation erklärt, daß sie dasjenige Volk als ihren Feind behandeln wird, welches die ihm angebotene Freiheit und Gleichheit nicht annehmen würde [Otto09, Moli10]. Demnach  gehört es zu den Kriegszielen der Französischen Republik nicht nur, der Rhein zur natürlichen Grenze Frankreichs zu machen, sondern auch die Freiheit durch Befreiung in andere Länder Europas zu tragen. Der Freiburger Regierungspräsident Sumerau wendet sich direkt an den Kaiser: Mir blutet das Herz, wenn ich denke, dass diese guten, treuen Untertanen dem Raub und Mord ihrer Nachbarn, dieser Kannibalen, ausgeliefert werden sollen [Kage81]. Zur Abwehr und moralischen Stärkung schmiedet man in deutschen Landen markige Verse:

 

Hört Franken, Frankenclaven, wir sind frey;
Wir hassen Mord und Tyranney ...
Für Gott und Herrn, für Weib und Kind,
Für Haus und Hof die unser sind,
Ziehn mutig wir das Schwerd,
Und unsre treue Bürgerhand,
Kämpft mannhaft für das Vaterland
Und unsern eignen Herd
[Schm99].

 

 

Für wen soll der deutsche Grenadier
sich auf die Batterie und in die Bajonette stürzen?

 

Doch die im obigen Gedicht ausgedrückte Hoffnung, dass die ganze teutsche Nation nunmehro en masse sich zu erheben anfange erfüllt sich nicht. In Schwaben kommt es 1791 sogar zu einem Boykott des Landvolks: Wenn ihr aufgefordert werdet wider Frankreich in's Feld zu ziehen, so stellet keinen Mann, kein Pferd, leistet keine Fourage und keinen Vorspann; denn ihr würdet nur dem französischen Adel zuliebe euere Söhne zur Schlachtbank führen [Bade82].

 

Da nützt auch die Freiburger Aufklärungsbroschüre: Ernste Winke an die Deutschen zur Vertheidigung der Rheinufer wenig, in der vor Frankreichs beyspielloser Sittenverderbniß, Umsturz der Religion, Unsicherheit des Eigenthums und der Personen nebst allen übrigen schreckenden unseeligen Folgen der gewaltsamen französischen Staatsumwälzung gewarnt wird [Haum01]. So bleibt selbst im besonders gefährdeten Breisgau die Volksbewaffnung in den Anfängen stecken, zumal man in Wien von solchen Plänen erst gar nichts hören möchte.

 

Im Vorwort zu seinem Reisebericht Mein Sommer 1805 erklärt Gottfried Johann Seume: Der Franzose ohne Unterschied schlägt sich für ein Vaterland, das ihm nun lieb geworden ist, das ihm und seiner Familie eine gleiche Aussicht auf alle Vorteile vorhält und diese Vorteile wirklich gewährt. Nur der Mann wird gewürdigt nach dem, was er gilt, bei uns wird die Schätzung genommen nach dem, was das Kirchenbuch spricht, der Geldsack des Vaters wiegt oder das Hofmarschallamt vorschreibt. Und so fragt Seume sozialkritisch: Für wen soll der deutsche Grenadier sich auf die Batterie und in die Bajonette stürzen? Er bleibt sicher, was er ist und trägt seinen Tornister so fort und erntet kaum ein freundliches Wort von seinem mürrischen Gewalthaber. Er soll dem Tode unverwandt ins Auge sehen, und zu Hause pflügt sein alter, schwacher Vater fronend die Felder des gnädigen Junkers, der nichts tut und nichts zahlt und mit Mißhandlungen vergilt. Der Alte fährt schwitzend die Ernte des Hofes ein und muß oft die seinige draußen verfaulen lassen, und dafür hat er die jämmerliche Ehre, der einzige Lastträger des Staats zu sein, eine Ehre, die klüglich nicht anerkannt wird! Soll der Soldat deshalb mutig fechten, um eben dieses Glück einst selbst zu genießen? Er soll brav sein, und seine Schwester oder Geliebte muß auf dem Edelhofe zu Zwange dienen, jährlich für acht Gülden, oft ohne Aussicht ein Jahr um das andere ihr Leben lang; und seine alte, kranke Muhme, die kaum trockenes Brot hat, muß ihren zugewogenen Haufen Flachs spinnen für den Hof, damit ihr nicht die Hilfe geschehe; und sein kleiner Bruder muß Botschaft laufen in Frost und Hitze für einen Groschen den Tag. Der kleine Landmann fährt und zieht und gibt; auf den großen Höfen rührt sich kein Huf und dreht sich kein Rad. Das nennt man denn Staat und gute Ordnung und Gerechtigkeit, und fragt noch, woher das öffentliche Unglück kommt! [Seum06].

 

 

1. Koalitionskrieg (1792 - 1797)

 

Als Leopold II. im Jahre 1792 stirbt, wird eilig sein Sohn Franz zum deutschen Kaiser gewählt. Goethe sieht in der Krönungsfeier Franz' II. (1792-1835) am 14. Juli (sic!) ein wenig zeitgemäßes Kostümfest und angesichts der politischen Lage den Kaiser nur als Gespenst Karls des Großen [Heim04]. Im Freiburger Münster findet anlässlich der erfolgreichen Wahl ein Dankopfer statt.

 

Schnell wollen die beiden deutschen Großmächte im 1. Koalitionskrieg, dem Spuk im Nachbarland ein Ende bereiten. Sie erwarten von dem Heer der Sansculottes keinen Widerstand und sprechen von einem Spaziergang nach Paris, doch bereits nach der berühmten Kanonade von Valmy ist der Elan der schlecht organisierten und mangelhaft versorgten Verbündeten dahin. Goethe, der als eingebetteter  Berichterstatter über die Kampagne in Frankreich seinem Herzog Carl August (1758-1815) gefolgt ist, muss schließlich vom Rückzug der Alliierten berichten. Als er mit seinem Pferd fast im Schlamm versinkt, fehlen selbst ihm die Worte, wenn er an seinen Lebensgefährtin Christiane schreibt: Das Elend, das wir ausgestanden haben, lässt sich nicht beschreiben. Ich für meine Person singe den lustigsten Psalm Davids dem Herrn, daß er mich aus dem Schlamme erlöst hat, der mir bis an die Seele ging [Safr09]. Herdern schildert er den Feldzug als einen bösen Traum, der mich zwischen Koth und Noth, Mangel und Sorge, Gefahr und Qual, zwischen Trümmern, Leichen, Äsern und Scheishaufen gefangen hielt. In diesem bösen Traum erkennt unser Nationaldichter aber auch die historische Bedeutung der Ereignisse, obgleich er seinen berühmten Satz: Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen, erst 30 Jahre später in seinem Bericht über die Campagne in Frankreich formuliert hat.

 

Die Kanonade von Valmy mit der berühmten Mühle. Gemälde von Jean-Baptiste Mauzaisse (Versailles)

Auf dem Rückweg von diesem Desaster nach Weimar muss Goethe während eines Besuchs beim Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi in Pempelfort in der Nähe Düsseldorfs feststellen: Die französische Revolution infiziert bereits die gebildeten Schichten.

 

Ähnlich wie andere rechtsrheinische Städte ist auch Düsseldorf von französischen Emigranten überlaufen. Dort besucht Goethe mit Pempelforter Freunden die Kunstakademie und sieht Lafayettes und Mirabeaus Büste, von Houdon sehr natürlich und ähnlich gebildet, ... hier göttlich verehrt, jenen wegen seiner ritterlichen und bürgerlichen Tugenden, diesen wegen Geisteskraft und Rednergewalt. So seltsam schwankte schon die Gesinnung der Deutschen; einige waren selbst in Paris gewesen, hatten die bedeutenden Männer reden hören, handeln sehen und waren, leider nach deutscher Art und Weise, zur Nachahmung aufgeregt worden, und das gerade zu einer Zeit, wo die Sorge für das linke Rheinufer sich in Furcht verwandelte.

 

Indessen das Unheil der französischen Staats-Umwälzung, sich immer weiter verbreitend, jeden Geist, er mochte hin denken und sinnen, wohin er wollte, auf die Oberfläche der europäischen Welt zurückforderte und ihm die grausamsten Wirklichkeiten aufdrang ... wird aus der Furcht Angst ... und nun erwartete man mit Entsetzen die Kriegsläufe schon wieder in den Niederlanden, man sah das linke Rheinufer und zugleich das rechte bedroht.

 

 

Die Mainzer Republik

 

 In der Tat. Französische Revolutionsheere nehmen die österreichischen Niederlande (Belgien) sowie Savoyen ein, dringen an den Rhein vor und erobern Worms, Speyer und Frankfurt. Nachdem General Adam Philippe de Custine von Landau kommend am 23. Oktober 1792 die Festung Mainz kampflos besetzt hatte, errichten die Franzosen auf dem Markt der Stadt einen Freiheitsbaum und gründen am 3. November 1792 auf dem Boden des geistlichen Kurfürstentums die Mainzer Republik. Custine lässt zwei Bücher im kurfürstlichen Schloss auslegen, in die sich die Mainzer Bürger eintragen können: Das Buch des Lebens mit der Freiheitsmütze, den französischen Nationalfarben geziert und in roten Saffian gebunden sowie das Buch der Sklaverei mit Ketten umwunden und umhüllt lediglich mit schwarzem Papier. Dann verkündet der Stadtkommandant den Bürgern: Euer eigener ungezwungener Wille soll Euer Schicksal entscheiden. Selbst dann, wenn Ihr die Sklaverei den Wohltaten vorziehen werdet, mit denen die Freiheit Euch winkt, bleibt es Euch überlassen zu bestimmen, welcher Despot Euch Eure Fesseln zurückgeben soll [Moli10].

 

 

Laßt uns den Rhein ...

 

Nach dem Einfall der Revolutionsheere in Deutschland hört man jetzt andere Töne als noch im Jahre 1791: Gerechter Gott! Die freien Franzosen zwingen zur Freiheit! [Moli10]. In Freiburg findet man:  Der Beobachtung des denkenden Deutschen sei es vorbehalten, aus fremder Verwirrung die heilsame Lehre zu ziehen, sein Vaterland vor der ansteckenden Seuche jener grausamen Staatsumwälzung mit Rath und Tath zu schützen, deren Folgen kein menschlicher Verstand zu berechnen vermag [Bade82]. Den vorrückenden Girondisten droht der inzwischen greise Johann Wilhelm Ludwig Gleim:

 

Laßt uns den Rhein, Ihr Allesnehmer!
Wo nicht, so habt ihr neuen Krieg!
Und dann, und dann, so sind wir Schwärmer,
Und unser ist der letzte Sieg! ...
Und setzt dem Frieden weiter keine
So kriegerische Hindernis!
Wo nicht, so nehmen wir die Seine
Zur deutschen Grenze, seid gewiß!
[Schm99].

 

Während das im schweizerischen Arlesheim residierende Basler Domkapitel wegen des wenig katholischen Benehmens der Revolutionsarmee und der Drohung der Kirchenschließung bittet, wieder im Freiburger Münster Messe lesen zu dürfen, lässt Regierungspräsident Sumerau angesichts der wachsenden französischen Bedrohung Freiburgs im Herbst 1792 die vorderösterreichische Verwaltung und die Justizbehörden nach Konstanz verlegen. Er selbst bleibt in Freiburg, um die Oberaufsicht über die Verteidigungsanstrengungen der Stadt zu behalten.

 

 

Levée en masse

 

Im Jahr 1793 sterben König Louis XVI und seine Frau Marie Antoinette durch die Guillotine. Jetzt treten der antifranzösischen Koalition Großbritannien, Holland, Spanien, Sardinien, Neapel, Portugal und das Deutsche Reich bei. So kommt es zu einer kurzfristigen Rückeroberung der Niederlande durch die Alliierten. Im königstreuen Vendée brechen Aufstände und in Paris Unruhen wegen Preissteigerungen los. Um die bedrohliche Lage besser in den Griff zu bekommen, setzt der Nationalkonvent am 4. April einen neunköpfigen Wohlfahrtsausschuss ein. Als die Girondisten gegen eine Festlegung des Getreidepreises stimmen, verhaften die Jakobiner am 2. Juni unter dem Jubel der Massen zweiundzwanzig von ihnen. Am 24. Juni nimmt der Nationalkonvent die republikanische Verfassung an. Als am 15. Juli der Jakobiner Jean Paul Marat von Charlotte Corday ermordet wird, richtet sich der Verdacht auf die Girondisten.

 

 Wegen der bedrohlichen militärischen Lage beschließt der Konvent am 28. August la levée en masse: Die jungen Männer werden in den Kampf ziehen, die verheirateten werden Waffen schmieden, das Heer versorgen und den Unterhalt der Nation sichern. Die Frauen werden Uniformen und Zelte nähen und in den Krankenhäusern Dienst tun. Die Kinder werden Leinen zupfen und ihre reinen Hände zum Himmel erheben. Die Greise werden das Beispiel der alten Völker nachahmen, sich auf die öffentlichen Plätze tragen lassen, den Kriegern Mut und Hass gegen die Könige zu predigen. Die Republik ist nur noch eine belagerte Festung. Frankreich darf nur noch ein einziges Zeltlager sein [Sont10]. Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht für Männer zwischen 18 und 25 Jahren hat gegen Ende 1793 die Republik 750 000 Mann unter den Waffen. Das Kriegsglück wendet sich wieder.

 

 

Einige von ihnen flüchteten nach Paris

 

Nun tobt der Krieg in der Kurpfalz. Berühmt ist Goethes Kriegsbericht über die Belagerung von Mainz durch die Alliierten, vornehmlich Preußen. Die republikanische Stadt fällt nach dreimonatiger Belagerung am 23. Juli 1793. Über die Folgen für die Zivilbevölkerung berichtet ein französischer Soldat im August des gleichen Jahres: Von Mainz will ich Ihnen nicht sprechen, weil die Nachrichten bei Ihnen gewiß bekannt sind. Ich will Ihnen nur sagen, daß wir uns an dem Tage, an dem ich Ihnen schrieb, bis unter die Mauern von Landau zurückgezogen und alles Vieh und alle Lebensmittel, die sich im Lande fanden, mit uns nahmen. Was wir nicht mitnehmen konnten, verbrannte oder verwüstete man. Wir haben den Einwohnern dieses Landes nichts gelassen als ihre Augen zum Weinen [Kleß07].

 

Doch damit nicht genug, wie Heine berichtet: Ach! unsere armen Vorgänger in Deutschland mußten für jene Revoluzionssympathie sehr arg büßen. Junker und Pfäffchen übten an ihnen ihre plumpsten und gemeinsten Tücken. Einige von ihnen flüchteten nach Paris und sind hier in Armuth und Elend verkommen und verschollen. Ich habe jüngst einen blinden Landsmann gesehen, der noch seit jener Zeit in Paris ist; ich sah ihn im Palais- Royal, wo er sich ein bischen an der Sonne gewärmt hatte. Es war schmerzlich anzusehen, wie er blaß und mager war und sich seinen Weg an den Häusern weiterfühlte. Man sagte mir, es sey der alte dänische Dichter Heyberg. Auch die Dachstube habe ich jüngst gesehen, wo der Bürger Georg Förster gestorben. Den Freyheitsfreunden, die in Deutschland blieben, wäre es aber noch weit schlimmer ergangen, wenn nicht bald Napoleon und seine Franzosen uns besiegt hätten. Napoleon hat gewiß nie geahnt, daß er selber der Retter der Idelogie gewesen. Ohne ihn wären unsere Philosophen mitsammt ihren Ideen durch Galgen und Rad ausgerottet worden. Die deutschen Freyheitsfreunde jedoch, zu republikanisch gesinnt, um dem Napoleon zu huldigen, auch zu großmüthig, um sich der Fremdherrschaft anzuschließen, hüllten sich seitdem in ein tiefes Schweigen. Sie gingen traurig herum mit gebrochenen Herzen, mit geschlossenen Lippen [Hein40].

 

 

Die Stadt Breisach hat aufgehört zu bestehen

 

Nach einer Kanonade vom 15. bis 19. September 1793 nehmen die Revolutionstruppen  des Reiches Schlüssel Alt-Breisach ein.  Eine Schweizer Zeitung meldet: Die Stadt Breisach hat aufgehört zu bestehen. Der republikanische Blitz hat sie vernichtet. 577 Häuser, die 2700 Einwohnern als Wohnungen dienten, sind verschwunden [Auss08].

 

Beim Bombardement Breisachs durch französische Revolutionstruppen
 wird die Stadt vollständig zerstört

Angesichts dieser Katastrophe veröffentlicht Regierungspräsident Sumerau einen Aufruf zur Unterstützung der verunglückten Bewohner von Altbreisach: Durch den unmenschlichen Plan der Franzosen ist die Stadt Altbreisach vom 15ten bis 19ten dies Monats durch ununterbrochenes und heftiges Bombardieren in Schutt und Asche gelegt worden. Aller Widerstand der kaiserlichen Truppen war fruchtlos. Zwar bestrebte man sich von einer Schanze in der Stadt und von der Batterie auf dem Ekhardsberg durch unaufhörliches Feuer die feindlichen Batterien zu zerstören und ihre Kanonen zum Schweigen zu bringen; aber das feuerfeste Fort Mortier trotzte jedem Bestreben der kaiserlichen Artillerie, und der ruhmwürdigen Standhaftigkeit der übrigen Mannschaft. Retten konnten die armen Bewohner, außer ihrem Leben nichts mehr; denn die Zerstörung geschah zu unvorhergesehen, zu plötzlich! Sie suchten die Ihrigen, zerstreut durch Kugeln, Bomben und Flammen, und fanden sie betäubt, zusammengeworfen vom Unglück – sie flohen zu den benachbarten Orten und flehten um Obdach, um Nahrung und Kleider.

 

Man bat um milde Beiträge; aber zu gleicher Zeit nahm das Unglück der Kehler* das Mitleid fast noch mehr in Anspruch [Auss08].

*Die Bewohner Kehls erleiden ein ähnliches Schicksal wie die Breisacher

 

 

Le sieur Gille, publiciste Allemand, devient citoyen François

 



Das Gesetz, Loi du 25 Août 1792, l'an quatrième de la Liberté, unterzeichnet von George Danton höchst selbst macht le sieur Gilles, publiciste Allemand, zum Ehrenbürger Frankreichs.

 

 

Hatte bei der Nachnominierung zum Bürger Frankreichs le membre de'Assemblée Nationale, der den Namen Schillers so arg verstümmelt, etwa des Dichters Frühwerk Les brigands (Die Räuber) im Sinn oder sind Ähnlichkeiten mit den negativen Entwicklungen in Frankreich rein zufällig? So wie beim Dichter der Freiheit der eigentlich gute Mensch Karl als Oberräuber immer tiefer in einen Teufelskreis von Unrecht und Gewalt gerät, so gleiten die Ideale der Französischen Revolution in das Regime des terreur ab, bei dem die Freiheitsidee pervertiert und viele Unschuldige ihr Leben lassen müssen. Und so kann Goethe ein wenig neidvoll nur spotten: Zu dem Bürger Dekrete, das Ihnen aus dem Reich der Toten zugesendet worden, kann ich nur in so fern Glück wünschen, als es sie noch unter den Lebendigen angetroffen hat [Hoyn10].

 

Wie sich an den Namen der Neufranzosen ablesen lässt, war der Einfluss der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung auf die Französische Revolution gewaltig. Auch Schiller ließ sich bei seinem Drama Wilhelm Tell von den Formulierungen in der Declaration of Independence inspirieren.

 

 

Wenn sich die Völker selbst befrein, da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

 

Auch Schiller entgehen die Entgleisungen der Französischen Revolution nicht und er hat 1793 eine eine Vision, wenn er angesichts des jakobineschen Terrors in Frankreich zu einem Freunde bemerkt: … das einzige Heil der Nation wird sein, daß ein kräftiger Mann erscheine, er möge herkommen, woher er wolle, der den Sturm beschwöre, auch wenn er sich zum unumschränkten Herrn nicht nur von Frankreich, sondern auch von einem Teil von dem übrigen Europa machen sollte [Schu02].  Im Lied von der Glocke hat Schiller dann 1799 resigniert festgestellt: Wenn sich die Völker selbst befrein, da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

 

 

Wer beschützt die Menge gegen die Menge?

 

Mit dem Loi des suspect* beginnt am 17. September 1793 die Schreckensherrschaft der Jakobiner. Sie richtet sich zunächst gegen die Führer der Girondisten, die alle hingerichtet werden. Zwar bittet Danton um Milde, doch auch er verliert im April 1794 unter dem Regime seinen Kopf. Vom 10. Juni bis zum 27. Juli 1794 sterben unter dem Diktator Maximilien Robespierre 1376 Personen unter der Guillotine.

*Gesetz über die Verdächtigen

 

Un ami du peuple von Carlyle

 

Während die deutschen Philosophen Kant, Fichte und Hegel die Gedanken der Französischen Revolution auch noch 1793 nach den Meldungen über die Schreckensherrschaft in Paris unterstützen, wenden sich Schöngeister wie Klopstock, Wieland und auch Goethe angeekelt ab. Schon Rousseau hatte festgestellt: Wenn man auf den Galgen und das Schafott zurückgreifen muss, ist unweigerlich alles verloren. Nach Voltaire muss die Revolution notwendig entgleisen, denn der unwissende Pöbel hat zur Selbstbildung weder Zeit noch Fähigkeit [Gros10]. Und so warnt und mahnt unser Nationaldichter in seinen Venezianischen Epigrammen:

 

Frankreichs traurig Geschick, die Großen mögens bedenken
Aber bedenken fürwahr sollen es Kleine noch mehr.
Große gingen zugrunde: doch wer beschützte die Menge
Gegen die Menge? Da war die Menge der Menge Tyrann.

 

Immerhin erhofft sich Hölderlin positive Entwicklungen für die Zukunft: Ich glaube an eine künftige Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles Bisherige schamrot machen wird. Und dazu kann Deutschland vielleicht sehr viel beitragen. Je stiller ein Staat aufwächst, um so herrlicher wird er, wenn er zur Reife kömmt. Deutschland ist still, bescheiden, es wird viel gedacht, viel gearbeitet, und große Bewegungen sind in den Herzen der Jugend, ohne daß sie in Phrasen übergehen wie sonstwo. Doch dann stellt er in Bezug auf seine Landsleute resigniert fest:

 

Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch und Sporn
Auf dem Ross von Holz mutig und groß sich dünkt,
Denn, ihr Deutschen, auch ihr seid tatenarm und gedankenvoll.
Oder kömmt, wie der Strahl aus dem Gewölke kömmt,
Aus Gedanken die Tat? Leben die Bücher bald?
[Crai93]

 

 Auch für den Historiker Georg Gottfried Gervinus - einer der sieben Göttinger Professoren, die 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung in hannöverschen Landen protestierten - haben Bücher einen negativen Einfluss auf den revolutionären Tatendrang der Deutschen: Das Leben hat sich bei uns gleichsam in die Bücher zurückgezogen, und unsere Bücher wissen vom wirklichen Leben wenig oder nichts. Seit Jahrhunderten haben wir das Handeln vergessen, und in einem Reich der Ideen gelebt ... Wir vergraben uns in ein süßes Spiel mit Empfindungen, in ein selbstgefälliges Spiel mit Gedanken, in ein genial geltendes Spiel mit Leidenschaften, um nur nichts mit der Thätigkeit und mit dem handelnden Leben zu tun haben zu müssen [Crai93].

 

Nach und nach frisst die Revolution ihre anfänglichen Helden. Hier erwischt es am 24. März 1794 auch den Baron Anacharsis Cloots, der als Deutscher mit dem oben erwähnten Loi du 25 Août 1792 Franzose geworden war und der Revolution als orateur du genre humain (Redner des Menschengeschlechtes) gedient hatte. Robespierre wird am 27. Juli 1794, dem 9. Thermidor des Jahres II durch Staatsstreich hinweggefegt und bereits am folgenden Tage guillotiniert.

 

Robespierre wird aufs Schafott geführt

 

Das bürgerliche Scharfschützencorps zu Freiburg

 

Nach dem Fall Breisachs entrichtet die Bürgerschaft von Freiburg nicht nur aus eigenen Mitteln eine freiwillige sehr beträchtliche Kriegsbeisteuer; sondern vereinigte sich auch zu einem freiwilligen Corps von 600 Mann, womit sie den übrigen vorländischen Gemeinden ein anfeuerndes Beispiel gab. Den 17. August 1794 war die feierliche Fahnenweihe, und der Tag wurde unter kriegerischen Uebungen festlich begangen. Die Fahne zeigte auf der einen Seite einen doppelten Adler mit den Worten: „Fürs Vaterland 1794"; auf der andern Seite zwei an einer Lanze gekreuzte Stuzer (Stutzer, Kurzgewehre) mit der Umschrift: „Das bürgerliche Scharfschützencorps zu Freiburg" [Schr25]. Diese traditionsgemäß grüngewandeten Jäger und Schützen werden im Sommer 1794 auf dem Münsterplatz vereidigt. Bis zum Herbst sind im Breisgau rund 7000 Männer des vorderösterreichischen Freiwilligenchor einsatzbereit [Spec10].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Louis XVI

 

 

 

 

 

General Moreau

 

 

 

 

 

Magistratsrath
Franz Xaver Caluri Obristlieutenant u. Comandant der
Freiburger Freiwilligen

1794-1800

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Franzosen Schreck Erzherzog Karl,

ein Bruder Kaiser Franz' (Gemälde im Schloss Munzingen)

Söldnerarmeen gegen soldats-citoyen

 

Die Söldnerarmeen der Alliierten sind dem Volksheer der Soldats-Citoyen nicht nur zahlenmäßig, sondern auch ideologisch unterlegen. Besonders in Preußen, welches sich im Osten durch die Dritte Polnische Teilung vergrößert, ist die Verteidigung des maroden Reiches im Westen unpopulär, denn man erkennt gegen die französische sans culotte ist kein Militair, nur die Masse der Nation ... erforderlich. Aus dieser Erkenntnis zieht man aber militärpolitisch keine Konsequenzen, was sich elf Jahre später bei Jena und Auerstedt rächen sollte. Die preußischen Finanzen sind erschöpft, und so reduziert Friedrich Wilhelm zunächst seine Rheinarmee auf 20 000 Mann. Anschließend verlangt er, dass das Reich die verbleibenden Kriegskosten übernimmt, eine Forderung, die Kaiser Franz empört ablehnt. So scheidet Preußen am 5. April 1795 aus der antirepublikanischen Koalition aus und schließt mit Frankreich den Sonderfrieden zu Basel. In dem Vertrag begeht Preußen Verrat am Reich, indem es der Abtretung seiner linksrheinischen Gebiete an die Republik zustimmt, in der Erwartung mit rechtsrheinischen Territorien entschädigt zu werden.

 

 

Qu'est-ce que c'est que ce petit coin du Brisgau vis-à-vis du reste de la monarchie!

 

Nicht nur die Preußen, auch die Habsburger sind der Wacht am Rhein überdrüssig und so ergibt sich bald Gelegenheit, den Muth und die geschworne Treue [der Miliz] zu erproben. Bürgercorps sowohl als Landsturm wurden aufgefodert, in Verbindung mit dem Corps von Condé*, die eben so gefahrvolle als beschwerliche Rheinwache zu besorgen, denn seit 1795 hatten die österreichischen Truppen begonnen, sich aus dem Breisgau zurückziehen [Schr25].

 *der Duc d'Enghien, Nachfahre des Generals aus der Schlacht bei Freiburg

 

Mit dem Abzug der Truppen sieht Sumerau mit Recht den Breisgau militärische bedroht. Energisch protestiert er bei Außenminister Franz Maria von Thugut. Der ist drob arg verstimmt und rastet aus: C'est une étrange prétention que celle que S. M. détermine les grandes mesures de sa politique et de ses opérations militaires d'après les convenances de la présidence de Fribourg, et qu'elle mette Mr de Sumeraw dans la confidence de ses projets, pour qu'il puisse juger et dire son avis, si ces projets peuvent s'accorder avec les interêts des habitants du Brisgau. Mais mon Dieu! Qu'est-ce que c'est que ce petit coin du Brisgau vis-à-vis du reste de la monarchie! Et si l'empereur voulait demander successivement les chefs de ses provinces sans doute bien autrement considérables, sur ce qu'il a à faire, où en serait S. M.*[Quar02].

*Es ist eine seltsame Überheblichkeit anzunehmen, dass SM die großen Linien seiner Politik und seiner militärischen Operationen nach dem Belieben der Freiburger Präsidentschaft ausrichtet und Er Herrn von Sumerau ins Vertrauen seiner Vorhaben zieht, damit der darüber urteilen und seinen Meinung geben kann, ob diese Vorhaben mit den Interessen der Bewohner des Breisgaus übereinstimmen. O mein Gott! Was hat denn das stille Örtchen Breisgau für eine Bedeutung gemessen an der gesamten übrigen Monarchie. Und wenn der Kaiser die Chefs seiner Provinzen, die ohne Zweifel in anderer Hinsicht bedeutend sind, nacheinander fragen würde, was er tun soll, wo wäre SM dann.  

 

 

Général Vendémiare

 

Dieweil macht sich in Paris Unmut gegenüber dem korrupten fünfköpfigen Direktorium breit. Ein blutrünstiger Pöbel zieht durch die Straßen der Hauptstadt. Hier erkennt ein junger Artillerieoffizier seine Aufstiegschance. Napoleon Bonaparte lässt aus den Tuilerien 40 Geschütze kommen und vor dem Regierungssitz abprotzen. Als am Morgen des 13. Vendémiare VI (5. Oktober 1795) das aufgebrachte Volk die Rue St. Honoré heraufkommt, lässt Napoleon in die Menge halten.

 

 

Der Graf von Provence und der Herzog von Enghien (Condé)

 

Anfang 1796 kommt der Comte de Provence, Louis (1814-1824), der Bruder des 1793 guillotinierten Louis XVI (1774-1793) nach Freiburg, in das sich viele französische Adelige geflüchtet hatten und trifft sich in Ettenheim mit dem Condé, den Duc d'Enghien. Louis muntert die königstreuen Truppen auf: Voilà le roi de France, votre mâitre et comme je l'espère bientôt votre père* [Rieg23]. Das wird er allerdings erst 1814 nach dem Sturz Napoleons als Louis XVIII.

*Hier bin ich, der König von Frankreich, Euer Herr und bald, wie ich hoffe, Euer Vater.

 

Als am 23. Juni 1796 die Franzosen wirklich über Kehl in das Breisgau eindrangen, und die österreichischen Vorposten zurückzuwerfen anfingen, werden die Condéschen Hilfstruppen dringend benötigt [Schr25]. Während der Befehlshaber der Rheinarmee Jean-Victor Moreau mit 32 000 Mann den Fluss überschreitet, flieht der badische Markgraf Karl Friedrich (1771-1811) auf Einladung des preußischen Königs nach Ansbach.

 

 

Freiburg kämpft für Kaiser und Vaterland

 

Am 7. Juli (1796) kam das Bürgercorps bei Wagenstadt und Tutschfelden unter dem Maior und Stadtrath Ignaz Caluri und Sumeraus Schwager General Max Freiherr von Duminique, gegen die Division Ferino, in das Feuer; und focht mit Auszeichnung und nicht ohne Verlust [Schr25]. Zwar leidet Duminique, ein Franzose royalistischer Gesinnung, an den Folgen eines Schlaganfalls, doch er gibt nicht auf: Mein Kopf ist geschwächt, meine Hand zittert häufig, aber mein Herz schlägt doch mit Kraft. Anfänglich heißt es noch: Victoria! die [französischen] Patrioten sind geschlagen. Unsere Freiwilligen feuerten wie Höllenschlünde, machten Gefangene und Todte genug. [Die Freiburger] fochten wie die Löwen und ihre Gesichter waren vom Pulverdampfe ganz geschwärzt [Bade82]. Auf einer Tafel, die heute noch am Martinstor hängt, bescheinigt Caluri seinen Milizionären den heldenhaften Widerstand. Ein wohl seltener Fall, dass ein General seinen Truppen ein Denkmal setzt.

 

 

Doch sah sich bald der ganze Landsturm, aus Mangel an gehöriger Unterstützung von Seite des Militärs, genöthigt, schleunigst den Rückzug anzutreten. Schon den 16. Juli rückte der feindliche Vortrab in die Stadt ein, hielt aber gegen alles Erwarten die beste Ordnung und Mannszucht [Schr25]. In einer Erklärung des französischen Stadtkommandanten General Mengaud vom 19. Hitzemonat im 4. Jahre der Republik (1796) an den Stadtrat heißt es: Wenn unsere siegreichen Waffen die Provinzen von Deutschland durchziehen, so geschieht dies nur, um Europa den Frieden zu geben. Seien Sie versichert meinen Herren! die französischen Republikaner sind und werden sein Ihre wahren Freunde [Rieg23]. Alles nur Lippenbekenntnisse, denn in Freiburg haust eine ungezügelte Soldateska. Den Truppen auf dem Fuß folgt Monsieur Parcus, directeur général des revenue du pays conquis sur la rive droite du Rhin als Administrator, der auch gleich seinem Titel gemäß dem Breisgau die ungeheure Summe von 1,5 Millionen Livres abverlangt [Bade82].

 

 

Erzherzog Karl, der Franzosen Schreck

 

Der noch im nämlichen Jahre erfolgte berühmte Moreau'sche Rückzug, bei dem sich Verfolgte und Verfolger gleichmäßig durch Freiburg drängten, brachte die Stadt wieder an die Oestreicher. Der Franzosen Schreck marschiert nach dem Entsatz von Mainz, Mannheim und Philippsburg in Richtung Oberrhein. Über Offenburg kommt er nach Freiburg. Die Stadt hatte den 21. October die Freude, den damaligen Retter Deutschlands, den siegreichen Erzherzog Karl (1771-1847), im Kreise seiner Generäle durchziehend, zu erblicken.

 

Noch mehr wurde diese Freude vergrößert, als Erzherzog Karl den 30. Januar des folgenden Jahres (1797) unter dem Donner des Geschützes und dem Geläute der Glocken wieder zurückkehrte [Schr25].  Der Jubel ist unbeschreiblich: Es lebe Erzherzog Karl, unser und Deutschlands Retter; es lebe der Kaiser! [Bade82]. Bürger, dreißig an der Zahl, spannten die Pferde von seinem Wagen und zogen den menschenfreundlichen Herrscher im Triumph zu seiner Wohnung im Kommanderiegebäude [Albe25]. Johann Georg Jacobi verfasst ein Lobgedicht auf den Befreier, den die Universität anschließend zum rector universitatis Friburgensis in perpetuum ernennt.

 

Aus dem Munde des jungen Kaisers Franz tönt überschwängliches Lob: Dieser ausgezeichnete Patriotismus, diese treuevolle Anhänglichkeit und Liebe für den Souverain, den Staat und die gute Sache, kann allen anderen Volksstämmen zum Beispiele dienen; immer aber wird mir das lobenswerthe Benehmen meiner so guten und anhänglichen Vorderösterreicher unvergeßlich bleiben [Bade82]. Zweiundzwanzig Jahre später, als nach dem Wiener Kongress der Breisgau endgültig an Baden fällt, muss der Monarch seine Worte dann wohl vergessen haben.

 

 

So kommt die Condé'sche Einquartierung, um uns wieder äußerst hart mitzunehmen

 

Die Condéschen Truppen anfänglich willkommene und notwendige Bundesgenossen gegen die revolutionären Franzosen machen sich, nachdem der Breisgau von den Revolutionstruppen befreit ist, bald durch Zuchtlosigkeit unbeliebt: Kaum hatten wir das Glück durch Siege der österreichischen Waffen endlich von den französischen Räuberhorden befreit zu sein und uns von dem erlittenen Elende etwas erholen zu können, so kommt die Condé'sche Einquartierung, um uns wieder äußerst hart mitzunehmen. Denn nicht allein wollen die Condéer für Kost und Quartier nichts bezahlen, sie fordern mit Ungestüm auch noch Haber, Heu und Stroh. Alle Vorstellungen sind umsonst; unsere Scheuern werden gewaltsam aufgebrochen, die Vorräthe weggenommen und verschwendet. Hinzu kommen die verderblichen Einflüsse der Emigranten, die zum Teil über beachtliche Geldmittel verfügen, auf die Sitten der Breisgauer. Dazu gehören Spielsucht, schamlose Bälle und Orgien in Bordellen.

 

Da schreibt der landständige Konsess (die Ständvertretung) in Freiburg an die vorderösterreichische Regierung in Innsbruck: Wenn des Condé'sche Corps nicht in Bälde aus dem Lande geschafft wird, so steht die nahe Gefahr bevor, es dürfte das wegen des Landsturms bewaffnete Volk zur Selbsthilfe greifen, und zwar desto eher, als dasselbe sich's nicht nehmen läßt, daß unter den Condéern mehrere vom Nationalconvent besoldete Spione stecken, welch durch reisen und Briefe über Basel an unserem Vaterlande eine gefährliche Verrätherei begehen [Bade82].

 

 

Der Kampf um Norditalien

 

Schon seit Urzeiten zieht es den deutschen Menschen vom nebelichten Nord hinten [Rose01] über den Brenner, um unter der Sonne des warmen Südens seine rheumatischen Beschwerden zu lindern. Barbarossas (1152-1190) Kämpfe um die Beherrschung Norditaliens sind legendär. Karl V. (1519-1556) wehrte sich ein Leben lang gegen die Gebietsansprüche François' I (1515-1547), die wohl entstanden, als die Franzosen die italienische Küche schätzen gelernt hatten, sie dann anschließend allerdings flugs als ihre eigene ausgaben.

 

Auch die späteren Habsburger streben gen Süden. Sie erwerben 1748 im Aachener Frieden die Lombardei und die Toskana. Zwischen beide Gebiete schiebt sich wie ein Riegel das Herzogtum Modena, welches sich die Österreicher zur Arrondierung ihres Besitzes in Norditalien gerne einverleibt hätten. Wie bei den Habsburgern üblich soll es eine Heirat richten. Also verlobt Maria Theresia (1740-1780) 1753 ihren dritten Sohn Erzherzog Leopold (1774-1792) mit der einzigen Tochter des Modenischen Erbprinzen Herkules III. (1780-1803), der erst dreijährigen Beatrix (1750-1829).

 

Als nun 1761 der Kaiserin zweiter Sohn und Großherzog der Toskana Karl (1745-1761) stirbt, wird Leopold dessen Erbe. Schnell wird der Ehevertrag umgeschrieben, hat doch Maria Theresia noch weitere Söhne. Beatrix' Bräutigam ist jetzt der siebenjährige Erzherzog Ferdinand (1754–1806). Dazu meint der österreichische Außenminister Fürst Kaunitz lakonisch: Es ist ja nur ein Wechsel des Vornamens. Die Hochzeit zwischen Ferdinand und seiner vier Jahre älteren Braut findet im Jahre 1771 in Mailand statt und somit scheint der Anfall Modenas an das habsburgische Haus nur noch eine Frage der Zeit [Kage81].

 

Um das Kriegsglück in Oberitalien zu wenden, macht das Direktorium den Retter von Paris den Général Vendémiare zum Oberbefehlshaber der Armée des Alpes. In seinem Blitzfeldzug 1796/97 schlägt Napoleon mit nur 40 000 Mann in Norditalien die Österreicher in mehreren Schlachten entscheidend. Heine erzählt eine Anekdote, wie Napoleon zu Udine eine Entrevue mit Kobentzel (dem österreicischen Verhandlungsführer) hat und im Eifer des Gesprächs das Porzelan zerschlägt, das Kobentzel einst von der Kaiserin Catharina erhalten und gewiß sehr liebte. Dieses zerschlagene Porzelan hat vielleicht den Frieden von Campo Formio herbeigeführt. Der Kobentzel dachte gewiß: Mein Kaiser hat soviel Porzelan, und das giebt ein Unglück, wenn der Kerl nach Wien käme und gar zu feurig in Eifer geriethe - das beste ist, wir machen mit ihm Friede [Hein40]. In der Tat, in Campo Formio (eigentlich Campofórmido) diktiert Napoleon, ohne sich um den Willen des Direktoriums im fernen Paris zu kümmern, den Besiegten seinen Frieden.

 

 

Dem besten Landesfürsten mit mehrer Treue und Anhänglichkeit zugethan

 

Im Breisgau tauchen Gerüchte auf, dass Österreich in den Friedensverhandlungen von Campo Formio die Vorlande aufgeben wolle. Sumerau meint, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Ich will gern glauben (weil ich mir das Gegentheil davon nur gar nicht vorstellen kann), daß nicht der entfernteste Gedanke jemals gewesen sey, die so ausgezeichnet treu ergebensten Vorlande von der österreichischen Monarchie abtrennen zu lassen. Als die Gerüchte sich verdichten, schreiben Sumerau und der Konsess (Ständerat) an Außenminister Thugut: Die Niedergeschlagenheit ist nicht zu beschreiben, die dieser hoffentlich falsche, und vielleicht nur von unserer neidischen Nachbarschaft erdichtete Ruf in dem ganzen Lande verursacht. Beschwörend fahren sie fort: Kein Volk der Welt kann dem besten Landesfürsten mit mehrer Treue und Anhänglichkeit zugethan seyn, als es die Vorländer gegen S. M. und das allerdurchlauchtigste Erzhaus sind, wovon sie auch die ursprünglich ersten und ältesten Stammesunterthanen zu seyn sich rühmen [Quar02].  

 

Das mag in Wien beeindrucken, rührt aber Napoleon nicht. In einem ersten Anlauf zur Neuordnung Europas muss Österreich seine Niederlande an Frankreich abtreten. Weiter fasst Napoleon die kleinen Fürstentümer Mailand, Modena, Ferrara, Bologna und die Emilia-Romagna in eine von Frankreich abhängige Cisalpinische Republik zusammen. Damit ist auch der modenische Herzog Herkules III. seiner italienischen Besitzungen ledig und wird dafür zum Landesherrn des Breisgaus bestimmt: Sa majesté l'Empereur s'oblige à céder au duc de Modène en indemnité des pays, que ce prince et ces héritiers avoient en Italie, le Brisgaw, qu'il possédera au mêmes conditions que celles en vertu desquelles il possédoit le Modenois [Bade82].

*Seine Majestät der Kaiser verpflichtet sich, dem Herzog von Modena als Entschädigung für die Länder, welche der Fürst und dessen Erben in Italien besaßen, den Breisgau abzutreten, den er unter denselben Bedingungen besitzen wird, unter denen er Modena besaß.

 

 

Fiat voluntas domini Napoleonis

 

 

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Friedrich dem Großen

 

 

 

 

Doch Herkules gebietet nun statt über 380 000 nur noch über 150 000 Seelen und seine jährlichen Staatseinnahmen gehen von über einer Million Gulden auf ein Zehntel zurück. Natürlich ist er mit dem Gebietstausch unzufrieden und erwägt sogar, den Breisgau für sechs Millionen Gulden an den Markgrafen von Baden zu verkaufen [Albe06a]. Schließlich weigert der Herzog sich, sein neues Territorium zu übernehmen. Somit bleibt der Breisgau de facto zunächst habsburgisch.

 

In einem geheimen Zusatzprotokoll zum Friedensschluss von Campo Formio zieht Österreich mit Preußen amoralisch gleich, indem es ebenfalls der Abtretung aller linksrheinischen Reichsgebiete an Frankreich zustimmt einschließlich Mainz, der Hauptstadt des ehrwürdigen Kurfürstentums und des Erzkanzlers. Dafür dürfen sich die Österreicher Istrien und Venetien einverleiben.

 

This page was last updated on 14 April, 2017