Friedrich der Große

auf 5 Mark

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Non soli cedit.

Der Preußische Adler weicht nicht der Sonne Louis' XIV

 

 

 

Karl Gustav Wrangel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Große Kurfürst

 auf 300 DPfennig

Freiburgs Geschichte in Zitaten

Friedrich der Große
oder wie schnödes Hausmachtstreben das Reich ruiniert

 

Von den Markgrafen Brandenburgs zu den Königen in Preußen, ein kurzer Abriss

 

Als die kurbrandenburgischen Stände König Sigismund (1411-1437) bei seinem Amtsantritt um einen fähigen Statthalter bitten, ernennt dieser 1411 den mit ihm verbündeten Burggrafen von Nürnberg Friedrich IV. (1415-1440) zum rechten Obristen und gemeinen Vorweser und Haüptmann in der Mark Brandenburg. Während des Konzils von Konstanz belehnt Sigismund am 14 April 1417 Friedrich offiziell mit der Kurmark und, da der König wie immer knapp bei Kasse ist, verkauft er am 13. Mai 1415 die erbliche Kurwürde für 400 000 Goldgulden seinem Vorweser, der sich jetzt Friedrich I. Kurfürst von Brandenburg nennt [Rose02].

 

Ins Rampenlicht der Geschichte tritt des Heiligen Römischen Reiches Streusandbüchse jedoch erst Anfang des 16. Jahrhunderts mit Joachim I. (1499-1535), der in Luther den Satan von Wittenberg sieht*, oder eher noch mit Joachims jüngerem Bruder Albrecht (1513-1545), der mit seinem Ehrgeiz, Erzbischof in Mainz zu werden, die Reformation auslöst.

*Joachims Frau Elisabeth, die zum Luthertum konvertiert, muss 1527 nach Kursachsen fliehen, als ihr Mann droht, sie ins Gefängnis werfen zu lassen,

 

 Vergeblich hatte Joachim I. in seinem Testament die Söhne und deren Erben auf den katholischen Glauben verpflichtet. Im Jahre 1539 nimmt sein Nachfolger, Joachim II. (1536-1571) das Abendmahl in beiderlei Gestalt und führt anschließend nicht nur die lutherische Reform, sondern auch das landesherrliche Kirchenrecht in Brandenburg ein. Um sich die Unterstützung der calvinistischen Niederlande bei seinen Erbansprüchen auf die niederrheinischen Herzogtümer Jülich, Kleve und Berg zu sichern, tritt schließlich Kurfürst Johann Sigismund (1609-1618) zum Calvinismus über. Zu Weihnachten 1613 feiert er das Abendmahl ohne päpstliche Zusätze, nach Form und Weise, wie es bei der Apostel Zeit und in den reformiert evangelischen Kirchen bräuchlich ist [Schi89]. Doch Johann Sigismund befolgt ausdrücklich nicht den Grundsatz Cuius regio, eius religio, sondern begründet die politisch notwendige und familiär ratsame preußische Religionstoleranz eindrücklich mit den Worten: Auch wollen Seine Kurfürstlichen Gnaden zu diesem Bekenntnis keinen Untertanen öffentlich oder heimlich wider seinen Willen zwingen, sondern dem Kurs und Lauf der Wahrheit Gottes allein befehlen, weil es nicht an Rennen und Laufen, sonders an Gottes Erbarmen gelegen ist [Scho01]. Schließlich halten nicht nur seine Untertanen, sondern auch seine Frau Anna am lutherischen Bekenntnis fest. Doch religiöse Spannungen bleiben nicht aus. Als des Kurfürsten jüngerer Bruder Johann Georg in seiner Funktion als Statthalter mit einem Generaledikt die Entfernung von Bildern aus allen Kirchen verfügt, kommt es zu einem kurzen Aufruhr in der evangelischen Bevölkerung, die auf eine Ausschmückung der Gotteshäuser nicht verzichten will .

 

Kurfürst von Brandenburg (Erzkämmerer)

 

 

 

 Von 1640 bis 1688 regiert der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm (1640-1688). Er erlebt als junger Mann die letzten Jahre des Dreißigjährigen Krieges fern von Berlin in Königsberg. Da hatte er die Einsicht gewonnen, dass der Friede ernährt, der Krieg aber verzehrt. Vor allem aber darf man auch bei großen Verwicklungen nicht stille sitzen, da sonst das eigene Land das theatrum abgeben werde, darauf man die Tragoedi spiele.

 

So kämpft er folgerichtig mit seinen Truppen fern der Heimat am Oberrhein im Reichskrieg gegen die Franzosen. Anfang Januar 1675 in der Schlacht bei Türkheim im Elsass steht sein durch österreichische Kräfte verstärktes Heer der Armee Marschall Turennes (1611-1675) gegenüber. Die Franzosen schlagen die Brandenburger vernichtend, die anschließend 300 Tote zu beklagen haben.

 

 

biss ich der nachbarschaft loss werde

 

Auch aus der Heimat erreichen den Kurfürsten schlechte Nachrichten, waren doch 1674 im Einvernehmen mit der Krone Frankreichs die Schweden unter  dem Reichsmarschall Karl Gustav von Wrangel (1613-1676) von Pommern aus in die Mark Brandenburg eingefallen. Friedrich Wilhelm glaubte seine Länder in Anbetracht eines mit den Schweden kurz vorher abgeschlossenen Defensivbündnisses sicher. Jetzt schreibt der Kurfürst erregt und verbittert an seinen Minister Schwerin: Euch kan jch versicheren, das Ich hidurch zu keiner anderen resolution kan gebracht werden, als nur, dahin zu gedencken, mich gegen die Schweden zu rechnen [rächen], undt nuhmer bey der partie so ich genommen bestendig zu verbleiben, ... biss ich der nachbarschaft loss werde [Schi89].

 

 Ein weiteres Schreiben geht als Hilfegesuch an Kaiser Leopold, doch auch ohne die angemahnte militärische Unterstützung des Reiches erringen die brandenburgischen Truppen unter dem Kommando des alten Derfflinger (1606-1695) und der Kavallerie des Prinzen von Homburg (1633-1708) 1675 in der Schlacht bei Fehrbellin einen Sieg über die Schweden. Zwar ist dieser Sieg militärisch gesehen nur bescheiden, sein moralisch-politisches Echo in Europa dagegen gewaltig. Selbst im fernen Straßburg erscheint ein propagandistisches Lied über den nun plötzlich Großen Kurfürsten, der den Mythos der preußischen Armee begründet:

 

Der Große Kurfürst ging mit Macht,
Um Frieden zu erlangen.*
Bald kam der Schwed aus Mitternacht,
Durch Frankreichs Geld getrieben,
Mit seiner Lapp- und Finnenmacht,
Ließ sehr viel Bosheit üben
In dem Kur- und Brandenburger Land
Mit Kirchenraub und Plündern.
Es ward verjaget Mann und Weib,
Das Vieh ward durchgeschossen,
Man macht' es, daß nichts überbleib,
Das vielen sehr verdrossen;
Bis das zuletzt der große Held
Sich plötzlich eingefunden,
Und seinen Namen in der Welt,
Noch höher aufgebunden [Schi89].

*für das Reich am Oberrhein

 

Auch in den Niederlanden beachtet: Der einem Wunder gleichkommende Erfolg des Kurfürsten von Brandenburg über die Schweden im Havelland

 

 

 

 

Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Der Soldatenkönig

von Antoine Pesne [DHM]

Friedrich Wilhelm hatte seine Lektion gelernt: Alliancen seindt zwahr gutt, aber eigene Krefte* noch besser, darauff kan man Sich sicherer verlassen, undt ist ein herr in keiner consideration, wan er selbst nicht mittel und volck hätt, den das hatt mich, von der zeitt das Ichs also gehalten, Gott sey gedanckt considerabell gemacht. Von nun an setzt der Brandenburger seine militärische Stärke geschickt wahlweise als Droh- und Lockmittel ein, lässt sich von den anderen Mächten umwerben und wechselt die Bündnisse nach seinem Vorteil, so dass man in Europa bald vom brandenburgischen Wechselfieber spricht.

*Während seiner Regierungszeit erhöht Friedrich Wilhelm das stehende Heer von 3000 auf 30 000 Mann.

 

 

 

Am Ende seiner Regierungszeit aber kehrt der Große Kurfürst in das kaiserliche Lager zurück, als er von Frankreich enttäuscht den hugenottischen Réfugiés mit dem Edikt von Potsdam 1685 großzügig Asylrecht gewährt, da wir aus gerechtem Mitleiden, welches wir mit unseren angefochtenen und bedrängten Glaubensgenossen billig haben müssen, bewogen werden, denen selben eine sichere Retraite in alle unsere Lande zu offerieren[Scho01]. Häufig wird übersehen, dass es sich bei der Aufnahme der calvinistischen Glaubensflüchtlinge wohl auch um einen späten Nadelstich Friedrich Wilhelms gegen seine störrischen lutherischen Untertanen, denen das Haus Brandenburg nie "seine" Religion oktroyieren konnte, handelt [Horo17].

 

Am 9. Mai 1688 stirbt der Große Kurfürst. Auf seinem Krankenbett sieht Friedrich Wilhelm dem Tod mit sich zufrieden gelassen ins Auge: Jeder weiß, in wie trauriger Zerrüttung das Land gewesen, als ich die Regierung begann; durch Gottes Hilfe habe ich es in besseren Stand gebracht, bin von meinen Freuden geachtet und von meinen Feinden gefürchtet worden [Mohr11].

 

 

Des Königs Rock

 

Die Politik der eigenen Stärke seines Großvaters befolgt auch König Friedrich Wilhelm I. (1713-1744), indem er die preußische Armee u. a. mit seinen langen Kerls zu einer der schlagkräftigsten in Europa macht und so dem Land Schutz vor äußeren Angriffen garantiert. Als das später so berühmt gewordene Bernsteinzimmer Zar Peter dem Großen (1682-1721) bei einem Besuch im Berliner Schloss in die Augen sticht, schickt es Friedrich Wilhelm schleunigst nach St. Petersburg und erhält dafür 55 Grenadiere, ein jeder größer als zwei Meter [Böni07]. Als Grund der Rekrutenauswahl nach Länge wird häufig kolportiert, dass der Feind durch die schiere Größe der Soldaten beeindruckt werden sollte, die dann allerdings auch ein größeres Ziel abgaben. Mitnichten, es war den Kerls mit den langen Armen in einer Schlacht leichter möglich, die langen Ladestöcke ihrer Musketen zu manipulieren und somit schneller nachzuladen.

 

Die langen Kerls Friedrich Wilhelms tragen buchstäblich des Königs Rock, denn seit 1726 läuft der Soldatenkönig nur noch in Uniform herum. Die pflegt er, sparsam, wie er nun einmal ist, beim Arbeiten am Schreibtisch mit Ärmeln aus Leinentuch und einer umgebundenen Schürze zu schonen. Seine Sorge gilt einzig der Integrität des weit verstreuten preußischen Staatsgebietes, die er mit einem starken stehenden Heer defendiren möchte, und das er während seiner Regierungszeit von 38 000 auf 83 000 Mann erhöht. Wenn auch Friedrich Wilhelm feststellt, dass nächst der Gottesfurcht nichts ein fürstliches Gemüt mehr zum Guten antreiben und vom Bösen abhalten kann, als die wahre Glorie und Begierde zu Ruhm, Ehre und Bravour setzt er seine Armee nicht ein [Oste12], denn er findet in der Welt in nichts Plaisier als an einer guten Armee [Wieg07a], die er folgerichtig zeit seines Lebens hegt und schont, so dass er in die Geschichte als roi militaire et pacifiste eingeht.

 

 

Königreich Preußen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Antimachiavel:
Examen du Prince de Machiavel avec des notes, 1741

 

 

 

Friedrich hält Machiavelli seinen Antimachiavelli vor.

Verklärender Stich von Adolph Menzel

 

 

 

 

Fritz ist ein Querpfeiffer und Poet

 

Seinen Sohn und Thronfolger Friedrich erzieht der König in aller Härte zur Pflichterfüllung gegenüber dem preußischen Staate und prägt dem erst Zehnjährigen bereits 1722 ein:  Parol auf dieser Welt ist nichts als Müh‘ und Arbeit [Weig11]: Der liebe Gott hat Euch auf den trohn gesetzet nicht zu faullentzen sondern zu arbeiten und seine Lender wohll zu Regiren [Möll89].

 

Begegnung der dritten Art am Eingang von Schloss Sans, souci.

 

Dazu möchte Friedrich Wilhelm zunächst aus dem kleinen Fritzen einen Soldaten machen, aber Fritz ist ein Querpfeiffer und Poet. Er macht sich nichts aus Soldaten und wird mir meine ganze Arbeit verderben und Ich möchte wohl wissen, was in diesem kleinen Kopf vorgeht. Ich weiß, daß er nicht so denkt wie ich ... [Piet08]. Friedrich Wilhelm prügelt und demütigt seinen Sohn vor Dienern und gekrönten Häuptern. Und der beklagt sich: Täglich bekomme ich Schläge, ich werde behandelt wie ein Sklave und habe nicht die mindeste Erholung. Man verbietet mir das Lesen, die Musik, die Wissenschaften, ich darf mit niemanden mehr sprechen, bin von lauter Aufpassern umgeben [Marx15].

 

Als er 1728 als 16-Jähriger seinem Vater einen Brief schreibt: Ich bitte meinen Papa, mir wieder gnädig zu sein, antwortet der: Ich kann keinen effeminirten (verweichlichten) Kerl leiden, der sich schämt, nicht reiten und schießen kann, ... seine Haare wie ein Narr sich frisieret ... Zu anderen recht hoffärtig, recht bauernstolz ist, mit keinem Menschen spricht ... und mit dem Gesichte Grimassen macht, als wenn er ein Narr wäre, und in nichts meinen Willen tut, als mit der Force dazu angehalten; nichts aus Liebe, und er alles dazu nichts Lust hat, als seinem eigenen Kopfe folgen, sonsten alles nichts nütze ist [Oste12].

 

 Zur Katastrophe kommt es am 6. November 1730 nach dem Fluchtversuch Friedrichs mit der Hinrichtung seines Freundes Katte, den ein Kriegsgericht mit 16 Offizieren wegen Beihilfe zur Desertion zwar nur zu lebenslanger Festungshaft verurteilt, dessen Todesurteil aber Friedrich Wilhelm am 1. November mit der Bemerkung unterschreibt: Es ist besser, daß er stürbe als die Justiz aus der Welt käme [Frie12].

 

 Nachdem Friedrich sämtlicher Titel und Ehren beraubt schließlich 1732 mit viel Verstellung in Neuruppin zur leidlichen Zufriedenheit des Vaters Gartenbau betreibt, ein Regiment befehligt und 1733 auch in eine Friedrich Wilhelm genehme Heirat einwilligt, richtet der König 1736 dem jungen Paar das Schloss Rheinsberg ein. Hier blüht der Kronprinz auf: Mein ganzer Sinn ist auf die Philosophie gerichtet. Sie leistet mir gute Dienste. Ich bin glücklich, da ich viel ruhiger bin als früher [Piet08].

 

 In Rheinsberg schreibt Friedrich an einem Antimachiavell, nachdem er in Machiavellis Il principe eines der gefährlichsten Werke ..., die auf Erden verbreitet sind sieht. Jetzt, finde ich, gilt die Menschlichkeit mehr als alle Eigenschaften eines Eroberers und schickt das Manuskript des Examen du Prince de Machiavel im April 1740 an Voltaire zur Redaktion und anschließender Veröffentlichung. Voltaire lässt Friedrichs Werk anonym 1741 in den Haag herausbringen, nachdem der junge König längst machiavellisch in Schlesien eingefallen war [Piet08].

 

Seinen Januskopf sucht Friedrich nach dem zweiten schlesischen Krieg 1749 in einem Brief an Voltaire zu verhüllen: Ich bin ein Freund der Philosophie und der Verse ... unterscheidet den Staatsmann vom Philosophen und lasst Euch sagen, dass man aus Vernunftsgründen Kriege führen, aus Pflicht ein Staatsmann und aus Neigung ein Philosoph sein kann und fügt ganz im Sinne Louis' XIV hinzu: Es ist der dauernde Ehrgeiz der Fürsten, sich zu vergrößern, soweit es ihre Macht erlaubt [Piet08].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leoplod Anton Freiherr von Firmian

Leopold Anton Freiherr von Firmian

 

 

 

 

Die umbs Glaubens willen gefangene und gepeitschte Emigranten

Evangelische Ketzer und Rebellen

 

Nach und nach hatten die Menschen in deutschen Landen die Folgen des 30-jährigen Religionskriegs überwunden, hatten genug von Streit und Gewalt zwischen den Konfessionen. Der Westfälische Frieden hatte im Reich religiöse Toleranz verbürgt, und so bleibt auch das 200-jährige Jubiläum der Reformation fast unbemerkt. Einige Gedenkmünzen und -drucke zeugen von dem Ereignis. Seinen Anmerckungen derer Auf meiner Sächsischen Reyße gesehenen Merckwürdigkeiten heftet Johann Andreas Silbermann ein solches Gedenkblatt bei.

 

Gedenkblatt an 200 Jahre Reformation: Gottes Wort bleibt ewig.

 

Deshalb bewegt es die Menschen sehr, als der Salzburger Erzbischof Leopold Anton Freiherr von Firmian (1727-1744) im Jahre 1731 ein Emigrationsedikt erlässt, nach dem alle Protestanten in seinem Bistum Ketzer und Rebellen sind und deshalb sein Fürstentum verlassen müssen. Die evangelischen Bergbauern hatten sich hartnäckig allen Bekehrungsversuchen widersetzt, einige werden eingekerkert andere sogar durch Feuer oder Schwert hingerichtet. Dabei gewährt das Emigrationsedikt den Unangesessenen (ohne Landbesitz) nur eine Frist von acht Tagen, während die Angesessenen nach spätestens drei Monaten aus dem Fürstbistum mit Militärgewalt vertrieben werden sollen. Als das Edikt am 31. Oktober am immerwährenden Reichstag in Regensburg bekannt wird, bricht in deutschen Landen selbst in katholischen Gebieten Empörung aus, zumal die Austreibung der evangelischen Bevölkerung ohne ausreichende Verpflegung in die Wintermonate fällt.

 

 Nachdem der Kurfürst von Sachsen, August der Starke (1694-1733), als polnischer König durch seinen Übertritt zum Katholizismus als der traditionelle Schirmherr der Protestanten im Reich ausgefallen war, übernimmt Friedrich Wilhelm I. von Preußen diese Rolle. Als sein Protest gegen die Vertreibung ungehört bleibt, erlässt er in preußischer Tradition am 2. Februar 1732 ein Einladungspatent an die Salzburger.  Der für seine Sparsamkeit berüchtigte Soldatenkönig gewährt den Flüchtlingen für ihre Reise sogar ein Zehrgeld:  Vier Groschen für den Mann, drei Groschen für Frau und Magd und zwei Groschen für jedes Kind.  So fliehen im folgenden Jahr rund 20 000 Salzburger Protestanten nach Preußen.

 

 

Fridericus Wilhelmus Rex
Borussia Elector Brand. etc.

 

Preißwürdigster Monarch, glorreicher Held der Preüssen,
Es blickt selbst auß dem Bild so Huld und Mayestät,
So groß der Muth im Krieg, so groß das Gnad Erweisen
Daher dann Ernst und Lieb in gleicher Waage geht;
Von höchster Tapferkeit sind Proben gnug vorhanden,
So Fama längst der Welt zum wunder kund gethan.
Der Güte Zeugen sind die arme Emigranten,
So dieser Grosse Fürst in Sorg und Schuz nimt an.
Wann zwanzig Tausende durch Stahl und Bley erkalten,
So schäzt man es Triumpf und Ehren Porten werth;
Doch zwanzig Tausende beym leben zu erhalten,
Ist etwas, so den Ruhm auf höhern grad vermehret.
So laß der Himmel dan den Grossen Fridrich leben
Zum Schröcken seiner Feind und seiner Länder Flohr
Den Er zum Preiß und Trost Europa hat gegeben,
Es komme stets das Glük den hohen Wünschen vor.

 

 

 

 

 

 

  Johann Fridrich Ehrlich aus St. Johannis:
Ich glaube nur allein was mir die Bibel sagt,
  darüber wird ich nun aus Saltzburg ausgejagt;
 Jedoch ich laße gern mein Hauß u. Hof dahinten,
  ich weiß, ich werde dort es Hundertfältig finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

  Maria Steinbacherin
 aus Werffen :
Nun mehr erkenne ich, wie weh den Säugern sey
  wann sie mit Säuglingen die Flucht ergreiffen müssen.
  Doch ich trag Wieg u. Kind, den Gottes Huld u. Treu,
  läßt mir auf meiner Reiß sehr reichen Trost zufließen.

 

 

 

 

 

 

 

 

  Ursula Piltzin aus
St. Johannis:
Der Catechismus kan die kleine Bibel heißen
  und uns den rechten Weg zum Wahren Leben weisen.
  weil ich die Warheit aus solchen hab erkandt,
  verlaße ich getrost darob mein Vatterland.

Das liebestätige Gera gegen die salzburgischen Emigranten

 

Auf ihrem Zug gen Norden kommen die Vertriebenen im Januar 1732 u.a. durch Augsburg, Altenburg, Nürnberg, Erlangen, Gera, Weißenfels, Leipzig, Halle, Eisleben und Magdeburg. Überall werden sie von ihren Glaubensgenossen freundlich aufgenommen. Noch im gleichen Jahr erscheint in Leipzig eine Schrift über Das liebestätige Gera gegen die salzburgischen Emigranten. Hier geschieht es, dass sich der dort ansässige Hermann in die anmutige Salzburgerin Dorothea verliebt. Goethe hat dann die Geschichte in seinem Versepos Hermann und Dorothea an den Rhein verlegt in die Zeit der Flüchtlingsströme der Französischen Revolution, die aus dem Elsass kommend das rechte Flussufer erreichen.   

Die Vertreibung der Salzburger und deren Aufnahme in Preußen bewegt die Menschen in deutschen Landen tief. Der Büchermarkt boomt. Ab 1733 erscheinen umfangreiche Geschichten so wie die nebenstehende über die Emigration von denen aus dem Ertz=Bißthum vertriebenen und größtentheils nach Preussen gegangenen Lutheranern [Mars86].

 

 

 

 Ab nach Ostpreußen

 

Anfänglich ist Friedrich Wilhelm von dieser gewaltigen Flüchtlingswelle überrascht, dann aber sieht der pietistisch puritanische König darin ein Zeichen des Himmels: Sehr gut! Gott Lob! Was tut Gott dem Brandenburgischen Hause für Gnade! Denn dieses gewiß von Gott kommt! [Broc84].  Ein erster Treck unangesessener Emigranten trifft am 29. April 1732 in Potsdam ein. Diese lässt der König noch auf Treu und lutherischen Glauben prüfen und begrüßte sie dann: Ihr soll es gut haben, Kinder! Ihr sollts bei mir gut haben!  Er heißt die Glaubensflüchtigen - denn Menschen achte in vor den größten Reichtum -, sich im Rahmen seiner Peuplierungspolitik in dem von 1709 bis 1711 durch eine Pestepidemie* entvölkerten Ostpreußen an der Grenze zu Litauen anzusiedeln.

*250 000 Menschen oder mehr als ein Drittel der Bevölkerung waren dort der Seuche erlegen

 

Friedrich Wilhelm I. empfängt die Salzburger Exulanten am 30. April 1732 in Berlin.
Der armhebende alte Herr mit Hut und Stock könnte mein Ur-ur-ur...großvater gewesen sein.
(Gemälde von Konstantin Cretius)

Auch sonst kümmert sich der König um seine Neubürger: Sein Abgesandter betreibt im Fürstbistum Salzburg den Verkauf der verlassenen Güter der Angesessenen. Das Geld geht an die Vorbesitzer und im Falle ihres Todes an eine Stiftung für betagte Exulanten  [Mars86].

 

 

Seekrank in Königsberg

 

Ohne eigene Transportmittel müssen die Unangesessenen den Seeweg nach Ostpreußen nehmen. Der Anblick des Meeres erzeugt Angstzustände bei den Gebirglern. Zwei Wochen benötigen die ersten Siedler für die stürmische Überfahrt nach Königsberg, immer in Todesangst. Es war am 27. Mai 1732 abends, als das erste von fünf, mit 120 Salzburger Emigranten von Stettin abgegangene Schiff vor Königsberg ankam. An Bord waren lauter arme Leute und Dienstboten, die mit Wagen und Pferden nicht versehen, den Weg zu Lande nicht wählen konnten. Eine unglaubliche Volksmenge begab sich sogleich hinaus und bewillkommnete die Herannahenden mit gerührtem Herzen. Geld, Bier und Brot reichte man ihnen zu, daß sie sich erquickten. Weil aber die Nacht bereits anbrach, mußten sie auf dem Schiff bleiben [Broc84].

 

 

Neben Land gewährt Friedrich Wilhelm den Einwanderern auch Steuerfreiheit und Bauholz, doch die von der Heimat so verschiedene Umgebung mit ihrem ungewohnten Flachlandklima, der Feuchtigkeit und den rauen Ostseewinden stresst die Exilanten derart, dass innerhalb der nächsten Jahre ein Viertel von ihnen stirbt [Schi89]. So bewahrheitet sich auch hier die Erfahrung von Flüchtlingen: Im ersten Jahr der Tod, im zweiten Jahr die Not und erst im dritten Jahr das Brot.

 

Was hat das alles mit Freiburgs Geschichte zu tun? Nun, damals machen sich auch die Höferts auf die weite Reise aus dem Salzburgischen nach Ostpreußen, von denen später einige Nachfahren in den Gründerjahren nach 1870 in Berlin Arbeit finden sollten. Allein aus Ostpreußen wandern innerhalb von fünf Jahren hunderttausend landwirtschaftliche Arbeiter in den goldenen Westen, um dort ihr Glück zu machen [Fisc06].

 

 

Der Polnische Thronfolgekrieg findet am Rhein statt

 

August der Starke, sächsischer Kurfürst und polnischer König seit 1697, stirbt am 1. Februar 1733. Während Österreich und Russland die natürliche Erbfolge in Augusts Sohn sehen, möchte Frankreichs Louis XV (1715-1774) seinen Schwiegervater Stanislaus I. Leszczyński (1733-1766) als polnischen König einsetzen. Über diesen Streit erklärt Frankreich Österreich den Krieg. Am 12. Oktober 1733 überschreitet die französische Armee bei Straßburg den Rhein und zwingt die Reichsfestung Kehl zur Kapitulation. Das Reich hat wie üblich dieser Aggression nichts entgegenzusetzen, denn schon 1731, als bereits Kriegsgerüchte am Oberrhein auftauchten, hatte Prinz Karl Alexander von Württemberg (1733-1737) den Zustand der Truppen und Festungen am Oberrhein beklagt: Die Völker gleichen einer Landmiliz, die durch die Länge des Friedens außer aller Kriegsdisziplin gebracht wurde. Wenn die Franzosen heut oder morgen, Ich will nicht sagen mit zehntausend Mann, sondern nur mit sechstausend Mann in das Reich herüber marschieren wollten, finden sie gewißlich keinen Aufenthalt (werden sie nicht aufgehalten). Niemand denkt daran, die alten Befestigungen zu erhalten noch neue zu errichten. Die Landmiliz in hiesigen Landen bestehet in puren unerfahrenen Bauernkerls, die aus Mangel und großer Armut nicht acht Tage von zu Hause wegzubleiben vermögen [Iber36].

 

Erst im März 1734 erklärt das Reich Frankreich den Krieg, während die Franzosen bereits rechtsrheinische Gebiete brandschatzen und von Dörfern und Städten, auch Freiburg harte Kontributionen, die sie mit Geiselnahmen unterstützen, fordern. Im gleichen Jahr erobern die Truppen Louis’ XV auch die Festung Philippsburg.  

 

Im Wiener Frieden wird 1735 schließlich der Sohn August des Starken als August III. (1733-1763) König von Polen. Louis XV entschädigt Stanislaus Leszczyński mit den Herzogtümern Bar und Lothringen. Dort ist Stanislaus als Landesvater beliebt. Er lässt in Metz den nach ihm benannten Palast errichten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kaiser Franz I.

Stephan von Lothringen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der noch junge Friedrich

von Antoine Pesne

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Maria Theresia

23-jährig

von Andreas Møller 

Die weibliche Erbfolge im Hause Habsburg, pragmatisch sanktioniert?

 

Bereits am 19. April 1713 hatte Karl VI. (1711-1740) die habsburgische Erbfolge geregelt. Nach diesem in einem feierlichen Staatsakt verkündeten Pactum soll das habsburger Erbe Österreich, Böhmen und Ungarn ungeteilt bleiben. Sofern kein männlicher Erbe vorhanden ist, tritt die älteste Tochter des Erzhauses die Erbfolge an [Rose09]. Während der Entscheid in den habsburgischen Landen begrüßt wird, haben viele deutsche Stände Bedenken gegen eine solche Pragmatische Sanktion. Schließlich kann eine Frau nicht zum Kaiser gewählt werden. Als sich abzeichnet, dass der Kaiser wohl ohne männliche Nachkommen sterben wird, erhebt der mit der jüngsten Tochter Kaiser Josephs I. (1705-1711) Maria Amalia verheiratete Kurfürst von Bayern Karl Albrecht (1726-1745) unverhohlen Ansprüche auf den Thron. Der Wittelsbacher wettert gegen den Staatsstreich des Hauses Habsburg, bei dem das Teutsche Reich zum Heiratsgut verkommt [Schm99]. In der Tat, Karls Tochter Maria Theresia (1745-1780) müsste einen Ehemann finden, den die Kurfürsten dann vielleicht zum Kaiser wählen.

 

Auch der preußische Soldatenkönig hat so seine Bedenken und verlangt vom zukünftigen Ehemann Maria Theresias: keinen Spanier, keinen Franzosen, einen Deutschen wollen wir. Unter dieser Bedingung garantiert Friedrich Wilhelm I. den Habsburgern 1727 im Geheimvertrag von Wusterhausen seine Kurstimme, denn er fürchtet unter einem bairischen Kaiser eine Störung des politischen Gleichgewichts im Reich. Deshalb wirbt der Preußenkönig bei den anderen Kurfürsten für die Sanktion,  da jeder Teutschpatriotisch gesinnte Fürst, welcher es mit sich selbst, wie auch mit des Teutschen Reiches Wohlfahrt, Conservation und Sicherheit treu und redlich meint, nicht anders tun könne und werde, als zu oberwähnter Garantie zu stimmen. Als dann Maria Theresia schließlich 1736 Herzog Franz Stephan von Lothringen  ehelicht, beruhigen sich mit Ausnahme der Wittelsbacher zunächst die Gemüter.

 

 

Gott hat ungerechte Kriege verboten

 

Mit dem Tode des Soldatenkönigs 1740 wird Friedrich II. (1740-1786) Erbe eines Tresors von 8 Millionen Talern wohl verwahrt in Fässern in den Kellern des Berliner Schlosses nebst einer schlagkräftigen Armee von 80 000 Mann, dem politischen Testament des König Plusmacher entsprechend: eine formidable Armee und ein großen tresor die Armee in Zeit von Noth Mobihle zu machen kahn euch ein grosh respeckt in die weldt gehben [Schn11].

 

Allerdings gibt der Vater ganz Calvinist seinem Sohn folgenden Rat: Komödien, Opern, Ballett und Maskenbälle in seinen Ländern auf keinen Fall zulassen und ein greuel davor haben, weill es Gottlohse und Teuffelichts ist, da der Sahtanas sein tempell und reich vermehret werden … also bitte ich mein lieben Successor habet Keine Metressen noch solche obige Schandalöse Plesirs und haßet sie und leidets es nit in euer Lender und Prowincen [Horo17] und als Pietist fährt Friedrich Wilhelm fort: Mein lieber Nachfolger, ich bitte Euch keinen ungerechten Krieg anzufangen, denn Gott hat ungerechte Kriege verboten und Ihr müßt immer Rechenschaft ablegen für jeden Menschen, der in einem ungerechten Krieg gefallen ist. Lest die Geschichte, da werdet Ihr sehen, daß ungerechte Kriege nicht gut abgelaufen sind. Da kann mein lieber Nachfolger Gottes Hand sehen ... [Scho01].

 

 

Absolute power corrupts absolutely

 

So scheint eine friedliche Zukunft Preußens gesichert, zumal Sohn Friedrich als Kronprinz in seinem Antimachiavell  1739 geschrieben hatte: Der Krieg ist ein solcher Abgrund des Jammers, sein Ausgang so wenig sicher und seine Folgen für ein Land so verheerend, dass es sich die Landesherren gar nicht genug überlegen können, ehe sie ihn auf sich nehmen ... Ich bin überzeugt, sähen die Könige einmal ein schonungsloses Bild von all dem Elend des Volkes, es griffe Ihnen ans Herz. Friedrich führt sich bei seinen Untertanen auch gut ein, als er am 3. Juni 1740 kurz nach seiner Thronbesteigung per Kabinettsordre - außer in Fällen von Landesverrat und Majestätsverbrechen - die Tortur als Instrument der Wahrheitsfindung in Preußen abschafft.

 

Als der junge König aber die folgenden testamentarischen Zeilen seines Vaters liest: Der Kurfürst Friedrich Wilhelm hat das rechte Flor und Aufnehmen in unser Haus gebracht, mein Vater hat die königliche Würde erworben, ich habe das Land und die Armee in Stand gesetzt; an Euch, mein lieber Sukzessor, ist, was Eure Vorfahren angefangen, zu behaupten und die Prätentionen und Länder herbeizuschaffen, die unserem Hause von Gott und Rechts wegen zugehören [Scho01], ändert er rasch seine Ansichten und fasst das Testament kurz zusammen: Die erste Sorge eines Fürsten muss darin bestehen, sich zu behaupten, die zweite, sich zu vergrößern. Lord Acton's (1834-1902) dictum: Power tends to corrupt gilt für Friedrich in seiner verschärften Form: and absolute power corrupts absolutely.

 

 

Erster Österreichischer Erbfolgekrieg (1741 - 1742)

 

Nach dem Tod Kaisers Karl VI. ist nach der Pragmatischen Sanktion seine Tochter Maria Theresia Regentin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen, doch andere Herrscherhäuser melden Ansprüche auf das habsburgische Erbe an. Johann Pezzl (1756-1823) beschreibt die Situation recht sarkastisch: Die europäischen Fürsten nennen alle einander Vettern. Das Prädikat ist an sich sehr erbaulich und schmeichelhaft; aber es hat schlimme Folgen. Alle diese Vettern sind sterblich. Ihre Köche und Freudenmädchen haben dafür gesorgt, daß einige manchmal ohne Erben aus der Welt gehen. Die übrigen Vettern sehen, daß es der Mühe lohne, zuzugreifen. Einige Genealogisten und Diplomatiker beweisen dem, der sie am besten bezahlt, daß er der nächste Vetter sei und daß ihm vor allen übrigen die Erbschaft von Rechts wegen gehöre. Die übrigen Vettern haben ebenfalls Genealogisten. Es kömmt nun darauf an, wer mehr Advokaten auftreibt ... und marschiert damit zu Felde. Andere benachbarte Fürsten hören, daß man sich zum Feldzug rüstet. Jeder nimmt an der Sache teil, so viel es seine Kräfte zulassen, und gedenkt den Kuchen mit teilen zu helfen [Möll89].

 

 

 

 

Una iusta causa?

 

In diesem Sinne befiehlt Friedrich von Preußen  seinem Außenminister dem Grafen Heinrich von Podewils (1696-1760), sich eine iusta causa für den militärischen Einfall Preußens in Schlesien einfallen zu lassen. Schließlich muss die nachträgliche Nichtanerkennung der weiblichen Thronfolge in Österreich als windiger Kriegsgrund herhalten: Schlesien sei stets Mannslehen gewesen und nur durch die Pragmatische Sanktion zum Weiberlehen geworden [Mart15]. Friedrich kommentiert seinen Überfall auf Schlesien: Es wäre gar nicht passend gewesen, einen derartigen Schritt zu Lebzeiten des Kaisers zu unternehmen, denn da der Kaiser das Haupt des Reiches ist, hieße es gegen die Reichskonstitutionen zu handeln, wenn eines seiner Glieder ihn angreifen wollte. Bezüglich der günstigen Ausgangssituation fährt Friedrich fort:  Außerdem war ich im Besitz schlagfertiger Truppen, eines gut gefüllten Staatsschatzes und von lebhaftem Temperament: das waren die Gründe, die mich zum Kriege mit Therese von Österreich, Königin von Böhmen und Ungarn bewogen ... Der Ehrgeiz, mein Vorteil, der Wunsch, mir einen Namen zu machen, gaben den Ausschlag, und der Krieg wurde beschlossen [Möll89]. So bricht der 28-jährige Friedrich den ersten Österreichischen Erbfolgekrieg oder Schlesischen Krieg gegen die noch jüngere 23-jährige Maria Theresia (1740-1780) vom Zaun.  Was Louis XIV (1643-1715) im siebzehnten Jahrhundert dem Reich im Westen angetan hatte, setzt Friedrich ohne Skrupel im Osten fort. Ist das der Grund, weshalb ihn später sogar die Franzosen le Grand heißen?

 

 

 Brechen Sie auf zum Rendezvous des Ruhmes

 

 Vor dem Einmarsch in Schlesien hält Friedrich in der Berliner Garnison eine Ansprache an seine Offiziere: Ich unternehme einen Krieg, meine Herren, worin ich keine anderen Bundesgenossen habe als Ihre Tapferkeit und Ihren guten Willen. Meine Sache ist gerecht und meinen Beistand suche ich bei dem Glück ..., Ehrenzeichen und Belohnungen warten nur darauf, durch glänzende Taten von Ihnen verdient zu werden [Büst12]. Mit dem Satz: Brechen Sie auf zum Rendezvous des Ruhmes - seines eigenen Ruhmes - schickt im Dezember 1740 der junge König 28 000 Soldaten zum Schlachten auf die Felder Schlesiens [Schi89], was den Militärschriftsteller Georg Heinrich von Berenhorst zur Bemerkung veranlasst: Was die Officiere anbelangt, so merkten die einsehendern endlich wohl, dass ihr philosophischer Kriegsherr sie als bloße Werkzeuge betrachte, die der Künstler bei Seite wirft, wenn sie stumpf werden, und daß da persönlich nicht viel Dankbarkeit zu erwarten sey [Desc13].

 

Sichtlich befriedigt vom Erfolg seiner Rede schreibt Friedrich am 16. Dezember 1740 aus Schweidnitz in seiner ihm eigenen französischen Orthographie seinem Außenminister: Monsieur Podewil, J'ai passé le Rubicon, Ensignes Déployées et Tambour battandt. Mes Troupes sont plaines de bonnes Volonté, Les officiers d'ambitions et Nos generaux affamés de gloire tout selon nos souhaits.*

*Ich habe den Rubikon überschritten, mit fliegenden Fahnen und schlagenden Trommeln. Meine Truppen sind voll des guten Willens, die Offiziere voller Ehrgeiz und unsere Generäle hungrig nach Ruhm, alles nach unseren Wünschen.  

 

Zum Überfall auf Schlesien vertraut Friedrich am 3. März 1741 seinem Freund Charles Etienne Jordan an: Meine Jugend, das Feuer der Leidenschaft, die Ruhmsucht, die Neugierde selbst, um Dir nichts zu verbergen, kurz ein geheimer Instinkt hat mich der süßen Ruhe entrissen, die ich genoss, die Genugtuung meinen Namen in den Zeitungen und einmal in der Geschichte zu finden, hat mich verführt [Büst12].

 

 

 Des Reiches Brustwehr geopfert

 

Die junge Habsburgerin steht dem Preußen ohne Geld, ohne Credit, ohne Armee, ohne eigene Experienz und Wissenschaft und endlich auch ohne allen Rath gegenüber [Schi89]. Zur Verteidigung Österreichs muss Maria Theresia all ihre Truppen im Kernland zusammenziehen. Dabei zählt der Vorposten der Monarchie [Goth07] am Oberrhein wieder einmal gering. Die Königin leitet am 4. Juli 1741 mit der Schleifung der Festung Breisach die Entblößung der Rheingrenze ein, denn einerseits kann die Stadt nicht verteidigt werden, soll aber andererseits den Franzosen nicht kampfbereit in die Hände fallen.  Das Kriegsmaterial wird nach Freiburg geschafft und am 9. September marschieren auch die letzten verbliebenen Festungstruppen dorthin ab. Das zerstörte Breisach hat nun ausgedient als des heiligen römischen Reiches Ruhekissen, ist nicht mehr der Schlüssel Deutschlands, das kostbare Kleinod Österreichs, der prächtige Juwel Frankreichs, die allerschönste Braut des Herzogs Bernhard von Weimar, der tarpeyische Felsen, des Reiches Brustwehr und das deutsche Kapitol der Dichter [Iber36].

 

 

Die Heilige Hedwig,
ein Bild aus dem Stephansdom in Budapest

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Louis XV

So wollen Wir sie Mosqeen und Kirchen baun

 

Verbündet mit Bayern (die hatten wegen ihrer Dauerfehde mit Österreich sowieso keine Skrupel), Spanien und Frankreich gewinnt Friedrich seinen Krieg gegen Habsburg und Schlesien wird preußisch. Die religiösen Bedürfnisse seiner neuen katholischen Untertanen bedenkend lässt der aufgeklärte Despot aus seiner Privatschatulle der Schutzpatronin Schlesiens, der heiligen Hedwig, ab 1747 in Berlin eine Kirche errichten, denn für ihn sind alle Religionen [...] gleich und guth, wan nuhr die leüte, so sie professieren, ehrliche leüte seindt, und wenn Türken und Heiden kähmen und Wolten das Landt pöplieren, so wollen Wir sie Mosqeen und Kirchen baun, Fr.

 

Das Potsdamer Patent Friedrichs zum Bau der römisch-katholischen Kirche zu Berlin vom 22. November 1746.

 

 

Die dem römischen Pantheon nachempfundene Berliner Hedwigskirche wird erst 1778 geweiht.

Zwar stehen auch die Juden nach dem Revidierten General-Privilegium und Reglement vor die Judenschaft im Königreiche Preußen unter dem Schutz des Staates, doch hört Friedrichs Toleranz auf, wenn er deren Zahl auf wenige wohlhabende Familien beschränken möchte und zudem von ihnen hohe Sondersteuern erhebt. Das Edict vom 24. Dezember 1447, daß künfftig die Schutz-Juden, welche einen Banquerout machen … vor sich und die Ihrigen des Schutzes verlustig gehen … und nicht mit einer neuenen Juden-Familie besetzet werden dürffe, geht in diese Richtung [Fried12].

 

 Auch jüdischen Gelehrten steht der König reserviert gegenüber. Den Antrag Moses Mendelsohns auf Aufnahme in die preußische Akademie der Wissenschaften beantwortet Friedrich nicht, weil eine Ablehnung seinen Ruf als toleranter Monarch schädigen würde. Auch der Arzt und Naturforscher Marcus Elieser Bloch wird nicht in die Akademie aufgenommen. Als er für sein Projekt der Klassifikation der Fische Europas Friedrich um finanzielle Hilfe bittet, lässt der ihn wissen: Hier [sind] durchgehends einerlei Fische, darum ein Buch davon zu machen würde unnöthig sein [Frie12]. Schließlich greift Königin Elisabeth Christine in ihre Privatschatulle und schenkt Bloch außerdem einen seltenen Goldschley aus dem Teich ihres Schlosses zu Schönhausen, der als cyprinus tinca auratus in die Wissenschaft eingeht.

 

 

Das ist ein Fürst ohne Treu und Glauben

 

Als deutscher König und Kurfürst gehört Friedrich als Kriegstreiber vor das Reichsgericht und stünde heute vielleicht vor einem Kriegsverbrechertribunal. Der britische Historiker George P. Gooch nennt diesen Überfall Friedrichs auf Schlesien nur sechs Monate nach dem Tod seines Vaters eines der sensationellsten Verbrechen der neueren Geschichte. Nun, vielleicht sind die Angriffskriege Louis' XIV und Napoleons, nur um die Friedrich zeitlich nahe liegenden skrupellosen Herrscher zu nennen, da von langer Hand geplant, nicht so sensationell, aber vor ein Kriegsverbrechertribunal gehören sie alle drei.

 

Schon Schiller sagte über den Räuber Schlesiens, er könne diesen Charakter nicht lieb gewinnen [Wieg11].  Der Hannoveraner Kurfürst und englische König Georg II. (1727-1760) meint über seinen Neffen: Das ist ein Fürst ohne Treu und Glauben [Scho01]. Für Carl von Clausewitz ist der Autor des Antimachiavell der folgsamste Schüler Machiavels [Desc13]. Da passt es, das sich Friedrich im hohen Alter eingesteht: : Es tut mir leid, aber ich bin gezwungen zu gestehen, dass Machiavelli recht hat [Darn09].

 

Die schärfste Kritik Friedrichs stammt aus der Feder des Aufklärers Denis Diderots, der auf dem Weg nach St. Petersburg zu Katharina der Großen Potsdam links liegen lässt: J'etais bien resolu ... d'eviter le roi de Prusse qui ne m'aime pas, a qui je le rends bien ... Ce roi est certainement un grand homme; mais quinteux comme une peruche, malfaisant comme un singe, et capable en meme temps des plus grands comme des plus petites choses. C'est une mechante ame, et, je trancherai le mot: une tete mal faite par quelque coin* [Defl13]

*Ich war wohl entschlossen, den Preußenkönig zu vermeiden, der mich nicht liebt und dem ich es gleichermaßen zurückgebe ... Dieser König ist sicherlich ein großer Mann doch unwirsch wie ein Papagei, bösartig wie ein Affe und gleichzeitig fähig zu den größten wie den kleinsten Dingen. Das ist eine böse Seele und ich sage es deutlich: ein irgendwie schlechter Kopf.

 

Helmut Schmidt (1918) ließ als Verteidigungsminister aus seinem Büro eine Büste des Präventivkriegers entfernen und bezeichnete Friedrich als Alexander den Großen im Taschenformat [Wieg11].

 

 

Zweiter Österreichischer Erbfolgekrieg (1744 - 1745)

 

Neben dem Verlust Schlesiens muss die junge Maria Theresia 1742 erleben, dass die Kurfürsten statt ihres Mannes den Bayern Karl Albrecht als Karl VII. (1742-1745) zum Kaiser wählen und in Frankfurt feierlich krönen. Als die Erzherzogin habsburgische Truppen in Bayern einmarschieren lässt, bleibt Karl VII. nur das Exil und sein ehrgeiziger Wahlspruch Aut Caesar aut nihil wird zum spöttischen Et Caesar et nihil umgedeutet*.

*Entweder Kaiser oder nichts > Sowohl Kaiser als auch nichts

 

Erst als Österreich zur Rückeroberung Schlesiens - schließlich stammen fast 20% der Einnahmen des Wiener Hofes aus diesem Land - im Jahre 1744 beginnt, alle militärischen Kräfte gegen Friedrich zusammenzuziehen, kann Karl in seine Münchener Residenz zurückkehren. Da fällt Friedrich besorgt um seinen gerade erkämpften Besitz nach seiner Maxime: Besser praevenire als praeveniri* in Böhmen ein und startet so den zweiten Schlesischen Krieg [Möll89].

*Frei übersetzt: Angriff ist die beste Verteidigung 

 

Jetzt entblößt Maria Theresia auch die westlichen Vorlande von österreichischen Truppen. In Freiburg verbleibt eine Besatzung von nur 6000 Mann. Sofort rücken französische Soldaten in den Breisgau nach und nehmen Breisach ein. Wie schon 1618 kündigt sich für Freiburg auch diesmal das Unheil mit dem Erscheinen eines großen Kometen an, der sich umb 6 Uhr abends bis zur Sonnen Untergang iber allhiesige Statt gezaigt und der Sonnen mit entsetzlichem schnellen Lauff iber Franckhreich nachgeeylet und sein langen Schweiff gegen Aufgang der Sonnen iber unser Schloss gewendet.  Aus Erfahrung wusste man, dass nie keiner erschienen, der nicht gross Unglück mit sich gebracht hat: Krieg und Blutvergiessen, Theurung unnd ein Sterbendt, und ist zu besorgen, es werden sich in etlich Jahren grosse Verenderungen der Herrschaften begeben mit jämmerlichen Kriegen und Auffruhr unter dem gemeinen Mann, und wirdt grosse Verfolgung sein. Groß Jammer und Ellend wird allenthalben die gantze Welt durchstreiffen, mit Kriegen, Blutvergiessen, Rauben, Morden und Brennen, gross Theurung, Hunger und Pestilentz [Haum01]

 

Die Vaubansche Festung in flore 1715

 

1744: Louis XV auf dem Lorettoberg

 

Es kommt, wie befürchtet. Den 28. und 29. August ging die französische Armee in einer Stärke von 70 000 Mann bei Fort Louis über den Rhein. Am 4. September werden die Einwohner Freiburgs aufgefordert, sich mit Lebensmitteln für vier Monate einzudecken. Die Wirtshäuser außerhalb der Stadt sowie die Gartenhäuser ringsumher werden von der Besatzung in Brand gesteckt. Das gleiche Schicksal erleidet die ganze Vorstadt Wühre. Inzwischen zeigt sich die französische Kavallerie im Vorgelände und wird aus dem mittleren Schloß von Kanonenschüssen empfangen. Die in den letzten Jahren vernachlässigten Befestigungsanlagen werden fieberhaft instandgesetzt. Die Einwohnerschaft muß täglich 50 Saum Wein an die Besatzung abliefern. In allen Kellern werden Bestandsaufnahmen von Vorräten aufgenommen. Alle ledigen Bürgersöhne werden aufgeschrieben, um sie für die Verteidigung heranzuziehen [Stra43].

 

Den 17ten September 1744 rückten die Feinde unter dem Oberbefehle des Marschalls Grafen von Coigny (1670-1759) gegen 56 000 Mann stark auf der Straße von Breisach gegen die Stadt heran [Schr25]. Der städtische Amtsschreiber notiert verbittert, daß der ganze Adel sambt den Regierungsherrn ausser Herrn Regierungs-Rath Spengler als Patres Patriae beraits ihre Habschafft und Costbahrkeitten geflüchtet und selbst von hier forth [Haum01].

 

Vom sogenannten Jesuitenschlosse am Schönberge breitete sich das Lager in einem weiten Halbkreise bis Herdern, Zähringen, und Langendenzlingen; und des folgenden Tages auch durch das Kirchzarter Thal aus, wodurch die Stadt völlig eingeschlossen wurde. Die Besatzung mochte sich auf 8000 Mann belaufen. In der Stadt befehligte General=Feldmarschall=Lieutenant, Freiherr von Damnitz (1685-1755). Täglich fielen kleine Gefechte mit abwechselndem Glücke vor; während der Feind mit fast unglaublicher Schnelligkeit seine Linien um die Stadt zog, und die Dreisam abgrub. Den 29. September wehten die ersten Fahnen auf den feindlichen Werken; den 6. October Nachmittags nahm die Beschießung den Anfang. Im gleichen Augenblicke schleuderten ein und zwanzig Kanonen- und zehn Mörser-Batterien ihre Kugeln in die Stadt, und setzten in weniger als einer Stunde sowohl die meisten Kasernen, als die den Wällen zunächst gelegenen Häuser in Brand [Schr25]. Die Bürgerschaft wird zum Löschen herangezogen, aber der Feind versucht durch Bombenwürfe, die Löschenden zu vertreiben. Was aber die Bevölkerung am meisten entmutigt, ist das gewissenlose Betragen der Besatzung selbst, die sich nicht scheut, in die brennenden Häuser einzudringen, um zu plündern und die Weinfässer einzuschlagen. Vor allem ist es die Schneckenvorstadt. die von den gefürchteten Panduren* völlig ausgeraubt wird [Stra43]. Des folgenden Tages fing das entsetzliche Feuer wieder an; zugleich verkündete ferner Kanonendonner von Neubreisach her die Ankunft des Königs von Frankreich.

*Habsburgische Truppen, die in Ungarn, Kroatien, Serbien und in der Walachei rekrutiert und häufig, so auch hier, als Grenztruppen Verwendung fanden.

 

Coigny hatte sich verbindlich gemacht, das Münster zu schonen, wenn gegenseitig kein Schuß auf den Lorettoberg fiele, von welchem aus Louis XV der Belagerung beiwohnen würde [Schr25]; das Münster ist so voll von Menschen, Betten und anderen Mobilien, daß sich kaum jemand darin bewegen kann [Stra43]. Von Schonung der übrigen Stadt wollte er durchaus nichts wissen. So wurde das heftigste Feuer ununterbrochen fortgesetzt, daß bald sämmtliche Kanonen auf den Wällen der Stadt und Schlösser unbrauchbar wurden [Schr25]. Die Belagerer werfen aus mehreren Batterien meist Bomben von 100 Pfund, deren Füllung aus Brandstoffen und Nägeln besteht ... werden im Ganzen deren etwa 23 530 Stück= und Bombenschüsse abgefeuert [Bade82]. Der Amtsschreiber notiert:  En fin, es ware nit anderst, als wann die lebendige Höll offen stunde.

 

Das Mehlmagazin geht in Flammen auf. Die Not beginnt greifbar zu werden. Zum ersten Male geht das Wort ,,Kapitulation" von Mund zu Mund. Aber es ist noch nicht so weit. Die Bürgerschaft ist noch nicht gedemütigt genug. Täglich muß sie nun 2 - 300 Schänzer liefern. Werden sie nicht pünktlich gestellt, soll der Schultheiß an die Palisaden gebracht und erschossen werden. Die Kaserne beim Breisacher Tor brennt völlig nieder. Die Bürgersöhne werden beim Auf- und Abladen der Munition und zu Schanzarbeiten an den gefährlichen Stellen verwendet. Viele werden getötet und verwundet. Das Brescheschießen hat an verschiedenen Orten schon erhebliche Zerstörungen angerichtet Nachts wirft der Feind Leuchtkugeln und Pechkränze [Stra43]. Was dann noch im Einzelnen geschah, überliefert uns Ignaz Hub in seinem Gedicht:

 

Der Kanonier von Freiburg

Breisach, des Deutschen Reiches Kissen
War längst des Kaisers Macht entrissen.

Des Königs Heer mit Schall und Klang
Vor Freiburg steht's am Bergeshang.
Fern blinkt des Generalstabs Rüstung
Von des Lorettohügels Brüstung.
Vive Louis quinze!  Er tritt herfür
Aus der Kapelle Gnadentür;
Rekognosziert auf ihrer Schwelle
Die Dreisamstadt und ihre Wälle.

 

Vom Schloßberg späht Artillerie,
Des Königs Stab erkannte sie.
Ist's nicht sein Federbusch, der bunte?
Schnell greift der Kanonier zur Lunte:
Habt acht, dem welschen Königlein
Soll einmal deutsch gepfiffen sein!
Ha, Blitz und Schlag! Drei Spannen Maß
Ob seinem Haupt die Kugel saß.
Noch steckt der Eisenball zur Stelle
Dicht ob dem Pförtlein der Kapelle.

 

Der König stutzt, als von der Wand
Ihm Mörtel fällt auf Kopf und Hand.
Er winkt, aus zwanzig Feuerschlünden
Die Antwort ihnen baß zu künden.
Die Stadt entbeut er dann zum Gruß
Noch den Bescheid auf solchen Schuß:
Sollt fürder auch mein Haupt bekümmern,
Schieß ich das Münster euch in Trümmern!
Ma foi! Ein Ziel von Majestät,
Die höher wohl als meine steht!

 

Vom Schloßberg schwiegen die Kanonen.
Solch einen Tempel muß man schonen!*

 

 *Zwar wird das Münster verschont, doch das Annakirchlein in der Wiehre wiederum zerstört, wie ein dort angebrachter Text erklärt: Ao 1744 Wurd Ich Durch Den Krieg Zum Dritten Mahl Zu Grund Gericht Und Ao 1753 Zur Ehr Gottes Maria Deren H. Ciriaciu Perpertua Wider Auf Gericht.

Anton Thaddäus von Sumerau

Anton Thaddäus Vogt von Sumerau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Letzte habsburgische Nobilitierung und Wappen

für den Rektor der Freiburger Universität

Johann Maria  Weissegger vom 9. Oktober 1804

 

 

 

 

 

Den Stock in der Hand in die Kriegsgefangenschaft

 

Damnitz fand es jetzt für nöthig, da sich die Besatzung immer mehr schwächte, die äußern Werke zu verlassen, und sich auf die inneren zurückzuziehen. Der Feind legte daher die Breschbatterien an, konnte aber mehrere Tage wegen sehr schlechter Witterung nur geringe Fortschritte machen. Endlich begann auch den 26. das Brescheschießen gegen die Kaiserbastei aus elf Kanonen. Die Ungeduld des Feindes stieg; von Tag zu Tag wurde das Feuer heftiger fortgesetzt, und nicht einmal des Münsters mehr geschont. Während des Gottesdienstes und nach demselben flogen Kugeln unter die dort versammelte Volksmenge, und manches köstliche Schmuckwerk wurde von der Aussenseite des herrlichen Gebäudes herabgeworfen [Schr25]. Am 4. November fällt eine Bombe in die Zehendscheuer der Deutschordens-Kommende und setzt die dort lagernden Garben und Früchte, Mohnsamen, Nüsse usw, in Brand. Ein Feuerregen ergießt sich über Stadt und Münster. Die Bürgerschaft ist im Löschen unermüdlich, aber da und dort sinkt einer von Bomben zerrissen in sich zusammen. Die Stadt und die Schlösser sind kaum mehr fähig, sich zu halten [Stra43].

 

Über der Tür des Schlosses in Munzingen:
Ludevicus XV, Gallischer König, Eroberer Freiburgs wohnte hier vom 11. Oktober bis 9. November 1744

Stündlich erwartete man einen Hauptsturm. Um jedoch die Stadt einem solchen nicht auszusetzen, wurde den 5. November Waffenstillstand geschlossen, und bald darauf die weiße Fahne aufgesteckt. Des folgenden Morgens fuhr Damnitz in das Hauptquartier zum Könige nach Munzingen und kehrte erst in später Nacht mit einer Capitulation zurück, welche allgemein Unzufriedenheit erregte. Denn statt des angetragenen freien Abzuges mußte sich die ganze Besatzung der Stadt, wenn sie nicht anders kriegsgefangen sein wollte, in die Schlösser ziehen.

 

Gegen Abend rückten die Belagerer in schlechter Ordnung ein, und brachten die Nacht auf den Straßen zu. Am folgenden Morgen wurden alle Thore geöffnet, und die Landleute brachten wieder frische Lebensmittel. Doch waren diese bei den großen Vorräthen während der ganzen Belagerung kaum merklich gestiegen. Coigny verbot nun unter Todesstrafe jede Verbindung mit den Schlössern und benützte die Zeit der Waffenruhe, seine Arbeiten gegen dieselben auszuführen. Von einer Capitulation wollte er natürlich nichts wissen. Er gestand nur so viel zu, daß die Besatzung mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiele durch die Stadt ziehe; und dann, den Stock in der Hand, ihren Weg weiter in die Kriegsgefangenschaft fortsetze … [Schr25].

 

Die von den früheren Kriegen ausgesogene Stadt kommt mit einer Glockenlösung von 40 000 Livres davon, die aber auf dringende Vorstellungen der Stadtgewaltigen auf die Hälfte herabgesetzt wird. Freilich hat die Bürgerschaft wieder unter der Einquartierung von viertausend Mann stark zu leiden. Außer von anderen Auflagen wird die Bevölkerung hart von der Bestimmung getroffen, daß Frauen und Kinder die Stadt zu verlassen und auf den Schlössern Zuflucht zu suchen haben. Es handelt sich um rund tausend Frauen und zweihundert Kinder. Wegen der Übergabe der Schlösser gehen die Verhandlungen noch bis zum 25. November bin und her, an welchem Tage auch die Kapitulation der letzten Befestigungen auf dem Schloßberge unterzeichnet wird. So fiel Freiburg nach mehr als zweimonatiger Belagerung.

 

Die Besatzung konnte mit klingendem Spiel frei abziehen. Die Stadt aber hatte wieder die Lasten zu tragen. An Lebensmitteln mußte sie 8453 Zentner Mehl, 3580 Zentner Brot und 79230 Portionen Zwieback abliefern [Stra43].

 

Die übliche Siegesmedaille zeigt auf der Rückseite die personifizierte Freiburga vor den Ruinen der Stadt sich auf den zerbrochenen Schild mit dem Rabenkopf stützend. Feldzug zur Genesung des Erhabenen, wohl nach einer Erkrankung des Königs. Das eroberte Freiburg im Breisgau. 6. November 1744.

 

Lud XV Rex Christianess.
Louis XV allerchristlicher König

Augusti convalescentis expeditio Friburgum Brisgoie expugnatum VI Novemb MDCCLIV

 

 

Elend yber Elend - ein Würkhung des grosen Comedsternen

 

 So besetzen die Franzosen nach 1638, 1677 und 1713 Stadt und Festung Freiburg zum vierten Mal. Der Freiburger Stadtschreiber erkennt darin eine Strafe Gottes:  Elend yber Elend - ein Würkhung des grosen Comedsternen, ahn welchen sich niemand gekhert, die Faßnacht ist forthgegangen, die Bäll seint gehalten worden, man hat gelacht, gescherzt, alß wann es unß nichts angienge, aber ach layder,  jetzt empfündet dei arme Statt Freyburg den traurigen Effect [Haum01].

 

Kaum waren die Besatzungen ausgezogen, so machten sich die Feinde an die Zerstörung der Festung, welche sie selbst einst mit so großer Anstrengung und so großem Schaden für Stadt und Land erbaut hatten. Ihre ersten Versuche im Sprengen waren nicht glücklich; sie verloren mehrere Leute … [Schr25]. Schließlich aber sprengen sie die Anlagen so gründlich, dass nicht nur ein Teil der Glasfenster des Münsters zu Bruch geht,  sondern seint alle Häuser rings umb die Statt, so nahe ahn der Fortification gelegen, totaliter ruiniert, vil die mehriste Gebäw mehr durch Sprengung als durch so harthe Belagerung undt Bombadierung erlitten [Haum01]. Eine Grabinschrift auf der geschleiften Festung lautet: Freiburg, dieser Schlüssel des Reiches, liegt gebrochen. Ehedem ein Ruhm Deutschlands und eine Zierde Österreichs ist es jetzt gefallen und ruht begraben unter seiner eigenen Asche [Bade82]. In der Tat, ein hundert Meter breiter Ruinengürtel liegt wie ein Friedhof um die Stadt.

 

Im Frieden von Breslau und Dresden bieten die Franzosen die heftig demolierte Festung Freiburg dem bairischen Kurfürsten an, der darob nicht begeistert ist. So muss endlich Louis XV die Stadt wieder den gehassten Habsburgern überlassen.

 

Außer einigen Unebenheiten in der Stadt und wenigen Resten auf dem Schlossberg blieb von Vaubans Meisterwerk allein das Breisacher Tor. Von der Gartenstraße aus blickt man auf die kleine Tordurchfahrt, die heute nach der Restaurierung des Gebäudes als Garteneingang zum Restaurant Coucou dient

 

Anfang 1745 verließen die Franzosen die Stadt. Am ersten Mai versammelte sich die Bürgerschaft zu einem Jubelfest im Münster. Aber erst der Friede zu Aachen 1748 entschied darüber, daß Freiburg den Österreichern verblieb [Stra43]. Die Franzosen ziehen sich auf die linke Rheinseite zurück, denn vorübergehend wendet sich Frankreichs Interesse wieder gegen Westen, wo es in den Folgejahren mit England einen Konflikt um die amerikanischen Kolonien ausficht.

 

 

Die Peräquitation in Kraft treten lassen

 

 Mitten in dieser schwerer Zeit hatte Maria Theresia am 24. April 1752 die Vorlande aus der Abhängigkeit Tirols und seiner Hauptstadt Innsbruck gelöst und im Rahmen der habsburgischen Erblande zu einer eigenen Provinz Vorderösterreich, welche den Breisgau, Schwäbisch-Österreich und Vorarlberg umschließt, gemacht. Am 1. Januar 1753 nimmt die vorderösterreichische Repräsentation und Kammer zu Konstanz für Publica, Politica und Oeconomica und die vorderösterreichische Regierung zu Freiburg für Justiz- und Lehensachen unter dem Präsidenten Anton Thaddäus Vogt von Sumerau ihre Arbeit auf [Spec10]. In Freiburg herrscht bittere Armut. Im Jahre 1754 leben in der Stadt nur noch 1627 männliche und 2028 weibliche Einwohner [Heil20].  

 

 

 

Im Breisgau ist der erste Stand der Prälaten auf Grund seines Reichtums - man denke an den Kirchenbesitz der Klöster St. Peter, St. Blasien und St. Trudberg - der bedeutendste. So bezieht der Abt von St. Blasien ein weit größeres Einkommen als der Fürstbischof von Konstanz, in dessen Diözese das Kloster fällt [Goth07]. Auch der alte Reichsadel derer von Andlaw, Pfirt, Reich und Schönau verfügt über zum Teil große Ländereien, klagt aber wie schon im Mittelalter über hohe Steuern und Abgaben. Zum zweiten Stand zählen sich auch die durch die großzügige Nobilitierungspraxis der Habsburger geschaffenen wenig besitzreichen neuen Ritter derer von Fahnenberg, Greiffenegg oder Rotteck, unter denen die Habsburger ihre treuen Staatsdiener rekrutieren. Sie geben als Verwaltungsbeamte, Juristen und Universitätsprofessoren der Gesellschaft ein festes Gerüst. Als dritter Stand ist die Bürgerschaft, in Zünften wohl organisiert, zu Wohlstand gekommen.   

 

 

 

 

 

Der Preußenadler

 

 

 

 

 

 

 

Maria Theresia
als Kaiserin

Der böse Mann von Sanssouci

 

Mit der Annexion Schlesiens hat sich in Deutschland neben Österreich die neue Großmacht Preußen etabliert. Der habsburgischen Monarchin mit dem katholischen Süden steht der frankophile preußische König, der besser französisch als deutsch spricht, mit dem überwiegend protestantischen Norden gegenüber. Im Osten stört Russland mit panslawischen Bestrebungen die Ruhe im habsburgischen Vielvölkerstaat. Da sucht Österreichs Herrscherin neue Verbündete gegen den bösen Mann von Sanssouci und schreibt: Seit 200 und mehr Jahren stunde Mein Ertzhauß mit dem Bourbonischen in beständigem Krieg und Eifersucht, und Frankreich ware in dieser Staats Maxime so vertiefet und verblendet, daß es hierüber seinen natürlichen Feind, die Cron Englands, fast ausser Augen verlohren und alle seine wiedrigen Absichten, ohne die anwachsende Preußische Macht zu erkennen, hauptsächlich gegen Mein Ertzhauß gerichtet. Der österreichische Staatskanzler Wenzel Anton Graf Kaunitz (1711-1794) bekräftigt in einer Denkschrift die Meinung Maria Theresias: Der Räuber Schlesiens verdiene sondern Zweiffel in die Classe der natürlichen Feinden oben an ... gesetzet, mithin als der ärgste und gefährlichste Nachbar des Durchlauchtigsten Ertzhaußes angesehen zu werden [Möll89]. Und er fährt fort: Soviel nun den König in Preussen anbetrifft, so verdienet Er sonder Zweiffel in der Classe der natürlichen Feinden oben an, und noch vor der Ottomanischen Pforten gesetzet, mithin als der ärgste und gefährlichste Nachbar des Durchlauchtigsten ERtzhause angesehen zu werden [Desc13].

 

Als nun England zur Sicherung seiner hannoverschen Gebiete mit Preußen die gegenseitige Konvention von Westminster zur Abwehr von Angriffen fremder Mächte abschließt, stößt Friedrich damit seinen Verbündeten Frankreich vor den Kopf. So kommt es nach dem fast dreihundertjährigen Konflikt zwischen Österreichern und Franzosen zu einer Annäherung der beiden Mächte. Maria Theresia ist bei dem renversement des alliances vornehmlich an der Sicherung des habsburgischen Besitzes interessiert, während das Reichsinteresse wieder einmal in den Hintergrund rückt. So stößt der Versailler Vertrag (hic!) von 1756 zwischen Österreich und Frankreich bei vielen Reichsständen auf Kritik: Ausgerechnet Frankreich, welches nach und nach so manches Stück dem Teutschen Reiche entrissen hat, und also diesem seit vielen Jahrhunderten her fatal gewesen ist, welches auch den Appetit, sich auf dessen Kosten zu vergrößern, schwerlich verloren haben oder verlieren wird [Schm99] Der Staatsrechtler Johann Jacob Moser (1701-1785) mahnt die deutsche Freiheit sarkastisch-ironisch an: Vormals hielt man Frankreich für den Erbfeind des Hauses Oesterreich und der teutschen Nation: Seit A. 1756 aber seynd schon berühreter maßen, Oesterreich und Frankreich Herzensfreunde, und Teutschland hat es in dem selbigen Jahr entstandenen Krieg reichlich zu genießen gehabt [Schm99].

 

 

Sieben Jahre Krieg (1756 - 1763)

 

Damit meint Moser den Siebenjährigen Krieg, den Friedrich II., als er den politischen Klimawechsel spürt, wie schon 1744 mit einem präventiven Einmarsch beginnt, diesmal in Sachsen mit 60 000 Mann am 29. August 1759. Wie schon im Dreißigjährigen Krieg ist dieses Land nicht groß genug, um sich zu verteidigen, aber groß genug um überfallen zu werden [Wind10]. Da tönt es aus Wien: Preußen hat solchemnach als Urheber eine ganz neue Art Krieg zu führen aufgebracht, dergleichen kein Exempel in den Kriegs Geschichten aufzuweisen. Sie wird in solcher Gestalt ausgeübt, daß alles im Reich zu Grunde gerichtet würde, wenn sich Preußen darinnen, wie die Schwedische Armee im 30-jährigen Krieg, ausbreiten könnte [Möll89].

 

Mit einigen Mühen bringt Wien wegen der Verletzung des Reichs-Landfriedens Anfang 1757 eine Reichsexekution gegen den Kurfürsten von Brandenburg zustande. Da möchte Frankreich als Garantiemacht des Westfälischen Friedens auch seine Finger im Teig haben. Schließlich kämpft eine Reichsarmee Seite an Seite mit Franzosen und Russen gegen den Alten Fritz, der sein Land mit viel Feind, viel Ehr' an den Rand des Abgrunds führt.

 

Später in seinen Denkwürdigkeiten schreibt der Preußenkönig: Wer in das Getriebe der großen europäischen Politik gerät, wird es schwer haben, seinen Charakter rein und makellos zu bewahren. Er verschweigt dabei, dass er sich selbst in dieses Getriebe manövriert hat und fährt fort: Er ist ständig gefährdet, von seinen Verbündeten verraten und von seinen Freunden in Stich gelassen, von Mißgunst und Eifersucht erdrückt zu werden. Und so steht er schließlich vor der schrecklichen Wahl entweder sein Volk zu opfern oder sein Wort zu brechen [Fisc06]. Knapp 200 Jahre später steht dann ein naturalisierter Österreicher vor der gleichen Entscheidung. Nachdem er vielfach wortbrüchig sein großdeutsches Volk geopfert und ihm zynisch bescheinigt hatte, dass es seiner nicht wert sei, flüchtet er sich in feigen Selbstmord.

 

Mit dem Rücken zur Wand bedient sich Friedrich massiv der Eigenpropaganda, die ihn als Aufklärer und Heilsbringer hochstilisiert, der die deutsche Freiheit und die evangelische Religion gegen eine erdrückende katholische Übermacht und gegen den Erzfeind Frankreich verteidigt:

 

Wenn Friedrich, oder Gott durch ihn,
Das große Werk vollbracht,
Gebändigt hat das stolze Wien,
Und Deutschland freigemacht

 

Der nichtreligiöse Friedrich schreibt an seine Schwester Wilhelmine und glaubt wohl selbst daran: Schließlich gilt es hier die Freiheit Deutschlands, die Freiheit der protestantischen Sache, für die schon so viel Blut geflossen ist [zu verteidigen]. Diese beiden großen Fragen stehen auf dem Spiel [Möll89]. Der preußische Expansionismus ließ sich tatsächlich als Befreiung Deutschlands deuten - vom Joch des Papsttums und eines habsburgischen Kaisers, von französischer Ausbeutung und politischer Ohnmacht, von Aberglauben und Unvernunft [Schm99], denn Kaunitz hatte den Krieg dem Vatikan als per la nostra santa religione cattolica empfohlen und dem österreichischen Gesandten aufgetragen, er möge den Romanischen Hof deutlich überzeugen, dass es nunmehro auf die Rettung Unserer heyligen religion haubtsächlich ankomme, mithin die Nothwendigkeit erfordere, dass der Päpstliche Stuhl dem hiesigen Hof mit Geldmitteln ehebaldigst beyspringe … [Desc13].

 

 

Pietas Germanica versus Pestis Germaniae

 

Die Habsburger streben danach, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und die Pietas Austriaca wieder zur Pietas Germanica und zum Triumph der Römischen Kirche über die lutherische Pestis Germaniae werden zu lassen [Schi89]. In diesem Sinne schreibt auch Maria Theresia an ihren Feldmarschall Leopold Joseph Graf Daun (1705-1766): Der wahre Gegenstand des gegenwärtigen Kriegs [besteht] nicht blosserdings in der Wiedereroberung Schlesiens und Glatz, sondern in der Glückseligkeit des Menschlichen Geschlechts und in der Aufrechterhaltung Unserer heiligen Religion, von welcher Ich in Teutschland fast die alleinige Stütze abgebe [Möll89]. Nostre truppe, le armi austriache ist die armi cattoliche, welche die guistissima causa Maria Theresias vertritt [Desc13]. Die Reichspublizistik von den Habsburgern und dem Heiligen Stuhl geschickt gesteuert projiziert Friedrich als atheistische, verderbte Ausgeburt protestantischer Häresie, was den offen zur Schau getragenen Agnostizismus des Roi philosophe ins Groteske verzerrte [Schi89],

 

Die Meinung der Menschen in Deutschland über den deutsch-deutschen Krieg ist durchaus geteilt und selbst die Familie des jungen Goethe (1749-1832) in Frankfurt spaltet sich in Anhänger der österreichischen Monarchin und des Preußenkönigs. Man wusste auch dann noch weiter zu unterscheiden, wie Goethe in seinen Lebenserinnerungen Dichtung und Wahrheit: Und so war ich denn auch preußisch, oder um richtiger zu reden, fritzisch gesinnt, denn was ging uns Preußen an. Es war die Persönlichkeit des großen Königs, die auf alle Gemüter wirkte. Ich freute mich mit dem Vater unserer Siege, schrieb sehr gern die Siegeslieder ab und fast noch lieber die Spottlieder der Gegenpartei, so platt die Reime auch sein mochten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Preußische Kriegslieder von dem damals noch jungen Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Friedrich gestifteter Preußischer Verdienstorden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Derjunge Mozart
 von Fabricio Scipioni

Der Salomo des Nordens

 

In Frankreich hat Friedrich der Große auch heute noch einen guten Ruf. Vergeblich versucht Heine (1797-1856) in seiner Schrift Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland das Bild des Preußenkönigs zurechtzurücken [Hein34]: Über den gekrönten Materialismus seid Ihr hinlänglich unterrichtet. Ihr wißt, daß er französische Verse machte, sehr gut die Flöte blies, die Schlacht bei Roßbach gewann, viel Tabak schnupfte und nur an Kanonen glaubte. Einige von Euch haben gewiß auch Sanssouci besucht, und der alte Invalide, der dort Schloßwart, hat Euch in der Bibliothek die französischen Romane gezeigt, die Friedrich als  Kronprinz in der Kirche las, und die er in schwarzen Maroquin einbinden lassen, damit sein gestrenger Vater glaubte, er läse in einem lutherischen Gesangbuche. Ihr kennt ihn, den königlichen Welt-weisen, den Ihr den Salomo des Nordens genannt habt.

Flötenspielender Friedrich von Adolph Menzel

Heine erinnert die ihm Asyl gewährenden Franzosen an ihre bittere Niederlage in der Schlacht bei Roßbach am 5. November 1757, die als der Wendepunkt des Siebenjährigen Krieges gilt. Hier greift der Alte Fritz überraschend mit nur 22 000 Mann ein doppelt so großes kombiniertes französisches und Reichs-Heer an, bevor die Truppen sich mit den Österreichern vereinigen können. Bereits nach zwei Stunden war aus der Reichsarmee eine Reißausarmee geworden. Friedrich verliert nur 600 Mann, während die Franzosen 3000 Gefallene zu beklagen haben und 7000 Soldaten in preußische Gefangenschaft geraten.  Begeistert singt das Volk nicht nur in Berlin, sondern in ganz Europa und sogar in Boston:

 

Wenn unser großer Friedrich kömmt
und klopft nur auf die Hosen,
so läuft die ganze Reichsarmee
Panduren und Franzosen
[Schi89].

 

Denn der Krieg hatte sich zu einem Weltkrieg ausgeweitet, den England und Frankreich auch in Nordamerika um Neufrankreich an der Hudson Bay ausfechten. Für das kleine Preußen ist die ausreichende Ernährung der Bevölkerung und der Truppen von entscheidender Bedeutung. Sicherlich hat der von Friedrich vorangetriebene Kartoffelanbau bei den langen kriegerischen Auseinandersetzungen den Preußen einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Österreichern verschafft, die damals fast ausschließlich auf den Verzehr von Getreide angewiesen waren. Heine sieht das etwas literarischer: Wir sind ein denkendes Volk, und weil wir so viel' Gedanken hatten, daß wir sie nicht alle aufschreiben konnten, haben wir die Buchdruckerei erfunden, und weil wir manchmal vor lauter Denken und Bücherschreiben oft das liebe Brot nicht hatten, erfanden wir die Kartoffel [Hein40].

 

Unterwürfig und gleichzeitig ein wenig stolz präsentieren die Bauern dem Alten Fritz
 die reiche Kartoffelernte

 Die letzte große und blutigste Schlacht des Siebenjährigen Kriegs findet 1760 bei Torgau an der Elbe statt. Wieder einmal sind die Österreicher den Preußen numerisch überlegen. Christian Bernhard Rode (1725-1797) zeigt in seinem Gemälde Friedrich vor der Schlacht bei Einbruch der Dunkelheit an einen Baum gelehnt.

 

 

Nachdenklich schaut er einem Mädchen zu, das die preußische Wunderknolle in einem Topf auf offenem Feuer zubereitet. Hatte der alte Zieten (1699-1786) davon gegessen? Denn als die Schlacht schon verloren scheint, kommt er aus dem Busch, erobert die österreichische Hauptbatterie und lässt die Kanonen gegen den Feind wenden. Das bringt die Entscheidung, aber auch die beidseitige Erschöpfung, denn die Preußen erkaufen ihren Sieg mit dem Verlust von 16 750 Mann, während die Österreicher nur 15 200 verlieren. Friedrich versucht sich zu trösten: Sachsen zwischen Dresden und Meissen ist völlig ruinirt. Mich jammern die Todten und Blessirten unendlich; aber doch ist besser bei Dresden, als bei Berlin [Frie12].

 

 

Kleiner Mann mit Degen

 

 Während des deutsch-deutschen Bruderkampfes steht die Westflanke des in Agonie liegenden deutschen Reiches weit offen. So erlebt der zehnjährige Goethe 1759 die Besetzung der Reichsstadt Frankfurt durch französische Truppen nebst deren Einquartierung in seinem Elternhaus. Dafür darf er nach Abzug der Franzosen und in der Folge des Erschöpfungsfriedens von Hubertusburg 1763 den jungen österreichischen Kulturbotschafter Mozart (1756-1791) spielen hören. Er berichtet darüber Eckermann (1792-1854): Ich habe ihn als siebenjährigen Knaben gesehen, wo er auf einer Durchreise ein Konzert gab. Ich selber war etwa vierzehn Jahre alt, und ich erinnere mich des kleinen Mannes in seiner Frisur und Degen noch ganz deutlich [Ecke12].

 

 

 

Friedrich hatte mit den bei der Invasion Sachsens erbeuteten Münzstempeln millionenfach polnische Münzen mit minderwertigem Silbergehalt prägen lassen, um damit gutes Geld aufzukaufen. Schätzungen gehen von einem Verlust von 30-35 Millionen guten Talern für Sachsen/Polen aus [Frie12].

 

Nach dem Erschöpfungsfrieden schreibt Friedrich: Unser Kriegsruhm ist sehr schön aus der Ferne anzusehen; aber wer Zeuge ist, in welchem Jammer und Elend dieser Ruhm erworben wird, unter welchen körperlichen Entbehrungen und Anstrengungen in Hitze und Kälte, in Hunger, Schmutz und Blöße, der lernt über den Ruhm ganz anders zu urteilen [Oste12]. Späte Einsicht, nachdem in 16 großen Schlachten 180 000 Preußen gestorben waren.

 

 

Der Sieger des Siebenjährigen Krieges in Herrscherpose auf Landkarten pochend, welche das eroberte Schlesien zeigen. Dieses angeblich einzige von Johann Georg Ziesenis 1763 nach dem Leben gemalte Portrait zeigt den 41-jährigen König nach den Strapazen der Kriege ein wenig gealtert.

 

 

Ich habe mich bemüht, die Pflicht zu tun

 

Nach den Zerstörungen des verheerenden Siebenjährigen Krieges setzt im Reichsgebiet ein Wirtschaftsaufschwung ein. Ein Zeitgenosse berichtet: Und so sahen wir ... wenigstens einen Teil teutscher Fürsten ... in der Belebung des Kunstfleißes, in der Aufmunterung des Ackerbaus, in der Verbesserung der Staatsökonomie rühmlich wetteifern: Länder wie Baden, wie Dessau sind wahre Gärten Gottes, gepflanzt von Fürstenhänden [Schm99].

 

Auch in Preußen, denn nun handelt Friedrich nach den Maximen seines Politischen Testaments: Pflicht eines jeden guten Bürgers ist es, dem Vaterland zu dienen, daran zu denken, dass er nicht allein für sich auf der Welt ist, sondern dass er zum Wohl der Gesellschaft, in den ihn die Natur gesetzt hat, arbeiten muss. Ich habe mich bemüht, diese Pflicht nach meinen schwachen Kräften und Einsichten zu erfüllen [Oste12]. In der Tat, nach dem Siebenjährigen Krieg nimmt Friedrich seine anti-machiavellischen Ideen, dass ein regierender Fürst der erste Diener seines Staates ist und die Aufgabe hat, sein Volk glücklich zu machen, wieder auf. Er arbeitet wie ein Besessener am Retablissment, an der Verbesserung des Lebens seiner Untertanen, gönnt sich dabei aber auch prächtige Bauten wie das im Jahr des Friedensschlusses 1663 begonnene und 1669 fertiggestellte Neue Palais in Potsdam, ein opulenter Prestigebau, den Friedrich selbst als Fanfaronnade (Prahlerei) bezeichnet und ganz im Gegensatz zu Sans, Souci nur ungern bewohnt.

 

 

In keinem Erbland herrscht eine gleiche Unordnung

 

 In einem sogenannten politische Testament von 1756 hatte Maria Theresia eine Besteuerung aller Stände angemahnt: Nötig wäre in jedem Land die Rectification zu Stande zu bringen … damit die Contributionslast mit gleichen Schultern von allen getragen wird [Kage81]. Doch die Prälaten und Ritter verteidigen ihre alten Privilegien  und versuchen, die Bürde auf die Bauern abzuwälzen. Als 1763 die vorderösterreichischen Bauern sich in Wien beschweren, dass sie von den Zinsen einer kaiserlichen Anleihe über 130 000 Gulden bisher keinen roten Heller gesehen hätten, obgleich ihre Herrschaften die Prälaten und Ritter die Schuldverschreibung auf die Gemeinden umgelegt hätten, ist das Maß voll. Hofkanzler Graf Chotek (1704-1787) schreibt den hohen Herren: In keinem Erbland herrscht eine gleiche Unordnung.

 

Durch die laufenden Querelen mit den Ständen verärgert beschließt Maria Theresia, die Ständeversammlungen zu entmachten. Sie werden am 4. Juli 1764 mit kaiserlichem Dekret aufgelöst und durch einen gemeinsamen Konsess ersetzt, der aus je zwei Vertretern der drei Stände besteht und in dem Regierungspräsident von Sumerau den Vorsitz hat [Spec10]. Aus  Furcht vor weiteren drakonischen Maßnahmen geht es plötzlich mit der Einigung bei den Abgaben ganz schnell. Fortan werden alle Einkünfte der Geistlichen und der Adeligen zur Steuer herangezogen, jedoch bleibt wie in anderen Erbländern der Steuerfuß verschieden, indem von dem Steuergulden, dem geschätzten Reinertrag, bei den Bauern 25%, bei den Dominien 16% erhoben werden [Goth07]. Diese Reform, welche den Ritteradel und die Prälaten in den Kreise der Steuerpflichtigen zwingt, bringt Sumerau im Breisgau bis 1764 und in Schwäbisch-Österreich bis 1768 zum Abschluss.  

 

 Bereits im Jahre 1759 waren die beiden Regierungsstandorte zur Repräsentation, Regierung und Kammer in den vorderösterreichischen Fürstentümern und Landen in Freiburg zusammengezogen worden. Ab 1763 nennt sich die Verwaltung vorderösterreichische Regierung und Kammer.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Joseph II.

Friedrich stimmt für Joseph

 

Friedrichs Begegnung mit Kaiser Joseph in Neisse 1769 von Adolph Menzel

Im Frieden von Hubertusburg wird Preußen der Erwerb Schlesiens und Glatz' bestätigt. So gibt der Alte Fritz seine Kurstimme gern den Habsburgern und besonders Joseph seinem Bewunderer, dem ältesten Sohn Maria Theresias.

 

Im folgenden Jahr findet in Goethes Heimatstadt Frankfurt die einstimmige Wahl und die Krönung Josephs II. (1765-90) zum römischen König statt, der nun zusammen mit seiner Mutter das Deutsche Reich regiert. Die feierliche Zeremonie, die Johann Wolfgang als 15-jähriger aktiv miterlebt, rührt den Teenager an und er schreibt in Dichtung und Wahrheit: Einerseits hatte ich an diesen Dingen manche Lust: weil alles, was vorging, es mochte sein von welcher Art es wollte, doch immer eine gewisse Deutung verbarg, irgend ein innres Verhältnis anzeigte, und solche symbolische Zeremonien das durch so viele Pergamente, Papiere und Bücher beinah verschüttete Deutsche Reich wieder für einen Augenblick lebendig darstellten; andrerseits aber konnte ich mir ein geheimes Mißfallen nicht verbergen, wenn ich nun zu Hause die innern Verhandlungen zum Behuf meines Vaters abschreiben und dabei bemerken mußte, daß hier mehrere Gewalten einander gegenüber standen, die sich das Gleichgewicht hielten, und nur insofern einig waren, als sie den neuen Regenten noch mehr als den alten zu beschränken gedachten; daß jedermann sich nur insofern seines Einflusses freute, als er seine Privilegien zu erhalten und zu erweitern, und seine Unabhängigkeit mehr zu sichern hoffte.

 

Gegen diese Auffassung wendet sich Johann Jacob Moser 1766 in seiner Schrift Von dem deutschen Nationalgeist: Wir sind Ein Volk, von Einem Nahmen und Sprache, unter Einem gemeinsamen Oberhaupt, unter Einerley unsere Verfassung, Rechte und Pflichten bestimmenden Gesezen, zu Einem gemeinschaftlichen grossen Interesse der Freyheit verbunden, auf Einer mehr als hundertjährigen Nationalversammlung zu diesem wichtigen Zweck vereinigt, an innerer Macht und Stärke das erste Reich in Europa, dessen Königscronen auf Deutschen Häuptern glänzen, und so, wie wir sind, sind wir schon Jahrhunderte hindurch ein Räthsel politischer Verfassung, ein Raub der Nachbarn, ein Gegenstand ihrer Spöttereyen, ausgezeichnet in der Geschichte der Welt, uneinig unter uns selbst, kraftlos durch unsere Trennungen, stark genug, uns selbst zu schaden, ohnmächtig, uns zu retten, unempfindlich gegen die Ehre unseres Namens, gleichgültig gegen die Würde der Geseze, eifersüchtig gegen unser Oberhaupt, mißtrauisch unter einander, unzusammenhangend in Grundsäzen, gewaltthätig in deren Ausführung, ein grosses und gleichwohl verachtetes, ein in der Möglichkeit glückliches, in der That selbst aber sehr bedauerenswürdiges Volk [Möll89].  

 

Goethe fährt in seinem Bericht über die Krönungsfeierlichkeiten des Jahres 1764 fort: Der junge König schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Karls des Großen, wie in einer Verkleidung, einher. Die Krone, welche man hatte füttern müssen, stand wie ein übergreifendes Dach vom Kopf ab und schließt seinen Bericht über die Krönungsfeierlichkeiten mit der Bemerkung, dass die anwesenden Granden des Reiches diesmal noch aufmerksamer [waren] als sonst, weil man sich vor Joseph dem Zweiten, vor seiner Heftigkeit und seinen vermutlichen Plänen zu fürchten anfing.

 

 

Reveries politiques

 

In der Tat hatte Joseph 1763 in einer als Reveries politiques bezeichneten Denkschrift geträumt:  Die beiden grundlegenden Prinzipien, nach denen man handeln soll, sind die unumschränkte Macht, für den Staat alles Gute tun zu können, und das Mittel, diesen Staat ohne fremde Hilfe zu unterhalten. Um diese beiden Ziele zu erreichen, würde ich befürworten,

1. die Großen herabzusetzen und ärmer zu machen, da ich es nicht für sehr nützlich halte, daß es kleine Könige und reiche Untertanen gibt, die in Wohlstand leben, ohne sich darum zu sorgen, was aus dem Staat wird ...

2. Das Mittel, daß ich vorschlagen werde, um den Staat augenblicklich wieder instand zu setzen, wird den nutzlosesten Elementen eines Gemeinwesens, nämlich denjenigen, die von ihrem Kapital leben, einen großen Schlag versetzen. Ich würde verkünden, daß man von jetzt an keinen höheren Zinssatz als drei Prozent zahlen werde ...

Doch dann bekommt der junge Joseph kalte Füße: Die Herabsetzung der Großen, die ich am nützlichsten und notwendigsten finde, ist eine Zielsetzung, die man kaum sich selbst eingestehen sollte, aber die man bei allen seinen Handlunge im Blick haben muß … [Desc13].

 

Dabei hatte Mutter Maria Theresia den jungen König ermahnt: nicht zu rasch seinen Ideen zu folgen, sondern die bestehenden Zustände und Gesetze bedächtig zu überlegen und solche nur zu ändern, wenn er sie wirklich verbessern könne. Ein gescheidter Kopf jener Zeit fällt in einem vertrauten Briefe das Urtheil: Joseph ist ein unruhiger Projectenmacher, welcher zu hohen Geist und zu wenig Verstand besitzt, weil er glaubt, solchen allein zu haben [Bade82]. Der Historiker Ludwig Häusser (1818-1867) kritisiert seine unstete Art gleichsam auf der Reise zu regieren, beim Anblick des Mißliebigen rasch eine Menge von Entwürfen zu extemporieren, um sie dann bald wieder selbst zu verlassen und durch neue zu ersetzen [Goth07].

 

 

 … die Albertina in größeren Flor zu bringen …

 

Und manche Befürchtung bewahrheitet sich, etwa als Joseph II. nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges entschlossen ist, die bereits 1749 von seiner Mutter in der Wiener Studienordnung eingeführten und in Freiburg seit 1752 geforderten Unterrichtsreformen nun endlich auch an der Alma Mater Albertina zu erzwingen. Maria Theresia hatte u. a. verlangt, im Philosophiestudium von der bisherigen Lehrart abzugehen, als die jeweiligen Lehrmeister dieses an sich gar ersprießlichen Studium lediglich mit Subtilitäten angefüllt, die nützlichen Fragen nur obenhin berührt oder ganz übergangen und dabei die anberaumte dreijährige Frist bloß mit Diktieren durchgebracht hätten [Baum07].  Die stockkonservativen Freiburger Professoren hatten sich bis dato jeder Änderung in den Lehrmethoden widersetzt, auch die hohen Kosten einer Umstellung betont und hegten nun die trügerische Hoffnung, in Wien schlicht vergessen worden zu sein, nachdem man in der Hofburg während des langen Siebenjährigen Krieges andere Sorgen als Universitätsreformen hatte.

 

Zwar erkennt 1763 der Senat die Reformbedürftigkeit an, verweigert aber dann auf seine Privilegien pochend die Offenlegung der Universitätsfinanzen [Spec10]. Da bringt im Januar 1764 eine Bittschrift zur Abschaffung des zeitraubenden, einschläfernden Diktierens der Freiburger Studenten der Logik das Fass zu Überlaufen, denn besonders das Festhalten an den alten Lehrmethoden, die noch weitgehend der mittelalterlichen Praxis entsprechen z. B. das Vorlesen von Texten, hatte das Niveau der österreichischen hinter dem der ausländischen Universitäten zurückfallen lassen. Das galt besonders für Freiburg, dessen Hochschule nur deshalb über ihre lokale Bedeutung für Vorderösterreich, das Elsass und die Schweiz herausragte, weil sie bei den übrigen österreichischen Landeskindern den Ruf von leichten Examen hatte [Kage81].

 

Heinrich Schreiber (1793-1872) Professor für katholische Moraltheologie hat 1830 in einer Rede das niedrige Niveau der Freiburger Universität ab dem 17. Jahrhundert dem Einfluss der Jesuiten zugeschrieben: Es ist wohl das dunkelste Blatt in der Geschichte der Albertina, als zu Anfang des 17. Jahrhunderts, gegen allen Geist und Wortlaut ihrer Verfassung, ein fürstlicher Machtanspruch gewaltsam in ihr innerstes Leben eingriff und ihr den Orden der Jesuiten zuführte, welcher auf das Monopol seiner Lehre sich stützend, die geistige Freiheit in Banden schlug und gemeinschaftlich mit jenem langen, für Deutschland so verderblichen Kriege auf mehr als ein Jahrhundert der Albertina Blüte brach. Glücklich, daß mit dem Falle dieses Ordens* die Hochschule in ihre ursprünglichen Rechte wieder eintrat und durch ihr schnelles Wiederaufblühen bewies, welch‘ einem unseligen Druck sie erlegen war [Baum07).

*Die Aufhebung des Jesuitenordens 1773 s. u.

 

Genüsslich führt Schreiber die Fragen an, welche die Jesuiten einst den Baccalaureanden anlässlich ihrer Examen stellten und über die sie disputieren mussten: Am 26. April 1623 wurde gefragt: Ob das Gewürm, das der Verdammten Leiber zernagt, durch Naturkraft im Feuer leben könne?. Manche Fragen erweisen sich als durchaus lebensnah und witzig, wie die vom 7. September 1629: Ob die Schlußfolge probabel sei: er verwendet keine Sorgfalt auf seinen Anzug, also ist er ein Genie? … Unterm 4. Juli 1657 und 23. Juli 1658 giengen die Väter der Gesellschaft auf deren weibliche Patronen über: 1. Welcher Promotor hat der Jungfrau Maria die Magisterwürde ertheilt?— 2. Ist der Mantel, womit sie ihre Schützlinge deckt, der philosophische? … Mitunter kamen auch anzügliche Fragen vor. 13. Dec. 1666: Was ist vom Verstand mancher Heiligen zu halten, welche die Philosophie verachtet zu haben scheinen? Schließlich dürfte die Frage vom 16. Juli 1687: Läßt sich den Schwaben ihre Geschwätzigkeit übel deuten? so ganz den Geschmack der Freiburger treffen [Schr59].

 

Um die Hochschule nun endlich in größeren Flor zu bringen, ernennt der junge Kaiser den energischen Regierungsrat Hermann von Greiffenegg (1737-1807) zum landesherrlichen Kommissar der Freiburger Universität. Joseph tut damit einen guten Griff, denn als die Professoren sich Greiffeneggs Reformbestrebungen widersetzen, suspendiert der kurzerhand die bestehende Universitätsverfassung, nimmt den Syndikus der Hohen Schule in Haft, lässt Archiv, Kanzlei und Bibliothek versiegeln und entlässt den Senat. Am 31. März 1767 oktroyiert Greiffenegg der Universität eine neue Konsistorialverfassung [Spec07]. Lehrstühle können nicht mehr frei besetzt werden, den Dekanen der vier Fakultäten setzt die Regierung einen Direktor vor. Für die theologische Fakultät ist der Abt von St. Märgen, für die juristische und philosophische der Liquidator von Greiffenegg und für die medizinische Joseph Lambert Baader zuständig [Aurn10]. Ein neu installierter Rektor erhielt eine Amtskette mit dem Konterfei Maria Theresias, die ihn daran erinnerte, wer seine Herrin war [Spec10].

 

 

Unsere Universitäten sind die unbedeutendsten in Deutschland

 

Diese Einmischung in die Autonomie der Universität mit der aufgezwungenen allerhöchsten Einrichtungsresolution und der Einsetzung eines neuen Senats durch die Regierung findet bei Beobachtern beißende Kritik. So meint der K&K Rittmeister und Auditor F. Jakob Sulzer 1780 nach einem Besuch der Universität, man sei vom Regen in die Traufe gekommen: Despotismus verträgt sich mit den Wissenschaften nicht. So wird ein österreichischer Lehrer eine Maschine, die am Draht gezogen wird, für sich nicht denkt, nicht denken darf; daher sind unsere Universitäten, im ganzen genommen, die unbedeutendsten in Deutschland [Kopf74].

 

Vielleicht ist die Notiz Kaiser Joseph zu Ohren gekommen, denn mit dem Gedanken Qualität geht vor Quantität befiehlt er am 29. November 1781:

 

1.   Sollen hierfüro die grossen Universitäten auf 3 in den Oesterr. und Böhmischen Landen eingeschränket werden, nämlich Wienn, Prag und eine in Gallitzien. Die Insprugger, die Brünner und die Freyburger cassiren, und werden nachhero

2.   In diesen nämlichen Provinzen und noch einigen anderen nur Gymnasien [Haas16].  

 

Die 1669 von Kaiser Leopold I. gegründete Innsbrucker Universität wird auf ein Lyzeum reduziert, Brünn geschlossen, doch an Freiburg geht dieser Kelch vorüber.

 

 

 

 

 

Ferdinand Carl von Ulm

 

 

 


Maria Antonia

 

Maria Antonia in Freiburg

 

Nachdem der erste Regierungspräsidenten der Provinz Vorderösterreich Sumerau am 18. Januar 1769  aus gesundheitlichen Gründen pensioniert worden war, ernennt Maria Theresia Ferdinand Carl von Ulm zu Erbach zum Nachfolger. Kaum ist der in Freiburg eingetroffen, bekommt die junge Provinz plötzlich staatspolitische Bedeutung, als die Annäherung Österreichs an den Erbfeind Frankreich in gut habsburgischer Tradition mit einer Heirat besiegelt wird.  Die jüngste Tochter Maria Theresias Maria Josepha Antonia (1755-1793), zur Hochzeit mit dem französischen Thronfolger Louis Auguste (1754-1793) bestimmt, soll, bevor sie für immer habsburgischen Boden verlässt, in Freiburg Zwischenstation machen. Zunächst jedoch wird am 19. April 1770 die Hochzeit der erst 14-jährigen Erzherzogin mit dem Dauphin per procurationem in Wien gefeiert, wobei Bruder Ferdinand (1754-1806) bei der Trauung den Dauphin vertritt. Am 29. April tritt Maria Antonia ihre 17-tägige Reise mit 57 Reisewagen gezogen von 366 Pferden an, wobei die Dauphine natürlich sechsspännig fährt.

 

Von Ulm sieht den Empfang des hohen Gastes als Bewährungsprobe an. Als Vorbereitung hatte der Freiburger Stadtrat bestimmt, alle Haubtgassen frisch zu pflastern, an allen Häusern die vorige Mahlereyen hinwegg, und insgesamt frisch weis anzuweiseln, Martins Thurm zu renoviren, wobei die traditionellen Hausnamen durch Nummern ersetzt werden. Das Mittelalter wird übertüncht, die Straßen werden gepflastert. Von Ulm möchte Freiburg ein städtisches, barockes Aussehen verpassen und lässt u. a. Kühe und Schweine aus dem Stadtbild verschwinden [Spec10]. Daneben gibt es Order aus Wien, als Freudenbezeugungen eine kleine Illumination zu veranstalten, eine Ehrenpforte zu errichten und eine Komödie oder Opera zu spielen [Kopf74].

 

Die Stadt scheut keine Mühen und Kosten und errichtet statt einer gleich drei Ehrenpforten: Johann Christian Wenzinger (1710-1797) baut im Auftrag der Stände einen Bogen im Renaissancestil zwischen Martinstor und Fischbrunnen*. Das städtische Ehrentor entsteht ebenfalls auf der großen Gass vor dem Christoffeltor auf der Höhe des heutigen Siegesdenkmals. Die dritte Ehrenpforte im Rokokostil errichtet die Universität auf dem Franziskanerplatz vor ihrem damaligen Hauptgebäude (heute Neues Rathaus) [Scha23].

*Der Fischbrunnen stand früher an der Stelle des heutigen Bertoldsbrunnen und wurde dann in die Kaiser-Joseph-Straße auf Höhe der Münsterstraße verlegt. Später musste er der Verkehrsplanung weichen und befindet sich heute auf dem Münsterplatz, doch noch immer machen die Gleise der Straßenbahn einen leichten Bogen um den ehemaligen Standort.

 

Ehrenpforte der Universität [Baum07]

Maria Antonia reist von Donaueschingen kommend durchs Höllental und wird vom Schwabentor auf einer eigens gebauten Feststraße außen an den Festungsanlagen vorbei zum Breisacher Tor geführt, durch das sie begleitet von 235 Personen am 4. Mai 1770 gegen 3 Uhr nachmittags mit einem Tross von 56 Wagen in Freiburg einzieht: Die dritte Stunde des Nachmittags brachte auch den so sehr begierdeten Augenblick würklichen mit sich, und sowohl das wiederholte Knallen des auf dem anliegenden Schloßberge gepflanzten groben Geschützes als das freudenvolle Geläute sämtlicher in dahiesigen Kirchtürmen befindlichen Glocken waren die vergnüglichsten Versicherungen des bereits erfolgen Eintrittes [Baum07].

 

 Am Abend müssen die Bürger Lichter in die Fenster stellen, während der Stadtrat die Triumphbögen und das Münster illuminieren lässt. Tausend brennende Maschinen, welche mit chimischen Feuer gefüllt wenigstens zwölf Stunden lang mit einem sternähnlichen Lichte brennen, und bey noch so ungünstigem Gewitter nicht erlöschen, schmücken das Münster und seinen Turm, der seinem herrlichen Gebäude nach an Alterthum und Pracht keinem etwas nachgiebt. Dem Abt von St Märgen erscheint der beleuchtete Münsterturm wie fallender feyriger Zukerhut [Kalc07].

 

 

Illuminiertes Münster (Stich von Peter Maier)

 

 Die tiefe Verbundenheit Freiburgs mit dem Hause Österreich kommt im Text der Festschrift zum Ausdruck: Niemals aber ist diese Stadt mit einer wesentlicheren höchsten Gnade beseligt worden, denn da sie aus allermildester Verfügung iher dermals allerglorwürdigst regierenden Höchsten Monarchin der Allerdurchlauchtesten Kayserin Königin Marien Theresiens Majestät das onschäzbarste Glicke genossen, dero jüngsten Tochter der Durchlauchtesten Erzherzogin Marie Antonie Königliche Hoheit in ihren Mauren zu umfangen, als Höchdieselben die Braut und Gemahlin des auch Durchlauchtesten Königlich Französischen Kronprinzen zu werden nach Versailles zogen. Gleich denn diese höchste Gnad auch unseren spätesten Nachkömmlingen auf allzeit onvergeßlich seye und zu der Ermunterung andienen solle, gegen das Allerdurchlauchteste Erzhauß Oesterreich eben jene eifervollste unterthänigste Devotion zu verewigen; welche Wir der jeztmalige Magistrat und die  sämtliche Bürgerschaft bey dieser glicklichsten Ereignis blicken gelassen, auch sonsten in unseren Busen onaufhörlich genähret haben, und die Wir mit uns in die Grube tragen werden.

 

 

 

Also rechnet sich der Magistrat für eine Pflicht an, gemäß anderseitigen Beyspielen die auf Höchstgesagte Durchreise von Ihnen veranstaltet und bewiesene Feyerlichkeiten auch seines Orts in den Druck zu befördern, um andurch auch das künftige Freyburg zur Nachahmung, und wo es möglich noch lebhafteren Bethätigung seiner tieffsten Ergebenheit aufzubieten, Uns über alle Massen glücklich preisende, wenn diese unsre treudevoteste Bestrebung der würcklich Regierenden Allergnädigsten Monarchie ebensowenig als Dero Durchlauchtesten Tochter der Königlichen Braut mißfällig seyn sollte  [Albe25].

 

Rückseite der Ehrenpforte der breisgauischen Landstände. Im Hintergrund die Große Gass

 

Schwierigkeiten bereitet der vorderösterreichischen Regierung allein die Gestaltung des Abendprogramms für den hohen Gast, da man nicht mit den besten Komödianten versehen sei. Zwar gibt es im oberen Stockwerk des Kornhauses seit einem Monat eine private Theatergruppe, die den Freiburgern Aufführungen bieten soll, welche die Verbesserung übler Sitten zum gegenstande haben, somit keine aergernus geben weniger sundhaftes gufft von sich ausgueßen, doch sieht man sich wegen eines höheren Niveaus lieber bei den Nachbarn um. Schließlich stellt gegen Erstattung aller Kosten Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz (1742-1799) Tänzer und Musiker der Mannheimer Hofschaubühne zur Verfügung. Die im Festsaal des Freiburger Jesuitenkollegiums* dargebotenen Stücke ohne Caressen vermögen aber die dunklen Ahnungen der 14-jährigen Antonia nicht zu vertreiben, die in Donaueschingen einer Freundin anvertraut hatte: Mir ist es, als müsste ich in den Tod gehen [Kopf74].

*nach der Säkularisierung Festsaal der Universitätsbibliothek, 1944 zerstört, heute Bücher Rombach

 

Der nächste Tag beginnt mit einem Festgottesdienst im Münster. Anschließend erhält Maria Antonia die Ehrengaben der Stadt. Es folgen Festzüge und Paraden bis zum Abend, der mit Theater- und Ballettvorstellungen sowie einer Besichtigung der illuminierten Ehrenpforten endet.

 

Ehrenpforte des Magistrats der Stadt Freiburg am Christoffeltor

 

Bei der Abreise der jüngsten Tochter dero allerdurchlauchtesten Kayserin Königin Marien Theresiens am Morgen des 6. Mai hatten die Stadt Freiburg und die vorderösterreichische Regierung für die Festlichkeiten zu Ehren der Erzherzogin die gigantische Summe von 200 000 Gulden ausgegeben [Quar02]. Die Kaiserin ist darüber not amused und rügt den Verschwender Carl von Ulm öffentlich*. Zum letzten Mal übernachtet Maria Antonia auf österreichischem Gebiet im Kloster Schuttern.

 

Am folgenden Tag führt man das junge Mädchen auf einer unbewohnten Rheininsel bei Kehl in einen extra errichteten Pavillon fein unterteilt in Frankreich und Österreich. Der mit Teppichen geschmückt, die die Vermählung des mythischen Horrorpaares Jason und Medea zeigen. Als der junge Goethe den Ort besichtigt, zürnt er: Ist es erlaubt, einer jungen Königin das Beispiel der grässlichsten Hochzeit, die vielleicht jemals vollzogen worden, bei dem ersten Schritt in ihr Land so unbesonnen vors Auge zu bringen?

 

Nachdem Maria Antonia im östlichen Österreich ihre Kleider abgelegt hat, schreitet sie nackt in Begleitung ihrer neuen Hofdame der Gräfin von Noailles als Marie Antoinette in den westlichen französischen Teil, wo man sie neu einkleidet. So wird aus der österreichischen Erzherzogin auch rein äußerlich la Dauphine. Anschließend steht ihrem festliche Empfang im benachbarten Straßburg dem in Freiburg in nichts nach.

 

Am 16. Mai kommt die Braut in Versailles an. Dort am französischen Hof wird Marie Antoinette später abfällig l’Autrichienne genannt, was sich auch als l'autre chienne interpretieren lässt. Wenn sie die andere Hündin ist, ist dann die Dubarry die eine?

*Zeitlebens kommt Regierungspräsident Ferdinand Carl von Ulm weder mit öffentlichem noch mit privatem Geld aus, das er zudem nicht auseinanderhalten kann, und steht mehrmals vor dem Bankrott [Quar02].

 

 

Karl Theodor von Wittelsbach (Wikipedia)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Freymüthige,
eine Monatsschrift

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Besuch Josephs II. im ältesten Patrimonium des Erzhauses

 

 Im Jahre 1777 schickt die Kaiserin ihren Sohn Joseph nach Paris mit dem Auftrag, ihrer Tochter Antonia kräftig ins Gewissen zu reden. Maria Theresia und mit ihr der Wiener Hof sind entsetzt über den frivolen Lebensstil der jungen Königin. Weit skandalöser ist jedoch ihre bis dato Kinderlosigkeit. Das liegt nun aber an Louis XVI, der an einer Phimose leidet. So gestalten sich Josephs politische Gespräche in Versailles eher medizinisch delikat.  

 

Vom erfolgreichen Besuch bei seiner Schwester (sie gebiert im folgenden Jahr eine Tochter) kommt Kaiser Joseph II. auf der Rückfahrt nach Wien am 19. Juli in Freiburg vorbei und steigt bescheiden als Graf Falkenstein im Gasthaus Zum goldenen Storken ab. Am Versailler Hof hatte Falkenstein mit seinem bescheidenen Auftreten einen tiefen Eindruck hinterlassen

 

A nos yeux étonnés
Falkenstein a montré
La majesté sans faste,
Par un honteux contraste
Nous lui avons montré
Faste sans majesté*

*Unseren erstaunten Augen hat Falkenstein die Majestät ohne Prunk gezeigt; in einem schandvollen Kontrast zeigten wir ihm den Prunk ohne Majestät

 

Was Paris billig ist, muss Freiburg recht sein. Der Kaiser zog sogleich beim Eintritte in's Zimmer seine Schriften aus der Tasche, fieng zu lesen an und arbeitete bis zu nächtlichen Ruhe. Sein Nachtmahl war ein Thee. Des Morgens früh arbeitete er wieder bis halb elf Uhr, gieng sodann, ungeachtet des Regenwetters, ohne Schirm in's Münster und wohnte auf der bloßen Erde knieend einer heiligen Messe bei [Bade82]. Er lehnt jeden Aufwand ab, denn als der Fürstabt von St. Blasien Martin Gerbert (1720-1793) sich anbietet, eine Festmesse im Münster zu halten, antwortet der Kaiser, es sei ihm eines, ob ein Abt oder ein Kapuziner die Messe lese [Hefe41].

 

 

 

Joseph II. beim Gebet im Freiburger Münster 1777. (Alabasterrelief von Joseph Horn)

 

 

 

Ein Brief vom 20. Juli 1777 aus Freiburg auf französisch an seine Mutter klingt recht enttäuscht: Die Stadt ist weder schön noch glanzvoll; sie gleicht einem großen Marktflecken. Sie besteht aus einer grande rue mal peignée* mit einigen Quergassen und ist viel weniger Stadt als St. Pölten … Die Hitze hat uns bis hier treulich begleitet; in diesen Bergen gibt es kein Lüftchen und es ist drückend, auch ist man davon ganz niedergeschlagen und bekommt einen leeren Kopf, besonders in dieser Herberge, in der die Zimmer sehr niedrig sind. Dieser Brief zeugt auch von dieser Verwirrung, zumal, da es Sonntag ist, alle Bauern aus der Umgebung gekommen sind, mich zu sehen. Morgen fange ich an, den Herren der Regierung zuzuhören und mit ihnen zu sprechen. Die Zahl der Angestellten in dieser kleinen Provinz macht mir Angst, und wie viele davon sind falsch eingesetzt. Die Regierung dieser Besitzung ist ganz am Ende zusammen mit einer Universität, die ihr Geld nicht wert ist. Dies besonders in der medizinischen und chirurgischen Abteilung, in der es fast keinen Studenten gibt [Arne67].

*die "schlechtgekämmte" große Gass

 

Natürlich möchte man den hohen Herrn unterhalten, doch der verbittet sich alle Zeremonien, Feuerwerke und Paraden als Dinge, die ihm nichts nützen, anderen aber Mühen und Kosten machen. Die abendlichen Theatervorstellungen der Studenten und Bürgertöchter verschmäht er mit der Bemerkung: Es wäre besser, wenn die Studenten studierten und die Bürgersmägden zu ihren Spinnrädern und Hausarbeit gingen.

 

In einem zweiten Brief vom 24. Juli an seine Mutter vertieft Joseph seine ersten Eindrücke über den Breisgau: Wenn man dieses Land recht betrachtet, ist es offensichtlich, dass da sehr wenig zu holen ist, und sobald es nichts ist, scheint die Vorsicht zu gebieten, möglichst viel herauszuholen und gleichzeitig die Untertanen so glücklich als möglich zu machen. In der jetzigen Situation verfehlt man beide Ziele; eine zu teure Regierung, zu zahlreich, falsch zusammengesetzt vertut die Einkünfte und macht die Leute unzufrieden.  

 

Zwanzig Regierungsräte kosten mit ihren Untergebenen 140 000 Gulden in einem Land, das insgesamt nur  300 000 Gulden bringt. Doch jeder macht etwas, sie untersuchen erfinden, fragen und schreiben und verdrießen alle Untertanen. Ein Präsident (der oben erwähnte Carl von Ulm), der seine Leute nicht im Griff hat, mit seinem Geld nicht auskommt und der sich undurchsichtiger Mittel bedient, um seine Ausgaben zu verschleiern, macht schlechtes Blut. Und die Universität ist auch nicht besser, scheint nicht wert zu sein, was sie kostet. Von den 24 Professoren haben einige nur sieben oder acht, andere mehr Hörer, doch ist die Hochschule zu schlecht aufgestellt, als dass sie mehr Studenten anziehen könnte. Die Regierung ist am Ende, zu weit von Wien entfernt, so daß sich alles verzögert. Justiz und Verwaltung sind nicht voneinander geschieden, und bei den Sitzungen herrscht keine Ordnung. Dann gibt es hier ein Militärkommando, das aber nur zwei kleine Infanteriebataillone zu befehligen hat. Das ist absurd. das Geld nicht wert. Wenn ich die anderen Landesteile gesehen habe, vor allem Vorarlberg, werde ich Ihnen mehr sagen können. Ich habe mir meine Meinung gebildet, aber ich muss alles noch verdauen [Arne67].

 

Übrigens hatte auch Breisach dem Kaiser nicht gefallen: Die Bürger von Alt Breisach, ich weiß nicht, von was die leben. Sie sitzen auf ihrem Felsen und können sich nicht gut um ihre Landwirtschaft kümmern. Und die anderen Berufe, außer den vier Firmen, die sich dort befinden, ich weiß nicht, was sie zu tun hätten. Das dortige Zuchthaus ist sehr sauber, aber den Insassen geht es zu gut. Ihnen geht es besser als zu Hause [Arne67].

 

Hotel Römischer Kaiser am Vorabend des Großen Krieges 1914 an der Kaiserstraße, Ecke Löwenstraße (©BZ).

 

 Im Nachhinein nützt es dem Ansehen Freiburg wenig, dass man zu Ehren Josephs den Goldenen Storchen in Römischer Kaiser und die schlecht gehaltene Hauptstraße in Kaiserstraße umbenennt. Nach einem kurzen Zwischenspiel mit dem Namen des Führers heißt die Straße seit dem letzten Kriege Kaiser-Joseph-Straße, um mögliche Assoziationen zu Wilhelm II. gar nicht erst aufkommen zu lassen

 

 

Tausche Belgien gegen Bayern: Zum Zweiten

 

Josephs II. negativer Eindruck beim Besuch in Freiburg bestärkt ihn in seinen Bestrebungen, die Grenzen des habsburgischen Besitzes mit Gebieten, die der Hauptstadt Wien näher liegen, zu arrondieren. In seinem oben erwähnter Brief vom 24. Juli greift er die Idee Karls VI. (1711-1740) wieder auf und schließt mit den Zeilen:  Der ganze Breisgau, Nellenburg, die Waldstädte, Rothenburg, die Ortenau und der Burggau sind abgetrennte Teile der Monarchie, deren Tausch sich vorteilhaft zur Arrondierung eignet. Vorarlberg, d. h. Bregenz und Konstanz dagegen gehören nicht dazu und müssen immer bei der Monarchie bleiben. Doch sollte man die angesprochenen Gebiete nicht für den Teil Bayerns bis zum Inn hingeben, dann würde man verlieren. Man benötigt Niederbayern bis zum Lech und die Oberpfalz, ohne die wäre es ein schlechtes Geschäft [Arne67].

 

Da bietet sich ihm eine willkommene Gelegenheit, seine Idee zu verwirklichen, als Ende 1777 in München der Wittelsbacher Kurfürst Maximilian III. (1745-1777) ohne direkten Erben stirbt und Bayern der pfälzischen Linie des Hauses in der Person Kurfürst Karl Theodors zufällt. Joseph bietet dem Pfälzer an, die habsburgischen Niederlande, die erst 1714 nach dem Spanischen Erbfolgekrieg im Frieden von Rastatt zu Österreich gekommen waren, gegen Bayern einzutauschen. Karl Theodor ebenfalls aus Arrondierungsgründen ist dem Tausch nicht abgeneigt. Der Kaiser lässt schon einmal vorsorglich österreichische Truppen in Niederbayern und in die Oberpfalz einrücken und verkündet: die bayerische Nation [ist] die nämliche, als wie die in den Erblanden, sie hat eine gleiche Sprache und besteht aus Deutschen. Mit der Einverleibung Bayerns hätte sich Osterreich eine Landbrücke zwischen Böhmen und Tirol gesichert und gleichzeitig zum Spannungsabbau die linke Rheinseite endgültig der Interessenssphäre Frankreichs überlassen.

 

In den Vorlanden rechnet man damit, am Ende in die Waagschale beim Länderschacher geworfen zu werden und ist mit Recht entsetzt.  Der Freiburger Stadtrat schreibt an Maria Theresia: Die für unsere Landschaft schreckliche Nachricht hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet ... Und sollte dieses Unglück der endliche Lohn sein für alle die Anhänglichkeit, welche das Breisgau 400 Jahre hindurch mit niemals unterbrochener Treue erprobt hat ... Es wäre durch unsere Urkunden dazuthun, wie das Breisgau mit allerhöchst landesfürstlichen Zusicherungen, de non oppignorando, nec permutando, aut quovis modo alienando* versehen sei. [Bade82].

* weder verpfändet, oder vertauscht, noch irgendwie veräußert zu werden

 

 

Kartoffelkrieg oder Zwetschgenrummel

 

 Die kleinen deutschen Fürsten und besonders auch die bayerischen Stände hatten schon lange mit Sorge beobachtet, wie der Kaiser Reichsinteressen hinter habsburgisches Hausmachtstreben zurückstellt. So weiß sich der Alte Fritz der Unterstützung der minderen Reichsstände sicher, als er im Gegenzug mit seinen Truppen in Böhmen einmarschiert und sich somit als Hüter der Reichsverfassung präsentiert. Natürlich geht es ihm nicht um das Reich, sondern um die Begrenzung der österreichischen Macht. So muss Joseph dem moralischen Druck der Stände und dem militärischen Druck Preußens nachgeben. Nach nur kleineren Scharmützeln kehren die aufmarschierten Truppen heim und erzählen in Preußen begeistert vom Kartoffelkrieg und in Österreich vom Zwetschgenrummel. Die Benennung Kartoffelkrieg soll daher rühren, dass sich die Preußen während der Kampagne in Ermanglung anderer Verpflegung von unreif ausgebuddelten Kartoffeln ernährten. Ob die Österreicher damals wirklich nur von reifen oder nicht ungestraft von unreifen Zwetschgen lebten, ist nicht überliefert. Die Bayern haben heute längst vergessen, dass es einst die Preißen worn, die einen Anschluss des Freistaats an Österreich verhinderten.

 

Ganz vergeblich war der Zwetschgenrummel für Österreich allerdings nicht, denn im Frieden von Teschen tritt Kurfürst Karl Theodor den Habsburgern das niederbayrische Inntalviertel ab, wo gut zweihundert Jahre später ein gewisser Adolf Hitler das Licht der Welt erblickt.

 

Bei den neuen österreichischen Untertanen regt sich heftiger Unmut. Unter den annektierten Bayern kursiert ein Vater unser gerichtet eigenartigerweise nicht gegen Joseph II., sondern gegen Maria Theresia als Landesfrau. In dem Gedicht wird ausgerechnet der Preuße Friedrich II. als Erlöser herbeigesehnt, der die ursprüngliche Herrschaft Karl Theodors wiederherstellen möge:

Wir arbeiten und sind nicht faul
doch nimmt sie Uns noch aus dem Maul
- unser tägl. Brot
O Gott wenn wir dem Regiment
dieses Weibes wünschen bald ein End
- vergiebe uns ...
Ihre Unterthanen mit Begier
selbst rufen Josef du regier
- Und führe uns
Gott hat zu Häuptern Männer geben,
so gehört dies einem Weibe eben
- nicht
Wenn du von Preußen bekriegest wirst
so glaube nicht, daß du Baiern führest
- in Versuchung
O Fridrich dies Schicksal ende
laß uns nicht in Ihre Hände.
- sondern erlöse uns
Und wenn wir Theodor sind geben
so werden wir befreyet leben
- von allem Übel
Ja Fridrich gieb nicht eher Ruh
bis Kaiserin giebt dieses zu.
- Amen [Schm99].

 

Wohl nicht wegen des Gedichts, sondern zur Vereitelung weiterer territorialer Expansionen Österreichs schließt Friedrich II. mit Sachsen und Hannover das Drei-Kurfürsten-Bündnis, dem später andere Stände beitreten. Dieser Fürstenbund weckt patriotische Gefühle, so als Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791) an den Preußenkönig die Aufforderung richtet: Sey unser Führer Friedrich Hermann! Er wolt's. Da ward der deutsche Bund. Der aber will nicht, denn Friedrich denkt auch in seinen späten Jahren nie an das Reich, sondern nur an die Vergrößerung der preußischen Hausmacht.

 

 

Joseph als Reformer

 

 Rastlos schneidet Joseph alte Zöpfe ab mit dem Ziel einer Vereinheitlichung der Verwaltung in den habsburgischen Besitzungen zu einer fortschreitenden Zentralisierung und Absolutierung der Macht. So fällt in Vorderösterreich das adelige Gerichtsbarkeitsprivileg der Judicum Primae Instantiae zu Gunsten einer ersten Instanz der staatlichen Rechtspflege mit folgender zweistufiger Appellationsmöglichkeit. In Freiburg werden die Zünfte von der städtischen Mitverwaltung ausgeschlossen.

 

Zu den aufklärerischen Errungenschaften gehört auch seit 1772 eine mildere Zensur: keine Kritiken, sie mögen treffen, wen sie wollen, vom Landesfürsten an bis zum untersten Untertan, sind fortan zu verbieten, besonders wenn der Verfasser seinen Namen nennt und sich dadurch für die Wahrheit seiner Sache als Bürgen darstellt; denn es muss jedem Freund der Wahrheit eine Freude sein, wenn ihm solche auch auf diesem Wege zukommt [Baum07]. Dies führt an der Freiburger Universität zur Gründung des Freymüthigen einer philosophisch liberalen Zeitschrift, um verkannte Wahrheiten zu verbreiten, schädliche Vorurteile, abergläubische Torheiten und Mißbräuche zu bestreiten; Menschenliebe und Duldung allgemeiner zu machen, überhaupt zur Aufklärung des Verstandes und Besserung des Herzens beizutragen [Baum07]. Während im fernen Göttingen Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) urteilt: Nach den jetzigen Zeitläuften ist der Freimütige allein eine Universität wert [Baum07], bemüht sich der konservative Klerus vergeblich um ein Verbot dieser Repräsentation von Gottlosigkeit und Aufruhr [Quar02].

 

Auch Maria Theresia ist so gar nicht einverstanden, wenn sie ihrer Tochter Antonia nach Frankreich schreibt: Allenthalben beginnt der Geist des Widerspruchs einzureißen. Das ist eine Errungenschaft unseres aufgeklärten Zeitalters. Es preßt mir manchen Seufzer aus. Die allgemeine Sittenverderbniß, die Gleichgiltigkeit genen Alles, was unsere Religion betrifft, der Hang zum Erwerbe, Genusse und Vergnügen ist die Ursache des Übels [Bade82].

 

Das passt ins Weltbild der Monarchin denn bereits  1773 hatte Maria Theresia die Aufhebung des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV. (1769-1774) bedauert: Es tut mir leid. Ich finde bei den Jesuiten mehr Fähigkeiten, weniger Skandale und sehr viel mehr Eifer als bei den anderen [Kage81]. In Freiburg fallen die Kolleggebäude des Ordens an die Universität und das Jesuitenschlössle in Merzhausen wird verkauft.

 

 

Der Zölibat dient nicht der Fortpflanzung

 

 Bereits am 21. Juni 1770  hatte Kaunitz in einem Promemoria die Verminderung des Ordensklerus gefordert: Der Zölibat diene nicht der Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts, die Geistlichen würden auf ewig auch dem Ackerbau und Kriegsdienst entzogen, der Magistratur, den Manufacturen und Fabriquen, dem commercio etc., mit einem Worte beynahe allen andern nützlichen Anwendungen der Gesellschaft... Überdies habe man von Mönchen in der Kirche, und zwar in ihrer vollkommensten, der frühchristlichen Epoche, mehr dann 3 saecula, nicht das geringste gewusst, und deshalb meint Kaunitz, daß der Stand der Geistlichen überhaupt, und noch weit mehr der Mönchen, da sich derselbe auf beyde Geschlechter erstrecket, dem Staat und der menschlichen Gesellschaft an sich höchst schädlich seye ... [Desc13].

 

Nach dem Tode seiner Mutter im Jahre 1780 geht der nun alleinherrschende Joseph II. in seinem Reformeifer noch einen Schritt weiter und befiehlt mit kaiserlichem Handschreiben eine Kassation aller Orden, die ein bloß beschauliches Leben führten und zum Besten des Nächsten und der bürgerlichen Gesellschaft nichts Sichtbares beitrügen [Desc13], frei nach dem Motto: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Joseph begründet dies mit den Worten: Jene Orden können Gott nicht gefällig sein, die sich nicht mit Krankenpflege und Jugenderziehung beschäftigen, also dem Nächsten ganz und gar unnütz sind. Der Dichter Papa Gleim (1719-1803) kritisiert den Kaiser: Da sitzen auf unseren hohen Schulen die grundgelehrten Männer und gaffen den Papst und den Kaiser an, keiner aber stellt den lesteren zur Rede über seine Verletzung des Eigenthums, über sein Einziehen der geistlichen Güter zur weltlichen Kammer, und keiner weiß ihm's zu sagen, wie er's anfangen sollte mit dem vicario Christi [Bade82].

 

 

Tempi passati!

 

Hier irrt Gleim, denn Joseph weiß nur zu gut, wie er mit dem Stellvertreter Christi umspringen muss, so dass Rom die Habsburger, einst Bollwerk gegen Ketzerei und Protestantismus, nicht mehr versteht.  Deshalb nimmt 1782 Papst Pius VI. (1775-1799) den beschwerlichen Weg nach Wien auf sich, um Joseph II. ins Gewissen zu reden. Doch der Kaiser will von Canossa nichts wissen und ruft selbstbewusst aus: Tempi passati!*. Der französische Aufklärer d'Alembert (1717-1783) kommentiert in einem Brief an Friedrich den Großen den Gang des Papstes nach Wien: Ich wünschte, Gregor VII. und Heinrich IV. könnten Zeugen dieses Schauspiels und der Fortschritte sein, welche die Vernunft seit siebenhundert Jahren getan hat [Müll01]. Von 1772 bis 1774 werden 78 Klöster aufgehoben und 7354 Mönche und Nonnen müssen hinaus in die Welt. Bereits 1783 erzielt Wien aus dem Verkauf der Immobilien samt Inventar einen Gewinn vom 15 Millionen Goldgulden. Und da nun Joseph einmal beim Reformieren ist, reduziert er die kirchlichen Feiertage auf nur noch siebenundzwanzig pro Jahr und legt alle Kirchweihfeste in seinem Reich auf einen einzigen Tag zur Kaiserkirmes zusammen [Schi89].

 *Die Zeiten sind vorbei!

 

Der alte Alte Fritz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1789

 

 

Zurück zu Louis XIV

 

 

 

 

In Freiburg fällt Hermann von Greiffenegg die Aufgabe der Säkularisation zu. Zunächst hebt der Regierungsrat 1782 die Kartause Johannisberg und das Klarissenkloster beim Rathaus auf. Das Dominikanerkloster wird geschlossen; dessen Gebäude übernimmt die Universität [Spec10]. Während die Franziskaner ins Augustinerkloster umziehen müssen, wird 1784 aus dem Franziskanerkloster und der zugehörigen Martinskirche eine zweite Stadtpfarrei gebildet.  Die Augustinermönche dagegen dienen von nun an als Hilfsgeistliche an der neuen Stadtpfarrei oder bekleiden Pfarrstellen in der Umgebung der Stadt [Kalc06].

 

Beim Antritt seiner Herrschaft hatte Joseph verkündet: In einem Reiche, das ich regiere, muss – nach meinen Grundsätzen beherrscht – Vorurteil, Fanatismus, Parteilichkeit und Sklaverei verschwinden, damit jeder meiner Untertanen in den Genuss seiner angeborenen Freiheiten eingesetzt werden kann [Frie09]. In der Tat Josephs Sorge, die Wohlfahrt seiner Staaten zu vermehren, kennt keine Grenzen. Daher kommt es, dass seine Regierung schier jeden Tag sich durch neue Verordnungen auszeichnet, seufzt ein Verehrer des Kaisers [Kage81]. Und doch ist dieser Josephinismus nur eine verspätete Konkurrenz für Preußen. Friedrich der Große verspottet gar Joseph II. als Bruder Sakristan, als der versucht, die Ausbildung der Geistlichkeit und das religiöse Leben seiner Untertanen in allen Einzelheiten zu regeln.

 

 

Germanien, sey stolz auf deinen Kayser!

 

Im Jahre 1781 erlässt Joseph am 13. Oktober 1781 das österreichische Toleranzpatent, mit dem die bürgerliche Gleichheit der christlichen Konfessionen ausgesprochen wird, wenn es auch den Protestanten nur eine eingeschränkte Religionsausübung erlaubt: Ihre Bethäuser dürfen keine Türme, Glocken und Straßeneingänge haben. Am 1. November schiebt der Kaiser das Leibeigenschafts-aufhebungspatent nach, welches die Leibeigenschaft in österreichischen Landen abschafft. Da lobt ihn sogar die evangelische Presse: Germanien, sey stolz auf deinen Kayser! Unter seinem Schirme brach der Gottesstrahl der Aufklärung durch den größten Umkreis deiner katholischen Staaten [Schm99].

 

Im katholischen Breisgau nimmt die Bevölkerung das Toleranzpatent mit Unruhe auf, wenn auch Kardinal Rohan (1734-1803), Bischof von Straßburg, die Befolgung des Edikts empfiehlt. Die vorderösterreichische Regierung und der Konsess bezweifeln den Nutzen der kaiserlichen Anordnung: Wir hoffen zwar so wenig, als gewiß es wir nicht wünschen, daß es in unserm durchaus noch rein katholischen Vaterland jemals an die Notwendigkeit kommen werde, dergleichen Maßregeln zu ergreifen. Da aber der Eindruck entsteht, die Zahl der Protestanten in den österreichischen Ländern vermehre sich als Folge des Toleranzpatents rasant, fügen die Vorderösterreicher noch hinzu: Hiernach ist sich also bei allenfalls vorkommenden, in unserm rein katholischen Breisgau aber noch sehr entfernt scheinenden Fällen genauest zu achten [Goth07]. Immerhin muss der Kaiser am 1. Juni 1782 gegen das Gerede, das Edikt fordere zum Abfall von der katholischen Kirche auf, mit einem energischen Protest vorgehen.

 

In einer besonders spektakulären Durchsetzung des Toleranzedikts beruft Joseph II. 1784 den Protestanten Johann Georg Jacobi (1740-1814) zum Professor der schönen Wissenschaften an die Albertina.

 

 

Jene Offiziere wollten nur dem Monarchen einen schmackhaften Weihrauch streuen

 

Eine der letzten großen Reformen ist Josephs Versuch, 1786 mit der Konskription eine allgemeine Wehrpflicht einzuführen. Misstrauen wegen der eigenartigen Auswahl der Rekruten kommt bei den Bauern auf: Jene Offiziere wollten nur dem Monarchen einen schmackhaften Weihrauch streuen. Alle Krüppel, Untauglichen, befreiten Personen hätten sie ohne Unterschied genommen, denn die jungen Bauernsöhne, die sich am bedrohtesten fühlen, fliehen in die nahe Schweiz [Goth07]. Als der Kaiser im Jahre 1789 von den Landständen am Oberrhein ein zusätzliches Bataillon Reiterei mit 400 Mann fordert, ergeht eine energische Beschwerde nach Wien, in der nicht nur der Verzicht auf das Bataillon Reiter, sondern auf die Konskription überhaupt gefordert [wird], denn sie sei kostspielig, verhasst, mache das Volk, dem sie einen wahren Schrecken einjage, feige und lasse es flüchten, verfehle also auch ganz ihren Zweck. Die Formulierung des Papiers benötigt seine Zeit und so fügen die oberrheinischen Protestler nach Ausbruch der französischen Revolution der Beschwerde eine kaum verschleierte Drohung an: Sie, die Obrigkeiten würden freilich selber dieser zuerst zum Opfer fallen; durch die Dürftigkeit des Volkes sei hier der Boden für die Revolution mehr als anderwärts bereitet; die Ansteckung aus dem Elsaß finde fortwährend statt; man wisse, was in den Niederlanden geschehen sei, es bedürfe nur eines Funkens, und dieser sei die Forderung des Kavallerie=Bataillons [Goth07].  

 

 

Alles ist düster, niemand ist traurig

 

Josephs großes Vorbild ist zwar populärer, wird aber auch nicht geliebt. In seinem politischen Testament von 1752 verfügt der alte Fritz, nicht neben seinem Vater beerdigt zu werden: Ich habe als Philosoph gelebt und will als solcher begraben werden, ohne Pomp und ohne Prunk. Man bringe mich beim Schein einer Laterne und ohne dass mir jemand folgt nach Sanssouci und bestatte mich dort ganz schlicht auf der Höhe der Terrasse, rechterhand, wenn man hinaufsteigt, in einer Gruft, die ich mir habe herrichten lassen [Marx15]. 

 

Friedrich der Große stirbt am 17. August 1786 in Potsdam, doch niemand ist bekümmert, wie der französische Graf Mirabeau (1749-1791) in sein Tagebuch schreibt: Kein Gesicht, das nicht ein Gefühl der Erleichterung und der Hoffnung ausdrückte, nicht ein Bedauern, nicht ein Seufzer, nicht ein Lob. Mirabeau liefert die Erklärung gleich mit: Dahin also führen die vielen gewonnenen Schlachten, der hohe Ruhm, eine beinahe ein halbes Jahrhundert währende Regierung, voll kriegerischer Großtaten? Alle Welt sehnte ihr Ende herbei, alle Welt beglückwünschte sich dazu [Krol02]. In Berlin zünden viele Menschen vor Freude Kerzen an: Man möge Gott danken. Das alte Ekel sei endlich tot [Wieg11].

 

Im gleichen Jahr hatte Joseph seine aufklärerische Mission wie folgt interpretiert: Jeder Untertan erwartet von seinem Herren Schutz und Sicherheit, darum obliegt es dem Monarchen, die Rechte seiner Untertanen festzusetzen und ihre Handlungen so zu leiten, dass sie dem allgemeinen Wohle und dem Einzelnen zum Besten gereichen. Da wundert es ein wenig: Warum wird Kaiser Joseph von seinem Volke nicht geliebt? fragt der Wiener Schriftsteller Joseph Richter (1749-1813) und liefert die Antwort gleich mit: Kaiser Joseph hat so viele Feinde, weil er Reformator ist, weil jede Reform Missvergnügen machen muss und weil selbst ein Engel vom Himmel, wenn er als Reformator zu uns Menschen herabstiege, Feinde in Menge haben würde [Frie09].

 

Am 20. Februar 1789 stirbt Joseph II. und die Badener reagieren nicht anders als die Preußen auf den Tod ihres Herrschers: Die Beschwerden zusammengefasst stiegen endlich fast zur Unerträglichkeit und eine allgemeine mißmutige Niedergeschlagenheit beklemmte die Herzen [Goth07]. Die Universität bestimmt Johann Georg Jacobi zum Trauerredner. Goethes Urteil über Gedächtnisreden passt auch hier: Es ist das Unglück Josephs, der anders war als andere, weil er anders sein musste, dass hinterher einer kommt, der beweist: Er war wie andere gute Leute auch. Tatsächlich drückt Jacobi in der Trauerrede seine ganz persönliche Dankbarkeit aus, wenn er feststellt: Ich war einer der ersten, an denen der aufgeklärte Monarch tätig bewies, daß er entschlossen sei, verjährte Vorurteile zu verbannen und die mit der echten Religion verschwisterte Duldung neben sich auf den Thron zu setzen [Goth07].  

 

 

 Der Stadt Freiburg wider ihren Willen aufgedrungener lutherischer Friseur

 

Nach Josephs Tod erreicht die große Beschwerdeschrift der Landstände seinen Bruder und Nachfolger Leopold II. (1790-1792) in Wien. Eine der erhobenen Klagen richtet sich gegen die oktroyierte religiöse Toleranz: Der Breisgau sei zur Zeit der Religionsunruhen durch den mächtigen Schutz de Erzhauses vor den Irrtümern bewahrt geblieben, die in den angrenzenden Ländern eingerissen seien; er habe das Glück gehabt, seither ohne die mindeste Abänderung rein katholisch zu verbleiben. So zähle man auch im ganzen Breisgau nicht nur keinen Ort, sondern auch mit alleiniger Ausnahme eines erst im Jahre 1788 der Stadt Freiburg wider ihren Willen aufgedrungenen lutherischen Friseurs keinen Bürger in den Städten, noch einen Untertan in den Dörfern, der nicht katholisch wäre [Goth07].

 

Neben dem Friseur hätten die Landstände als Folge des Toleranzedikts auch die von Kaiser Joseph persönlich betriebene Berufung des Protestanten Johannes Georg Jacobi an die katholische Universität Freiburg erwähnen können. Als Jacobi dann 1791 sogar zum ersten nicht-katholischen Rektor gewählt wird, findet dies in der Presse ein großes Echo: Ein Protestantischer Rector einer katholischen Universität ist ein bisher noch nie gesehenes Phänomen! Zu Freyburg im Breisgau wurde zu Ende des Octobers [1791] Herr Professor Jacobi, der bekanntermaßen ein Protestant ist, einhällig zum Universitätsdirektor für dieses Schuljahr gewählt, und wird, nachdem die Universität unlängst zum Breisgauischen Landstande ist erhoben warden, als ihr Repräsentant, noch dieses Jahr unter den Breisgauischen Prälaten Besitz nehmen .... [Spec07]. Schließlich streicht der Universitätssenat, damit sich protestantische und jüdische Studenten an der Hochschule einschreiben können, sogar den Hinweis auf die unbefleckte Empfängnis im Immatrikulations-Eid [Spec10].

 

Zwar schraubt Leopold in den kommenden Zeiten des revolutionären Aufbegehrens viele Reformen seines Bruders Joseph zurück, doch kommt er der Forderung der Stände nach Aufhebung des Toleranzpatents nicht nach, denn das hätte bedeutet, nur Katholiken Bürger- und Untertanenrecht im Breisgau zu gewähren.

 

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